Gerhard Stemmer ist leidenschaftlicher Sammler
Die Welt der Zinnfiguren

Telgte -

In Ostdeutschland nahm 1990 alles seinen Anfang. Seither ist Gerhard Stemmer leidenschaftlicher Zinnfiguren-Sammler.

Samstag, 11.11.2017, 15:00 Uhr

Gerhard Stemmer kam 1990 im sächsischen Thum erstmals mit Zinnfiguren in Berührung. Seither hat ihn die Faszination nicht mehr losgelassen.
Gerhard Stemmer kam 1990 im sächsischen Thum erstmals mit Zinnfiguren in Berührung. Seither hat ihn die Faszination nicht mehr losgelassen. Foto: Pohlkamp

Es war kurz nach der Wende, der erste Tag der Deutschen Einheit im Jahre 1990 war noch nicht einmal gefeiert, da kam Gerhard Stemmer in der sächsischen Stadt Thum erstmals mit Zinnfiguren in Berührung. Diese Faszination ließ ihn nicht mehr los. So wurde aus dieser zufälligen Entdeckung eine Sammelleidenschaft und ein Hobby – von der Handwerkskunst bis hin zur Malerei.

Geboren wurde Gerhard Stemmer 1944 im Kloster Gerleve. Seine Kindheit verbrachte er in Gelsenkirchen. Sieben Jahre lang arbeitete er unter Tage in der Gelsenkirchener Zeche Dahlbusch. Die Bundeswehr veränderte seine berufliche Karriere und seinen Wohnsitz: Bis 1980 war er als Sanitäter tätig, schaffte die Qualifikation zum Krankenpfleger, Masseur und medizinischen Bademeister. Danach war er 30 Jahre lang in Telgte als Sportphysiotherapeut selbstständig.

Mit seiner Ehefrau Brunhilde zog es ihn 1980 gemeinsam mit seinen beiden Söhnen Dirk und Carsten in die Wallfahrtsstadt. Sportlich boxte er zunächst als Amateur beim FC Schalke 04, ehe er sich dem Lauftreff des TV Friesen anschloss. Später widmete er sich den Wurfdisziplinen Kugelstoßen und Diskus. Insgesamt 13 Landesmeistertitel holte er in seiner Altersklasse.

Zum Sammeln von Zinnfiguren kam er im Zuge eines Staffellaufes des TV Friesen, der ihn im Jahre 1990 nach Thum in Sachsen führte. Dort lernte er Hannes Richter kennen. Dieser sammelte Zinnfiguren und Gerhard Stemmer ließ sich von dieser „Zinnfiguren-Sammelleidenschaft“ anstecken, zumal ihm Richter auch zeigte, wie er selbst Zinnfiguren herstellte. „Das hat mich beeindruckt und ließ mich nicht mehr los“, erinnert sich der Telgter.

Gerhard Stemmer denkt gerne an das Jahr 1990 zurück, als er von seinem Thumer Freund ein Abschiedsgeschenk erhielt, das er noch heute in Ehren hält und das einen besonderen Platz in seiner inzwischen auf mehrere Tausend Zinnfiguren gewachsene Sammlung hat: ein Geschütz mit Bedienung.

Immer mehr Zinnfiguren fanden einen Platz in seiner Sammlung. „Mich fesselte dieses Thema so sehr, dass ich auch alles über Zinnfiguren wissen wollte. Ich informierte mich über Zeitungen, Fachbücher und schloss mich „Zinnfiguren-Vereinen“ an. „Die schönsten Zinnfiguren fand ich in der ehemaligen DDR, denn dort gab es eine hohe Zuneigung zur Zinnfigurenkunst“, erzählt Gerhard Stemmer. „In ihr verwirklichen sich künstlerische und handwerklich-technische Neigungen ebenso wie wissenschaftliches Interesse.“

