Maria Hengelman-Schlag hat ihren ersten Roman in Braille-Schrift geschrieben
Mit Fingerspitzengefühl

GRONAU/ENSCHEDE -

„Warum kann ich nicht auf die gleiche Schule gehen wie Susi?“ Die kleine Christina reagiert verstört, als ihr Vater sie im Internat abliefert, wo sie mit anderen Blinden gemeinsam die Schule besuchen soll. Wir schreiben das Jahr 1958. Von Inklusion spricht niemand. Und so muss sich die Protagonistin von Maria Hengelman-Schlags Erstling „Christinas Weg“ von ihrer Familie trennen, um die Schule zu besuchen und einen Beruf zu erlernen.

Samstag, 05.08.2017, 10:20 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 05.08.2017, 10:17 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 05.08.2017, 10:20 Uhr
Maria Hengelman-Schlag liest mit den Händen. Geschrieben hat sie ihren Erstling „Christinas Weg“ bereits in den 80er-Jahren, in Braille-Schrift. Als sie das Manuskript 2005 wiederentdeckte, entschloss sie sich zur Veröffentlichung.
Maria Hengelman-Schlag liest mit den Händen. Geschrieben hat sie ihren Erstling „Christinas Weg“ bereits in den 80er-Jahren, in Braille-Schrift. Als sie das Manuskript 2005 wiederentdeckte, entschloss sie sich zur Veröffentlichung. Foto: Christiane Nitsche

„Ja“, sagt Maria Hengelman-Schlag auf die Frage, ob sie selbst auch gern gemeinsam mit nicht-behinderten Kindern in die Schule gegangen wäre. Die 1962 geborene Hessin besuchte ebenfalls eine Internatsschule für Blinde, als sie – von Geburt an blind – eingeschult wurde. „Es war nicht einfach“, erinnert sie sich, „wenn man nur in den Ferien nach Hause durfte.“ Aber dann schränkt sie ihr Statement für Inklusion ein: „Die ersten zwei Jahre müsste man schon auf eine Blindenschule gehen“, sagt sie, „um Braille zu lernen.“

Braille, die nach ihrem Erfinder benannte Blindenschrift, nutzt die Autorin auch bei ihrer Lesung am Donnerstagabend in der Stadtbücherei Gronau, wo sie Auszüge aus „Christinas Weg“ und dessen Folgeband „Svenjas Tagebuch“ vorstellt. Allerdings liest sie selbst nur den Klappentext ihrer Bücher. Die eigentliche Lesung der lebendigen Dialogszenen und erstaunlich bildhaften Beschreibungen erfolgt per CD-Spieler mithilfe der Hörbücher, die sie parallel zu den gedruckten Bänden hat produzieren lassen.

Dass ihre Heldin Christina blind ist, überrascht die Zuhörer weniger als die Tatsache, dass die Gemeinsamkeiten zwischen Autorin und Protagonistin damit schon beinahe erschöpft sind. Während Christina eine Reihe von schweren Schicksalsschlägen erdulden muss und in einer Zeit aufwächst, in der eine Behinderung in vielen Familien als Makel oder sogar als Versagen empfunden wird, erfuhr Maria Hengelman-Schlag in ihrem Leben viel Gutes. „Ich bin froh, dass ich nicht alles erlebt habe, was sie erlebt“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem ebenfalls sehbehinderten Mann lebt Maria Hengelman-Schlag seit 32 Jahren in Enschede, wo sie in einer Behindertenwerkstatt arbeitet. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder, die beide sehen können. „Gott sei Dank“, wie Maria Hengelman-Schlag sagt.

Geduldig beantwortet sie Fragen zum Alltagsleben als Blinde, zu ihrer Rolle als einziges blindes Kind in einer Großfamilie, zu den Schwierigkeiten der Arbeitssuche, die auch heute noch oft nur durch Beziehungen zum Erfolg führt, wie sie sagt, und zu Familie und Hilfsmitteln, die sie nutzt – bis hin zu Smartphone-Apps.

Davon kann ihre Heldin Christina nur träumen. Dabei ist ihr größter Wunsch die Unabhängigkeit – gegen die Überbehütung durch die Eltern, namentlich den Vater. „Das ist ein Leid, das sie hat: dass der Vater ihr so wenig zutraut“, erklärt Maria Hengelman-Schlag.

Ein weit verbreitetes Missverständnis, dem auch viele Mitbürger bis heute aufsitzen – dass Blinde stets und bei allem Hilfe brauchen. Maria Hengelman-Schlag gibt eine Reihe von Beispielen zum besten, von denen das kurioseste ihrem Mann passierte: „Er wollte jemanden vom Zug abholen und wartete auf dem Bahnsteig“, erzählt sie. „Da kam plötzlich jemand, nahm ihn beim Arm und zog ihn ungefragt in den Zug.“

Falsch verstandene Hilfe, aber auch das Gegenteil – das gebe es leider immer wieder. „Wenn ich die Straße überqueren möchte und sehr viel los ist, erlebe ich oft, dass Leute einfach an mir vorbeigehen.“ Zu oft herrsche Unsicherheit. Dabei müsse man nur miteinander sprechen.

So wie die Charaktere in ihren Romanen: Svenja, Christinas jüngste Tochter, gerät in einen Strudel aus Angst und Gewalt, weil sie es nicht fertig bringt, sich ihren Eltern und ihrem Mann anzuvertrauen. Nur ihr Tagebuch kennt die ganze Geschichte. Was aber genau das Geheimnis ist, verrät Maria Hengelman-Schlag an diesem Abend nicht. „Da ist es schön spannend“, sagt sie verschmitzt. „Da höre ich jetzt auf.“

► Die Bücher – in Druckform oder als Hörbuch – sind über die Autorin erhältlich: mhengelman@xs4all.nl

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