Unterwegs mit „Boppin’B“
„Rock’n’Roll ist Warten“

Oberhausen -

Arbeitsplatz Bühne - unser Redakteur Axel Roll hat die Band „Boppin’B“ begleitet, um der Frage nachzugehen, wie das Leben von Berufsmusikern aussieht. Schnell wird klar: Mit Glamour hat der Job wenig zu tun, dafür viel mit wortwörtlicher Handarbeit.

Mittwoch, 03.01.2018, 14:30 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 03.01.2018, 09:16 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Mittwoch, 03.01.2018, 14:30 Uhr
Fünf Kerle lassen es krachen:Sebastian Bogensperger, Frank Seefeldt, Didi Beck, Golo Sturm und verdeckt Thomas Weiser am Schlagzeug (von links) sind „Boppin’B“. Axel Roll Nach dem Konzertist der Abend noch lange nicht vorbei. Erst wenn der Sprinter gepackt ist, naht das Ende. Axel Roll Sitzt die Tolle?Sebastian Bogensperger beim letzten Check. Bei einer Rockabilly-Band muss neben der Musik schließlich auch das Äußere stimmen. Wilfried Gerharz Kurz vor dem Auftrittwird die Setlist mit schwarzem Filzstift aufgeschrieben. Das ist vor jedem Konzert Didis Job. Er ist der ruhende Pol der Band. Axel Roll
Fünf Kerle lassen es krachen: Sebastian Bogensperger, Frank Seefeldt, Didi Beck, Golo Sturm und verdeckt Thomas Weiser am Schlagzeug (von links) sind „Boppin’B“. Foto: Axel Roll

Thomas Weiser stützt sich mit den Armen auf die Lehnen des schwarzen Ledersessels und lässt sich in die weichen Polster fallen. „Rock’n’Roll ist Warten“, stöhnt der Schlagzeuger und blickt Richtung Handgelenk. 18.05 Uhr. Noch drei Stunden bis zum Auftritt. Der Berufs-Rocker reckt den Hals, um einen Blick in die Edelstahl-Schalen des kalt-warmen Buffets auf dem Tisch nebenan zu riskieren. Saxophon-Kollege Frank Seefeldt, der gerade einen Löffel Nudeln-Tomaten-Brokkoli-Käse-Allerlei auf seinen Teller schaufelt, grinst herüber: „Variationen vom Auflauf.“ Thomas Weiser winkt ab. „Ich brauch’ erstmal ’ne Cola.“

Genau eine Stunde ist es her, dass der blaue Sprinter vor die Clubtür des Zentrums Altenberg in Oberhausen gerollt ist. In diesen 60 Minuten haben die fünf Musiker von „Boppin’B“ den Kleinlaster leer geräumt und die Bühne vollgepackt, den Soundcheck gemacht sowie den Merchandising-Stand neben dem Eingang aufgebaut. Ach ja, und Gitarrist Golo Sturm hat zwei neue Saiten auf seine grau-grüne Gretsch aufgezogen: „Die mussten runter, hörten sich an wie Wäscheleine.“ Das Wort „Roadie“ ist für die Truppe ein Fremdwort. Bei „Boppin’B“ ist nicht nur die Musik selbst gemacht, sondern auch der Auf- und Abbau.

Über 30 Jahre als Berufsmusiker 

Golo Sturm und Thomas Weiser machen als Gründungsmitglieder der Band diesen Job seit 32 Jahren. „Einen schöneren gibt es nicht“, sagt der Schlagzeuger. Trotz der vielen Nächte in fremden Hotelbetten, den ungezählten Kilometern auf den Autobahnen Europas und der Schlepperei von Verstärkern, Instrumenten und Kabeltrommeln. Raus aus dem Sprinter, rein in den Sprinter. „Ich finde es immer noch irre, dass Leute, für das, was Du machst, Geld bezahlen“, startet der 50-Jährige einen ersten Erklärungsversuch, um sofort den zweiten hinterherzuschieben. „Du kannst das machen, wozu Du Bock hast und bekommst nach jedem Konzert direktes Feedback von den Fans.“ Das Glück, das er und Freund Golo dabei hatten: „Wir haben die richtigen Typen getroffen.“

Auf Tour mit Boppin‘ B

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  • Die Rockabilly-Band Boppin‘B: Das sind Sebastian Bogensperger, Frank Seefeldt, Didi Beck, Golo Sturm und Thomas Weiser am Schlagzeug.

    Foto: Axel Roll
  • Doch bevor es so richtig zur Sache geht, müssen Vorbereitungen getroffen werden. Zum Beispiel wird die Setlist fein säuberlich aufgeschrieben. Das ist vor jedem Konzert Didis Job. Er ist der ruhende Pol der Band.

    Foto: Axel Roll
  • Sitzt die Tolle? Sebastian Bogensperger beim letzten Check. Bei einer Rockabilly-Band muss neben der Musik schließlich auch das Äußere stimmen.

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  • Dann geht es los: Boppin‘B rocken die Bühne.

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  • Der große Kontrabass macht besonders Eindruck.

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  • Nicht nur die Musik ist kurzweilig, auch die Show packt die Zuschauer.