Die magische Ausstrahlung der Zinnfiguren und die damit verbundene Geschichte zu DDR-Zeiten ließ ihn nicht mehr los: „Zinnfiguren mit unterschiedlichsten Schaubildern waren zu DDR-Zeiten beliebtes Kinderspielzeug. Zinnfiguren wurden sogar im Geschichtsunterricht als Ansporn und Lernhilfe eingesetzt und hatten zu DDR-Zeiten eine kulturhistorische Bedeutung“, lernte Stemmer. „In der Anfangszeit bin ich ein Mal im Jahr nach Thum gefahren. Nach jedem Volkslauf verabredete ich mich mit Hannes und so lernte und erfuhr ich viel über Zinnfiguren.“

27 Jahre sind seit seiner Entdeckung von Zinnfiguren vergangen. Daraus ist inzwischen mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung geworden.

Ein Blick in seine Sammlung zeigt eine sehr große Vielfalt mit einem repräsentativen Querschnitt an Themen und Motiven aus Brauch, Handwerk, Religion, Völkerkunde, exotischen Welten und historischen Ereignissen. Feldherren, Fußsoldaten oder berittene Krieger aus Zinn beherrschen seine Räumlichkeiten. In Stemmers Zinnfigurensammlung wird auch die Geschichte lebendig: Der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 ist mit Zinnfiguren eindrucksvoll auf einer großen Spanplatte nachgebaut. Auch viele Bergbaumotive füllen seine Sammlung. Immerhin praktizierte Stemmer sieben Jahre lang den Beruf des Bergmannes.

Zum ehemaligen Bergwerksdirektor aus Ibbenbüren hat er noch heute Kontakt: „Ich habe meine Sammelleidenschaft erweitert“, freut sich Gerhard Stemmer. Wie? „Ich habe mir einen Zinnformenbestand zugelegt und produziere inzwischen selbst Zinnfiguren.“ Hatte er anfangs diese Zinnfigurenformen käuflich erwerben oder ausleihen müssen, ist er inzwischen den nächsten Schritt gegangen. „Ich stelle mir meine Formen nach meinen Vorstellungen selbst her.“ Diese Kunstfertigkeit hat er in den 27 Jahren erworben, und das macht ihn auch stolz: Seine Sammlung an Zinnfiguren erlebt plötzlich einen Wandel: Feldherren, berittene Kriege und Fußsoldaten bekommen Konkurrenz: Radfahrer, Autos, Sportler und Politiker erobern die „Zinnfigurenwelt“ von Gerhard Stemmer. „Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel finden sich Ludwig Erhardt, Helmut Schmidt, Napoleon, die Familie Obama und Friedensreiter wieder.“ Historische Telgter Ansichten mit Fahrrädern aus der jeweiligen Zeit aus Zinn sind in Bilderrahmen gefasst.

Weihnachtsmotive, Krippen und Krippenfiguren, Kamele stehen plötzlich im Mittelpunkt. Auch das Osterfest findet sich in der Sammlung wieder.

„Neben einer umfangreichen, einfarbigen Zinnfigurensammlung und den vielen Möglichkeiten, die ich mir geschaffen habe, zum Beispiel, dass ich mir jetzt meine eigenen Figuren in meiner kleinen Werkstatt herstellen kann, bin ich angefangen, Zinnfiguren zu bemalen“, freut sich Gerhard Stemmer auf seine neuen Aufgaben. „Meine Zinnfiguren erhalten jetzt ein Gesicht, einen Anzug. Sie bekommen Farbe. “ In Malkursen hat Gerhard Stemmer gelernt, wie man seine Miniaturen kunstvoll bemalt. Er hat die Lösung, und so malt er für sich und andere. Und nebenbei entwickelt er eine weitere Leidenschaft: Zinnfigurenformen aus Kautschuk selbst herzustellen.

Gerhard Stemmer: „Zinnfiguren sammeln ist eine faszinierende Freizeitbeschäftigung. Es hat einen außergewöhnlichen Reiz, die Sammlung zu betrachten, sich an die eine oder andere Zinnfigur zu erinnern, die mich an Menschen und Begegnungen erinnern. Jetzt habe ich mir den Weg geöffnet, selbst Figuren anzufertigen und vor allem sie zu bemalen.“

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