Einsatz im Rettungshubschrauber
„Christoph Westfalen“ hebt ab

Feierabend“, sagt Georg Rohe. „Ich habe keine Opioide mehr.“ Der Notarzt des „Christoph Westfalen“ steht im Aufzug des Medisch Spectrum Twente, wo er gerade einen 17-jährigen Jungen abgeliefert hat. „Warum klettert der auf diesem Dach herum?“, fragt er, während er seine Ellbogen auf die leere, blutverschmierte Trage stützt und sacht mit dem Kopf schüttelt.

Samstag, 22.04.2017, 13:47 Uhr

Dr. Georg Rohe erfüllt dem 20-Jährigen, der bei einem Unfall schwer verletzt wurde, diese kleine Bitte. Die Schmerzmittel wirken. Gleich wird der Patient in der Uniklinik Bergmannsheil sein.
Dr. Georg Rohe erfüllt dem 20-Jährigen, der bei einem Unfall schwer verletzt wurde, diese kleine Bitte. Die Schmerzmittel wirken. Gleich wird der Patient in der Uniklinik Bergmannsheil sein. Foto: Stefan Werding

Es ist gleich 20 Uhr. Der Notarzt hat eine 24-Stunden-Schicht im Hubschrauber „Christoph Westfalen“ hinter sich. Von Greven aus ist er losgeflogen und hat einen Patienten mit einem gebrochenen Becken und eine Patientin mit einer Mittelgesichtsfraktur betreut, hat ein Frühchen von einem Krankenhaus in Detmold nach St. Augustin begleitet, hat einen Autofahrer nach einem Unfall von einem Acker bei Soest abgeholt und den Jugendlichen aus Stadtlohn versorgt. Jetzt sind die Schmerzmittel aufgebraucht.

Pilot ist wie ein Taxifahrer

An Bord sind drei Mann. Jeder von ihnen ist in dem, was er tut, ein Spezialist. Rohe ist Oberarzt in Oldenburg, Facharzt für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Notfallmedizin. So wie alle 19 Ärzte, die auf Honorarbasis für den ADAC in Greven arbeiten, hat er 15 Jahre Notfallerfahrung im Helikopter. „Wir leisten hier Intensivmedizin auf universitärem Niveau“, sagt er.

Sie finden keinen Piloten, der diesen Job nicht gerne macht

Pilot Andreas Parketny

Vorne sitzt Andreas Parketny, einer von elf Piloten, die beim ADAC in Greven stationiert sind. Um beim ADAC anfangen zu können, muss man 1500 Flugstunden als Kapitän nachweisen. Als hauptamtlicher Pilot kommt man im Jahr auf etwa 200 Flugstunden, Parketny macht den Job also schon länger. Der Pilot ist wie ein Taxifahrer. Er kümmert sich ums Fortkommen, um die Menschen an Bord kümmern sich andere. Während Rohe und Herrmann zu den Verletzten eilen, prüft er den Öldruck, checkt den Rotor und öffnet die Klappe im Heck, um die Trage herauszuholen. „Sie finden keinen Piloten, der diesen Job nicht gerne macht“, sagt er.

Die Piloten im „Christoph Westfalen“ fliegen auch dann, wenn andere am Boden bleiben. Dafür sind nachts immer zwei Piloten an Bord. Da sie vor allem von Klink zu Klinik fliegen, haben sie fast immer einen beleuchteten Landeplatz zur Verfügung. Nur bei Nebel oder starkem Schneefall sagt Parketny den Flug ab.

Die Retter aus dem Christoph Westfalen

1/17
  • Ein Rettungshubschrauber des ADAC kurz vor der Landung.

    Foto: ADAC
  • Pilot Andreas Parketny, Notarzt Georg Rohe und Notfallsanitäter Manuel Herrmann (v.l.)

    Foto: Stefan Werding
  • Die Retter aus dem Christoph Westfalen Foto: Stefan Werding
  • Pilot Andreas Parketny prüft den Ölstand des Hubschraubers, während sich seine Kollegen um den Verletzen kümmern.

