Frühchen
Jule Hagemann wog bei ihrer Geburt 400 Gramm

Dülmen -

Wenn Anna Hagemann von ihrer Tochter Jule spricht, sagt sie Sätze wie: „Sie hatte einen holprigen Start ins Leben“ oder: „Wir wussten in den ersten zwei Jahren nicht, ob sie schwerbehindert sein wird.“ Jule kam am 13. Februar 2013 auf die Welt, als Frühchen, das gerade mal 400 Gramm auf die Waage brachte. Heute ist sie ein putzmunteres kleines Mädchen.

Freitag, 17.11.2017, 12:15 Uhr

Ein lebensfrohes Prachtkind: Jule mit ihren Eltern Anna und Michael Hagemann.
400 Gramm wog Jule Hagemann bei ihrer Geburt. Das sei an der Grenze zur Lebensfähigkeit gewesen, erinnern sich die Ärzte. Foto: privat

Der 12. Februar 2013. Anna Hagemann wird den Tag nie vergessen. Die junge Frau leidet an einer Schwangerschaftsvergiftung. Krankenwagen, Blaulicht, ein Notfall: Sie wird ins Perinatalzentrum der Coesfelder Christophorus-Kliniken gebracht. Die Ärzte erklärten ihr, das Kind am nächsten Tag per Kaiserschnitt holen zu müssen, wenn es den Hauch einer Chance haben sollte. „Ich war in der 23. Woche schwanger“, sagt die Arzthelferin.

Wer Bilder eines 400- Gramm-Kindes sieht, wundert sich. Wie klein doch Leben sein kann. Während Jule am Tisch munter Plätzchen mümmelt, zeigt ihre Mutter ein Foto, das ihre Tochter kurz nach der Geburt zeigt. In den Händen von Vater Michael Hagemann, einem Landwirt. Das Kind ist winzig, die Hände wirken riesenprankengroß.

Nach der Geburt: Die Sorge um Jule

Dr. Hubert Gerleve ist Chefarzt der Kinder- und Jugendklinik der Christophorus-Kliniken und kann sich – obwohl er seitdem Hunderten Kindern auf die Welt geholfen hat – noch gut an Jules Geburt erinnern. „Sie war an der Grenze zur Lebensfähigkeit“, sagt er. Kinder, die vor der 22. Lebenswoche geboren werden, hätten noch keine Chance. Die Christophorus-Kliniken sind eines von fünf Perinatalzentren im Münsterland. Knapp 2000 Kinder kamen dort im vergangenen Jahr zur Welt, 276 davon waren Frühchen.

Eltern eines solchen Kindes zu sein, bedeutet zunächst immer auch: Angst zu haben. „Nach der Geburt hätten ihnen die Ärzte erklärt: „Wir können Ihnen sagen, was jetzt ist. Was in einer Stunde ist, wissen wir nicht“, erinnert sich Vater Michael. Solche Sätze muss man erstmal verdauen. Auch Gerleve glaubte nicht, dass Jule es schafft. Sie wurde notgetauft. Es folgten Tage, Wochen und Monate, die für die Hagemanns nur von einem bestimmt waren: der Sorge um Jule.

„Jule ist inzwischen eine kleine Draufgängerin“

19 Wochen lag sie im Krankenhaus. So lange dauerte es, bis die Ärzte das kleine Mädchen intensivmedizinisch betreut und letztlich soweit aufgepäppelt hatten, dass sie zum ersten Mal nach Hause konnte. „Da war sie schon 2800 Gramm schwer“, sagt ihre Mutter. Das sind statistisch gesehen immer noch rund 500 Gramm unter dem durchschnittlichen Geburtsgewicht.

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Und heute? Jule ist ein ganz normales Kind, körperlich etwas entwicklungsverzögert, ein bisschen kleiner als andere Kinder ihres Alters und sichtbar zarter. Sie hat erst mit einem Jahr angefangen zu krabbeln, sagt Anna Hagemann. Und konnte erst mit drei Jahren alleine laufen. „Jule ist inzwischen eine kleine Draufgängerin“, sagt hörbar stolz ihr Vater.

Auch wenn sich der Alltag der Hagemanns inzwischen kaum noch von dem anderer Eltern unterscheidet: Nach wie vor besucht Anna Hagemann regelmäßig eine Frühchengruppe. Ihr sei es noch immer wichtig, sagt sie, sich mit Eltern auszutauschen, die in der gleichen Situation sind.

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