Was tun, wenn man nicht mehr in die Praxis kann?
Der Zahnarzt im Frisörsalon

Saerbeck -

Patienten, die nicht mehr mobil sind, können in Saerbeck einen Heim-Termin beim „mobilen Zahnarzt“ vereinbaren. Die Praxis Schymocha kommt raus, nach Hause oder auch regelmäßig zur Sprechstunde ins Seniorenzentrum am See. Zahnarzt Clemens Schymocha registriert allerdings noch eine gewisse Scheu, der er entgegen treten will.

Mittwoch, 19.04.2017, 10:07 Uhr

Professionell improvisiert arbeitet der „mobile Zahnarzt“ Clemens Schymocha mit Assistentin Yvonne Dudenhausen im Frisörsalon des Seniorenzentrums am See. Im Spiegel Jutta Hubeny vom Pflegedienst, die bei der Sprechstunde hilft.
Professionell improvisiert arbeitet der „mobile Zahnarzt“ Clemens Schymocha mit Assistentin Yvonne Dudenhausen im Frisörsalon des Seniorenzentrums am See. Im Spiegel Jutta Hubeny vom Pflegedienst, die bei der Sprechstunde hilft. Foto: Alfred Riese

Wer geht schon gerne zum Zahnarzt? Aber was wäre eigentlich, wenn man nicht einmal gehen könnte? Etwa wenn die Mobilität eingeschränkt ist, man im Heim lebt und zu Hause gepflegt wird? Kann der Zahnarzt dann vielleicht zum Patienten kommen? In Saerbeck heißt die Antwort: Ja.

Zu Hausbesuchen oder ins Seniorenzentrum

Clemens Schymocha und sein zahnärztlicher Kollege Dr. Nils Bannert rücken regelmäßig mit einer Assistentin aus ihrer Praxis an der Emsdettener Straße aus zu Hausbesuchen oder ins Seniorenzentrum am See. Diesen „mobilen Zahnarzt“ gibt es, in aller Stille, seit zehn Jahren. Seit Kurzem gehen Schymocha und Bannert mit diesem Angebot in die Öffentlichkeits-Offensive.

Scheu bei Patienten

Das Motiv: „Zahngesundheit im Alter ist ein wichtiges Merkmal für Lebensqualität, die leidet, wenn man Zahnschmerzen hat oder nicht mehr richtig essen kann“, so erklärt es Nils Bannert. Oder, in Clemens Schymochas Worten: „Was am Ende bleibt, ist der Genuss des Essens und der Lieder; bei Ersterem kann der mobile Zahnarzt helfen.“ Allein: Die beiden Zahnärzte stellen eine gewisse Scheu fest bei Patienten und auch pflegenden Angehörigen, das Angebot anzunehmen.

Anrufen statt warten

Eine Scheu, die Jeanette Lienig abgelegt hat. Sie pflegt ihren Ehemann seit Jahren daheim, suchte sich als Zugezogene Schymocha als neuen Zahnarzt in Saerbeck und war „hoch erfreut“, dort vom „mobilen Zahnarzt“ zu hören. Mit Blick auf vorher notwendige, teure Krankentransporte in Praxen seufzt sie erleichtert: „Es wird besser, wenn der Zahnarzt nach Hause kommt.“ Statt zu warten, bis es ganz schlimm ist, rufe man einfach an. Die Behandlung sei die gleiche wie in der Praxis.

Entlastung auch für Angehörige

Angehörige, Patienten und auch Pflegepersonal in Heimen, die das Angebot nutzen, empfänden es als „Entlastung“, berichtet Nils Bannert. Zahnreinigung und Kontrolle des Zahnersatzes, Vorbeugung, Füllungen und notfalls auch das Zähne ziehen: „Es gibt einige Möglichkeiten“, erklärt er. Und „bei Menschen, die nicht mehr mobil sind, auch Jüngeren, ist der mobile Zahnarzt eben oft die einzige Möglichkeit“.

Sieben Sprechstunden im Jahr

Das sieht im Seniorenzentrum am See bei einer der sieben Sprechstunden im Jahr nicht anders aus. Jutta Hubeny vom Pflegedienst hat in den Wohnbereichen Bedarf und Wünsche gesammelt und hilft Zahnarzt Clemens Schymocha zusammen mit dessen Assistentin Yvonne Dudenhausen im umfunktionierten Frisörsalon. Das Wartezimmer ist im Flur. Schymocha grüßt, scherzt, erzählt, fragt. Es geht um Prothesenhygiene, Kontrolle, Prophylaxe, Nachsorge von Praxis-Behandlungen, um Tipps für das Pflegepersonal und Angehörige.

Fortbildung für Pflegepersonal

Eine Fortbildung plant der Zahnarzt für diesen Personenkreis und macht schon mal Fotos dafür. Das Gerät zur professionellen Zahnreinigung speist ein Akku in der Hosentasche, die Lampe trägt Clemens Schymocha wie ein Bergmann auf dem Kopf. Manche Patienten möchte er dann doch noch einmal in der Praxis sehen, manche Gebisse nimmt er zur Reinigung mit oder telefoniert sofort beim Zahntechniker hinterher.

„So möchte ich das auch haben, wenn ich alt bin“

Dass die Untersuchungen vor Ort stetiger stattfinden als mit der Hürde des Praxisbesuchs und dass damit das Bonusheft sauber bleibt, ist für ihn das eine. Das andere: „Irgendwann leben wir Jüngeren auch hier, dann möchte ich, dass es mit den Zähnen gut läuft.“ Jutta Hubeny vom Pflegedienst freut sich schon jetzt: „Ohne mobilen Zahnarzt würden wir oft nichts merken, bis bei unseren Bewohnern die Schmerzen da sind - wenn sie sich überhaupt noch äußern können.“

Manchmal kann Clemens Schymocha auch nichts tun. „Super Zähne, alle da und heile“, verabschiedet er die letzte Patientin der Sprechstunde im Frisörsalon, „so möchte ich das auch haben, wenn ich alt bin“.

Der neue Flyer der Praxis Schymocha zum „mobilen Zahnarzt“ wurde im März mit einem Sonderpreis der bundesweiten Initiative „pro dente“ ausgezeichnet.

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