    Foto: Stefan Werding
  • Auf einer Bundesstraße bei Ense /Soest kümmert sich die Besatzung des Rettungshubschraubers und eines Rettungswagens um den Patienten.

    Foto: Stefan Werding
  • Dr. Georg Rohe erwartet den Patienten im Rettungshubschrauber

    Foto: Stefan Werding
  • Dr. Georg Rohe versorgt den 20-jährigen Mann, der sich bei dem Unfall schwer verletzt hat.

    Foto: Stefan Werding
  • Auf dem Weg zur Klink Bergmannsheil kommt der ADAC-Besatzung der Hubschrauber der Johanniter entgegen.

    Foto: Stefan Werding
  • Eine frierende Krankenschwester und ein frierender Arzt nehmen auf dem Dach des Krankenhauses Bergmannsheil den Patienten in Empfang.

    Foto: Stefan Werding
  • Auch wenn es um Leben und Tod geht: Beim Transport der Verletzten - wie hier im Aufzug vom Dach der Uniklinik Bergmannsheil in den Schockraum - gibt es immer wieder auch Gründe zur Freude.

    Foto: Stefan Werding
  • Abflug: Auf dem Dach der Klinik Bergmannsheil wartet der Hubschrauber auf den Notfallsanitäter und den Notarzt

    Foto: Stefan Werding
  • Christoph Westfalen auf dem Anflug auf das Dach der Universitätsklinik Bergmannsheil in Bochum

    Foto: Stefan Werding
  • Die Retter aus dem Christoph Westfalen Foto: Stefan Werding
  • Die Retter aus dem Christoph Westfalen Foto: Stefan Werding
  • Feuerwehrleute begleiten die Crew des Rettungshubschraubers bis in den Schockraum. Der Kontakt ist herzlich: "Coffie" fragen sie. Oder: Mögt Ihr was essen?"

    Foto: Stefan Werding
  • Andreas Parketny muss Feierabend machen. Der Pilot war zwölf Stunden im Einsatz. Jetzt ist Schluss.

    Foto: Stefan Werding
  • Sechs Rettungshubschrauber decken das Münsterland ab, um dort Verletzte zu versorgen.

    Foto: Grafik: Jürgen Christ

„Christoph“ macht es Parketny leicht. Der Pilot fliegt den Hubschrauber fast nur per Autopilot, so dass er automatisch starten und punktgenau bis einen Meter Höhe über Grund schweben kann. Rückwärts fliegen kann er damit auch, etwa beim Start von einem engen Landeplatz.

„Letztlich sind wir Allrounder“

Manuel Herrmann ist einer von neun „Hems-TC“, das steht für „Helicopter Emergency Medical Services – Technical Crewmember“, was so viel bedeutet wie ein in der Luftrettung tätiges Mitglied des Rettungsdienstpersonals. Er ist der Gute-Laune-Bär und arbeitet Pilot und Arzt zu. „Letztlich sind wir Allrounder“, sagt er. Der Notfallsanitäter ist Fachkrankenpfleger für Anästhesiologie und Intensivmedizin und hat zusätzlich eine Ausbildung zum Notfallsanitäter, fünf Jahre Erfahrung im Rettungswagen und eine 14-tägige Flieger-Schulung abgeschlossen, nach der er in Navigation, Meteorologie, Luftrecht und Hubschraubertechnik geprüft wurde.

Die drei haben gerade einen 20-Jährigen in der Klinik Bergmannsheil in Bochum abgeliefert. Die Sorge, dass seine Wirbelsäule verletzt sein könnte, entpuppt sich als unbegründet. Bei Herrmann fällt so was unter „leichtes Unwohlsein“. Der Feierabend ist nicht mehr weit, als plötzlich über Funk ein nächster Notruf kommt: Eine Person ist durch ein Dach gebrochen. Es klingt nach Lebensgefahr. Parketny dreht ab, bringt das Team nach Stadtlohn. Mit 240 Stundenkilometern jagt der Hubschrauber zu der heruntergekommenen Fabrikhalle. Im Tablet guckt Herrmann schon mal, ob der Helikopter am Unfallort landen kann. Aus der Luft sieht man Feuerwehrleute, die Paletten aus dem Weg räumen. „Die da unten sind auf Zack“, lobt Parketny.

Rohe und Herrmann gehen zügig („Wer rennt, fällt.“) zum Verletzten. Der Junge liegt am Boden, blutet, der Notarzt am Boden hat den Zugang und einen ersten Verband gelegt, um das Blut zu stoppen, die Sanitäter beginnen, das Herz und die Sauerstoffsättigung zu überwachen. Rohe hilft als erstes mit Schmerzmitteln.

Mehr Erfahrung mit bestimmten Verletzungen

Mit sehr, sehr großer Sicherheit hat er mehr Erfahrung mit solchen Verletzungen als seine Kollegen vom Boden: Einer Studie zufolge versorgen Ärzte am Boden 1,2 Polytraumen im Jahr. Als Polytrauma bezeichnen Experten eine Verletzung, bei der mehrere Körperbereiche oder Organsysteme gleichzeitig so stark beschädigt werden, dass sie lebensbedrohlich sind. Notfallsanitäter am Boden haben 1,6 Mal im Jahr damit zu tun, Hubschrauberbesatzungen 75 Mal. Der Stadtlohner ist also in guten Händen. Sein Auge ist zugeschwollen: Es könnte sein, dass sein Schädel gebrochen ist. Ob das stimmt, lässt sich nur in einer Klinik feststellen. Der Junge wird narkotisiert, dann schiebt ihm der Arzt einen Beatmungsschlauch in die Luftröhre.

Welche Verletzungen genau er hat, ist für den Notarzt schwer herauszufinden. Er nimmt ihm die Schmerzen und stabilisiert ihn für den Flug. In ein paar Minuten werden sie im Schockraum des Medisch Spectrum Twente sein. Dort stehen zehn Ärzte und Schwestern bereit, um den Deutschen aufzunehmen. Nach einer kurzen Übergabe („Kann ich Deutsch sprechen?“) beschreibt Rohe den Zustand des Patienten.

Während die Pfleger den Patienten vorbereiten, kontrolliert der erste Arzt per Ultraschall die Organe, eine Kollegin macht Röntgenbilder. Anschließend landet der Verletzte im CT. Schnell wissen die Mediziner so, was sie wo zuerst machen müssen. „Die Lunge sieht auch nicht gut aus“, sagt Herrmann später. Der 17-Jährige kämpft um sein Leben.

Mit freiem Kopf zum nächsten Einsatz

Rohe lässt ihn nach dem Papierkram in der Klinik zurück. Manchmal erfährt er per Fax, wie es seinen Patienten ergangen ist. „Es geht mir immer wieder nahe“, sagt er über die Fälle. Am Abend, wenn der Helikopter von Enschede wieder abhebt und das Sonnenlicht durch die Wolken bricht, holt Rohe sein Handy raus, um seinem Schatz ein Foto zu schicken. Für Geld macht er den Job bestimmt nicht. „Ich bin ein Organ-Ingenieur“, sagt er. „Ich habe Dinge gesehen, die kannte ich vorher nur aus Büchern. Ich habe in großen Kliniken schon so viel gesehen, was ich in meinem Krankenhaus in Oldenburg weitergeben konnte.“

Draußen wartet schon der Hubschrauber. Parketny muss los, sonst überschreitet er seine Flugzeit. Herrmann packt die Trage, während Rohe noch die letzten Formulare ausfüllt. „Mein Auftrag endet in Schockraum“, sagt der Sanitäter. Nur in den drastischsten Fällen fragt er nach, wie es dem Patienten weiter ergangen ist. Ein Sturz aus fünf Metern gehört nicht dazu. Es dient dem Selbstschutz, nicht öfter nachzufragen. „Der Kopf muss wieder frei sein für das, was dann kommt.“

Anzeige
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4782540?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947630%2F
Nachrichten-Ticker