NRW-Landtag
Überraschende Kehrtwende stoppt Jung-Politiker aus Rheine

Rheine/Düsseldorf -

Zu früh gefreut: Mit seinen 24 Jahren sollte FDP-Mann Alexander Brockmeier aus Rheine als jüngster Abgeordneter in den Landtag ziehen. Doch eine Parteikollegin macht ihm mit einem überraschenden Gesinnungswandel einen Strich durch die Rechnung.

Mittwoch, 31.05.2017, 09:08 Uhr
Alexander Brockmeier aus Rheine wäre mit 24 Jahren der jüngste Landtagsabgeordnete, wenn er im September in das Parlament nachrückt.
Alexander Brockmeier aus Rheine wäre mit 24 Jahren der jüngste Landtagsabgeordnete, wenn er im September in das Parlament nachrückt. Foto: Jona Poggel

Den Hausausweis für den Landtag hat er bereits in der Tasche, alles ist vorbereitet für den ersten Tag als Landtagsabgeordneter in der FDP-Fraktion. Doch seit Montag muss Alexander Brockmeier umplanen: Die Premiere an diesem Donnerstag ist für den 24-jährigen Jura-Studenten aus Rheine schon geplatzt.

Sein sicher geglaubter Sitz in der 28-köpfigen Fraktion der Liberalen bleibt vorerst besetzt. Denn Martina Hannen, 46-jährige FDP-Politikerin aus Lage, hat zur Überraschung ihrer Parteifreunde und der übrigen Landtagskollegen eine Kehrtwende vollzogen. Statt ihr Landtagsmandat wie angekündigt sofort niederzulegen, weil sie es nur durch ein „Büroversehen“ – so nennt es die Partei – erhalten hat, will sie jetzt regulär in den Landtag einziehen.

Diese 21 Abgeordneten schickt das Münsterland nach Düsseldorf

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  • 21 Abgeordnete werden das Münsterland künftig im Landesparlament vertreten. Hier die Gesichter:

    Alexander Brockmeier (FDP)

    Den kuriosesten Weg in den Landtag hat der Jura-Student aus Rheine. Er war bei der FDP auf Platz 29 der Landesliste gesetzt. Die Liberalen errangen nur 28 Parlamentssitze. Die durch eine Verwechslung auf Platz 24 statt 48 gesetzte Kandidatin Martina Hannen wollte ihr Mandat ursprünglich nicht annehmen und so den Weg frei machen für Brockmeier. Doch kurz vor der ersten Landtagssitzung die 180-Grad-Wende: Hannen nimmt ihr Mandat doch an. Brockmeier muss jetzt darauf hoffen, dass die FDP im September in den Bundestag zieht und dadurch Christian Lindners Sitz im Landtag frei wird.

    Foto: Jona Poggel
  • Markus Diekhoff (FDP)

    Der Drensteinfurter stand auf Platz 20 der Landesliste und schaffte es sicher in den Landtag.

    Foto: mik
  • Henning Höne (FDP)

    Der gebürtige Coesfelder sitzt schon seit 2012 im Landtag. Listenplatz zehn garantierte, dass es dabei auch bleibt.

    Foto: FDP
  • Norwich Rüße (Grüne)

    bewirtschaftet im Nebenerwerb einen Bio-Bauernhof in Steinfurt. Seit 2010 sitzt er im Landtag und kümmert sich hauptsächlich um die Themen Naturschutz, Landwirtschaft, Tierschutz und Ernährung. Listenplatz elf bei den Grünen reichte zum erneuten Einzug ins Parlament.

    Foto: Axel Roll
  • Josefine Paul (Grüne)

    Auch die Abgeordnete aus Münster, die auf Platz zwölf der Landesliste stand, zieht erneut in den Landtag ein. Bei den Grünen zog die Liste bis Platz 14.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Helmut Seifen (AfD)

    16 Abgeordnete schickt die Alternative für Deutschland in den Landtag. Einer davon ist Helmut Seifen (rechts im Bild), Schulleiter aus Gronau.

    Foto: Frank Zimmermann
  • Christian Blex (AfD)

    Der Sprecher der AfD im Kreis Warendorf zog durch Platz 14 auf der Landesliste ins Parlament ein.

    Foto: Beate Kopmann (Archiv)
  • Frank Sundermann (SPD)

    Der Sozialdemokrat aus Westerkappeln errang als einziger im Münsterland ein Direktmandat für die SPD. Im Wahlkreis 83 (Steinfurt III) setzte er sich knapp gegen seinen CDU-Konkurrenten durch. Kurios: Am Wahlabend hatte Sundermann seine Niederlage schon eingeräumt. Dann wendete sich das Blatt noch.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • André Stinka (SPD)

    Drei weitere Sozialdemokraten unterlagen in ihren Wahlkreisen bei der Erststimme, rücken aber über die Landesliste ins Parlament. So auch André Stinka aus Dülmen. Der Generalsekretär der NRW-SPD war mit Listenplatz zwölf abgesichert.

    Foto: SPD
  • Annette Watermann-Krass (SPD)

    Die Sendenhorsterin stand auf Listenplatz 13. Weil die Sozialdemokraten NRW-weit nur 56 Direktmandate gewannen, reichte das gerade noch für den Einzug ins Parlament.

    Foto: SPD
  • Svenja Schulze (SPD)

    Die amtierende NRW-Wissenschaftsministerin konnte ihr Direktmandat in Münster (Wahlkreis 85, Münster II) nicht verteidigen. Durch Listenplatz zwei zieht sie dennoch in den Landtag ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Stefan Nacke (CDU)

    Schulze verlor ihr Direktmandat an Stefan Nacke, der den Wahlkreis Münster II künftig vertreten wird. Übrigens: Alle Christdemokraten im neuen Landtag holten ihren Platz über ein Direktmandat. Die Landesliste zog bei der CDU nicht.