    Foto: Axel Roll
  • Die Freude am Spielen ist der Rockabilly-Band anzusehen.

    Foto: Axel Roll
  • Die fünf Kerle bieten nicht nur musikalische Extraklasse...

    Foto: Axel Roll
  • ... sondern bieten auch so manche Showeinlage.

    Foto: Axel Roll
  • Nach dem Konzert ist der Abend noch lange nicht vorbei. Erst wenn der Sprinter gepackt ist, naht das Ende. Dann macht sich Boppin‘B auf den Weg zum nächsten Gig.

    Foto: Axel Roll

Eigentlich wollten die Rock’n’Roller schon eine Stunde eher in Oberhausen sein. „Aber die Staus hier sind ja eine Katastrophe“, sagt Bassist Didi Beck ohne besondere Aufregung. Thomas Weiser erklärt: „Zur Not machen wir das alles hier in einer Viertelstunde.“ Was kein besonders großes Wunder ist. Die Profi-Musiker gehen ihrem Handwerk in der Mehrzahl seit über 30 Jahren nach. Nur Sänger Sebastian Bogensperger ist mit seinen 34 Jahren der echte Benjamin der Truppe. Didi, Thomas, Golo und Frank haben entweder die 50er-Marke schon geknackt – oder sind kurz davor.

200 Auftritte im Jahr

Der heutige Arbeitstag begann am Nachmittag auf dem Tankstellenparkplatz an der A 3 in Aschaffenburg. Dort sind die fünf Bandmitglieder in ihren Transporter geklettert, am Steuer saß Tonmischer Manuel Stein, um die 280 Kilometer bis Oberhausen runterzureißen. Heute Abend bleibt die Band in der Stadt. Morgen steht ein Gig im münsterländischen Nordwalde auf dem Tourplan. Thomas Weiser: „Da würde es keinen Sinn machen, für die paar Stunden nach Hause zurückzufahren.“ Obwohl die Unterfranken sonst großen Wert darauf legen, möglichst jede freie Stunde am heimischen Herd zu verbringen. Logisch, bei bis zu 200 Auftritten im Jahr. Einige davon führen die Musiker immer wieder ins Münsterland. Coesfeld und Münster sind da die regelmäßigen Anlaufpunkte.

Tourdaten

„Boppin’B“ als Speerspitze der deutschen Rock’n’Roll- und Rockabilly-Bands macht auch immer wieder Station im Münsterland. Tradition ist der Frühjahrstermin im Hot Jazz Club in Münster, 2018 am 30. April. In 2017 waren die Fünf zusätzlich in der Fabrik in Coesfeld und bei einem Rockfestival im beschaulichen Nordwalde. Wer nicht bis zum Frühjahr warten kann: Beinahe monatlich spielen „Boppin’B“ im Rheinland oder im Ruhrgebiet. Am 3. Februar sind die Jungs im Düsseldorfer Stone im Ratinger Hof gebucht. Karten über Eventim.

...

Natürlich ging es auch bei „Boppin’B“ nicht immer nur bergauf. 1985 als Schülerband gegründet, standen die Jungs 19 Jahre später im Zenit ihrer bisherigen Karriere. Im Fahrwasser von Dick Brave, immer noch besser als Sasha bekannt, mit seinen Backbeats schaffte es die Rockabilly-Band in die Charts. Ein Fernsehauftritt jagte den nächsten. Der Sprung auf die ganz großen Bühnen dieser Welt war zum Greifen nah.

Dass dieser Traum dann aber schon bald ausgeträumt war, hat Thomas Weiser nie groß interessiert. „Als Profi weißt du einfach, dass der Erfolg von so vielen Zufällen abhängig ist. Das kannst du wirklich nicht planen.“ Was „Boppin’B“ heute aber kann: sich die Konzerte aussuchen. Und sie haben sich in eine Fangemeinde in ganz Deutschland, und auch darüber hinaus, erobert. Von der lässt sich das Quintett auch gerne als „Scheißkapelle“ beschimpfen.

Didi Beck lacht: „Das kommt noch aus den Zeiten, als wir in der Rockabilly-Szene sehr umstritten waren. Da gab es einmal bei einem Festival solche durchaus ernst gemeinten Rufe. Wir haben dann das ganze Publikum aufgefordert miteinzustimmen. Seitdem sind wir die „Scheißkapelle“. Du darfst Dich einfach nicht zu ernst nehmen.“

Viel Pomade für die 50er-Jahre-Tolle

Obwohl „Boppin’B“ musikalisch durchaus ernst genommen werden möchte. Gestartet als reine Coverband, besteht das Programm heute zu 90 Prozent aus Eigenkompositionen, die an die goldenen Zeiten des Rock’n’Roll in den 50er und 60er Jahren erinnern, aber mit Elementen aus Ska, Punk und Pop einen eigenen Stil verkörpern. 

Noch eine Stunde bis zum Auftritt. In der Garderobe oben über der Bühne wird es eng. Frank kommt gerade von der Toilette zurück, wo er sich mit Pomade seine 50er-Jahre-Tolle gelegt hat. Thomas und Golo schmeißen sich in ihr Bühnenoutfit. Und Didi ist der ruhende Pol. