Auf Tour mit einer Truckerin
Sissy fährt immer mit

Ladbergen -

Tage- und wochenlang allein mit einem Truck auf Achse. Als Begleitung lediglich zwei Hunde. Für so manchen ist das vielleicht schwer vorstellbar. Für Maria Enste ist es Alltag. Die Berufskraftfahrerin behauptet sich als eine von relativ wenigen Frauen in einer Männerdomäne. Wir durften sie begleiten.

Freitag, 14.04.2017, 00:00 Uhr

Ihr Zuhause ist die Autobahn: Das Führerhaus ihres Trucks ist für Maria Enste zugleich Küche, Wohn- und Schlafraum sowie Badezimmer. Die Berufskraftfahrerin fühlt sich wohl in ihrem Job und möchte mit niemandem tauschen. Ihre Hunde Sissy und Garry sind immer dabei.
Ihr Zuhause ist die Autobahn: Das Führerhaus ihres Trucks ist für Maria Enste zugleich Küche, Wohn- und Schlafraum sowie Badezimmer. Die Berufskraftfahrerin fühlt sich wohl in ihrem Job und möchte mit niemandem tauschen. Ihre Hunde Sissy und Garry sind immer dabei. Foto: Sigmar Teuber

Sissy ist immer dabei. Die Shih Tzu-Hündin, von ihrer Besitzerin liebevoll Prinzessin genannt, wacht darüber, ob jemand – und wenn ja –, wer zu Frauchen Maria Enste in den Truck klettern darf. Garry, der Rüde, muss diesmal zu Hause bleiben. Seit er einmal von einem bösen Menschen getreten wurde, ist er auf Männer nicht gut zu sprechen. Für die 52-jährige Fahrerin, die im Auftrag der Fehrenkötter Transport & Logistik GmbH in ganz Europa unterwegs ist, gilt das zum Glück nicht – es sei denn, sie muss sich wieder einmal gegen einen zudringlichen Kollegen zur Wehr setzen. Redakteur Sigmar Teuber darf zwei Tage lang mitfahren.

Los geht's um 5 Uhr morgens

Montag, 5 Uhr, auf dem Fehrenkötter-Betriebshof in Ladbergen. Ein Druck auf den Anlasser erweckt den Motor des schweren Lkw zum Leben. Auf der Ladefläche des gut 20 Meter langen Truck stehen Edelkarossen. Wert: „Gut eine Million Euro“, sagt Maria Enste, die gerade die Ladungssicherung überprüft hat. Dann gibt die trotz der frühen Morgenstunde ausgeschlafene und gut gelaunte Berufskraftfahrerin Gas. Tagesziel: ein Unternehmen in Creutz­wald/Frankreich. Dort werden die drei Autos abgeladen.

Oft tage- und wochenlang unterwegs

Für die erfahrene Truckerin, deren Eltern 1962 aus Italien nach Deutschland kamen und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben, ist der Auftrag nichts Besonderes. Oft ist sie tage- und wochenlang unterwegs, transportiert neben Pkw auch schweres Gerät wie Traktoren und andere Landmaschinen.

Schon als Kind im Lkw mitgefahren

Gelernt hat Maria Enste das Bäcker- und Konditoren-Handwerk. Bei ihrem Vater, der als Sprengmeister gearbeitet hat, darf sie schon als Kind im Lkw mitfahren. Dabei infiziert sie sich mit dem Trucker-Virus. Mit 23 Jahren sitzt sie selbst hinter dem Steuer eines Kies-Lastwagens, verdient sich mit ihren Fahrkünsten den Respekt der harten Kerle auf vielen Baustellen.

Dann schlägt das Schicksal zu:

Ihr Mann, heute 57 Jahre alt, erleidet einen Unfall. Folge: Erwerbsunfähigkeit. Ein Problem, das es zu lösen gilt. Da sind das eigene Haus in Warstein, die beiden Kinder – Tochter Palma-Michelle (20) und Sohn Marcel (23) –, die laufenden Verpflichtungen: Alles kostet Geld. „Einer muss es verdienen, warum nicht ich?“, sagt sich Maria Enste, und startet durch. Das Lkw-fahren wird zum Full-Time-Job. Seit rund 15 Jahren arbeitet Maria Enste jetzt im Fernverkehr, seit November 2015 ist sie bei Fehrenkötter.

Sich in der Männerdomäne durchzusetzen, ist schwer

Die Truckerin kann ein Lied davon singen. Sie zählt nicht, wie oft ihr ein Held der Straße beim Elefantenrennen mit eindeutigen Gesten zeigt, was er von Frauen am Steuer eines Lkw hält. Sexuelle Angebote sind an der Tagesordnung. „In den ersten zwei Jahren habe ich oft geglaubt, ich wäre im falschen Beruf gelandet“, schmunzelt die Berufskraftfahrerin heute über das, was sie damals erst einmal verdauen musste.