    Foto: Oliver Werner
  • Simone Wendland (CDU)

    Auch den anderen Wahlkreis in Münster (84, Münster I) gewann die CDU. Simone Wendland, Rechtsanwältin aus Gelmer, zieht erstmals in den Landtag ein.

    Foto: Oliver Werner
  • Heike Wermer (CDU)

    Mit 29 Jahren ist die Philologin aus Heek eine der jüngsten Abgeordneten im Landtag. Sie gewann den Wahlkreis Borken II mit 56,3 Prozent.

    Foto: Mareike Katerkamp
  • Wilhelm Korth (CDU)

    Der gelernte Landmaschinenschlosser aus der Bauernschaft Stevede bei Coesfeld errang das Direktmandat im Wahlkreis 79 (Coesfeld I - Borken III).

    Foto: CDU
  • Andrea Stullich (CDU)

    Die Rheinenserin ist Chefredakteurin von Radio RST, dem Lokalsender für den Kreis Steinfurt. Sie holte das Direktmandat im Wahlkreis 82 (Steinfurt II).

    Foto: dpa
  • Christina Schulze Föcking (CDU)

    Die Steinfurterin ist bereits seit 2010 im Landtag. Mit 53,3 Prozent holte sie die Mehrheit der Erststimmen im Wahlkreis 81 (Steinfurt I).

    Foto: Axel Roll
  • Hendrik Wüst (CDU)

    Der ehemalige Landesvorsitzende der Jungen Union ist seit 2005 im Landtag. Der 41-Jährige aus Rhede ist seit sieben Jahren wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Er gewann im Wahlkreis Borken I.

    Foto: dpa
  • Dietmar Panske (CDU)

    Im Wahlkreis 80 (Coesfeld II) fuhr der 50-jährige Ascheberger Dietmar Panske mit 49,6 Prozent der Erststimmen einen deutlichen Sieg ein. 

    Foto: Theo Heitbaum
  • Daniel Hagemeier (CDU)

    Der 46-Jährige aus Oelde gewann den Wahlkreis Warendorf I mit 48,1 Prozent. 

    Foto: Jörg Pastoor
  • Henning Rehbaum (CDU)

    Der Münsteraner ist seit 2012 Mitglied des Landtags und errang das Direktmandat im Wahlkreis Warendorf II mit zehn Prozentpunkten Vorsprung. Vor fünf Jahren hatte hier die SPD noch die Mehrheit bei den Erststimmen.

    Foto: Christiane Husmann

Überraschende 180-Grad-Wende

Als die Juristin am Montag ihren Entschluss in Lage bekannt gibt, hat sie eine Vielzahl von Gesprächen auch mit der Parteispitze hinter sich. Eine 180-Grad-Wende ist schwer zu vermitteln. Denn eigentlich war ihr Parteifreund Christian Sauter aus Extertal auf Platz 24 der Landesliste gewählt und Hannen auf Platz 48. Dass beides in der FDP-Zentrale verwechselt wurde, wollte sie nicht ausnutzen. Der Landeswahlleiter hat es indes nicht beanstandet, hat auch Hannens Antrag, ihre Wahl nicht zu bestätigen und den Listenfehler zu korrigieren, abgelehnt.

Die Lipperin hat diese Entscheidung nach eigenen Angaben ins Nachdenken gebracht. Viele Bürger hätten sie gedrängt, das Mandat für die Region wahrzunehmen. „Ich fühle mich verpflichtet, den Wählerwillen und das Wahlergebnis zu respektieren“, erklärt sie. Und FDP-Sprecher Moritz Kracht konstatiert: „Über die Annahme und Ausübung des Mandats kann Frau Hannen frei entscheiden.“ Das erklärt auch der Landeswahlleiter.

„Ein bisschen enttäuscht und überrascht“

So locker sehen es nicht alle Freidemokraten: Brockmeier reagiert nur „ein bisschen enttäuscht und überrascht“. Mit den jungen Liberalen hatte er seinen Einzug ins Parlament schon gefeiert. 

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Mit 24 Jahren wäre der Rheinenser der jüngste Abgeordnete im Landtag geworden - jetzt muss er sich in Geduld üben. Denn er kann noch ins Landesparlament nachrücken, sobald Parteichef Christian Lindner in den Bundestag wechselt. Voraussetzung: Die Liberalen springen bei der anstehenden Bundestagswahl im September über die Fünf-Prozent-Hürde. Für diesen Erfolg wolle er jetzt kämpfen, sagt Brockmeier.

Sorge um schwarz-gelbe Mehrheit

Andere in der Partei machen sich derweil ernste Sorgen, weil Hannens Schwenk die Ein-Stimmen-Mehrheit von CDU und FDP gefährden könnte. Falls Bürger vom Wahlausschuss anrufen oder gar den Weg zum Verfassungsgerichtshof gehen, drohe ein Fiasko. Die FDP sei angetreten es besser zu machen, empört sich ein angesehener Funktionär über die Panne. „Ich finde es einen Skandal.“

Als erfahrene Kommunalpolitikerin beschreiben Mitglieder der neuen FDP-Fraktion ihre Überraschungskollegin, auf die sie sich aber erst einstellen müssen. Und sie möchten sich lieber nicht ausmalen, was Skeptiker befürchten: Dass Hannen sich unter dem Druck von der Fraktion absetzen könnte. Für Schwarz-Gelb wäre es beim Stimmenverhältnis von 100 zu 99 das Ende.

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