Früh gelernt, sich zu behaupten

Bei zehn Geschwistern, davon sechs Brüder, hat sie früh gelernt, sich zu behaupten. Gelegentlich hilft es auch, dass sie Trägerin des schwarzen Karate-Gürtels ist. „Manche Männer verstehen leider nur handfeste Argumente“, sagt die Fahrerin, die sich unauffällig kleidet und unterwegs gern ein unfreundliches „Arbeitsgesicht“ aufsetzt, um aufdringliche Kollegen auf Distanz zu halten.

15.30 Uhr. Creutzwald. Vorsichtig rangiert Maria Enste die drei Luxusautos von der Ladefläche. Auch das gehört zu ihren Aufgaben. Dabei einen Kratzer in den Lack zu machen oder die Innenräume der Fahrzeuge zu verschmutzen, kann fatale Folgen haben. Doch schnell stehen die Wagen unbeschädigt auf dem Platz, der ihnen zugewiesen wurde.

Kurz darauf ist der Lkw wieder auf der Straße. Das nächste Ziel, das Disponent Thomas aus Ladbergen durchtelefoniert hat, ist Noerdange in Luxemburg. Dort müssen Landmaschinen abgeholt und zu einem Unternehmen in Meppen gebracht werden. An einer Tankstelle kauft Maria Enste die für die Fahrt in Luxemburg erforderliche Vignette. Weil es zum Laden heute ohnehin zu spät ist, gilt diese für den nächsten Tag. Jetzt muss nur noch ein Stellplatz für die Nacht gefunden werden.

Problem: Gute Parkplätze

Eine Raststätte oder einen Autohof gibt es erst auf Luxemburger Gebiet. Auf einem Parkplatz kurz vor der Grenze findet Maria Enste noch eine Lücke für ihren Lkw. „Auf solchen Plätzen stehe ich nicht gerne“, sagt sie. Meist seien die sanitären Anlagen schmutzig. Waschgelegenheiten gebe es kaum, eine Aufsicht schon gar nicht. Das trifft auch auf den aktuellen Parkplatz zu. Glücklich, wer Desinfektionstücher für die Hände dabei hat.

„Das hier ist meine Küche, mein Wohn-, Schlaf- und Badezimmer“

Zum Abendessen gibt es ein Reis-Fertiggericht, das Maria Enste neben vielen anderen Dingen aus dem Bordkühlschrank und diversen Fächern zaubert. Gekocht wird im Führerhaus auf einem Gaskocher. „Das hier ist meine Küche, mein Wohn-, Schlaf- und Badezimmer“, beschreibt die Truckerin. Während sie das wenige Geschirr spült – auf den Stufen zum Führerstand – kommt ein Kollege vorbei. „Hast Du mal einen Schraubenschlüssel?“ Hat sie nicht, aber eine Kombizange. Mit der repariert der Mann seine Maschine. Man hilft sich gern.

Katzenwäsche neben dem Truck, dann geht’s in die schmale Koje. Die Nacht ist ruhig.

Der nächste Tag bricht an

Schnell ist Noerdange erreicht. Es gießt. Ein Mitarbeiter des dortigen Unternehmens fährt einen überbreiten und einen normalen Traktor auf den Auflieger. Dazu einen Radlader. Für die Ladungssicherung ist Maria Enste zuständig. Das Verzurren dauert. Der Regen läuft in den Kragen der Arbeitskleidung, die von Fehrenkötter gestellt wird. Als alles sitzt wie es soll, ist die Fahrerin nass bis auf die Haut. Kurz was Trockenes anziehen. Weiter geht’s. Der Rückweg mit dem überbreiten Truck führt zum Teil über Kölner Stadtstraßen. Kein Problem für die erfahrene Kraftfahrerin. Am Abend ist Ladbergen erreicht, am nächsten Morgen setzt sie die Fahrt nach Meppen fort.

Was reizt sie an diesem harten Job?

„Wenn ich unterwegs bin, habe ich meine Ruhe, sehe viele Länder und neue Orte“, sagt Maria Enste. Als Frau werde sie beim Kunden oft freundlicher und respektvoller behandelt als die männlichen Kollegen. Ein schöner Ausgleich dafür, dass viele von denen „sich alle Freiheiten gegenüber Frauen herausnehmen und Abenteuer suchen“.

Ihre Familie sieht sie oft wochenlang nicht

Marie Enste hat gelernt, sich durchzusetzen. Das sie neben ihrem „Arbeitsgesicht“ auch eine andere, weiche Seite hat, wird deutlich, wenn sie liebevoll von ihrer Familie erzählt, die sie oft wochenlang nicht sieht, von „Püppi“, ihrer Tochter, die zurzeit in Amerika ist und die sie bald besuchen will, von ihrem Sohn, ihrem Mann, der Harley, die daheim auf einen Ausritt wartet. Dann ist der Horizont nur eine weitere Station auf dem Weg nach Hause.

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4767930?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F
Nachrichten-Ticker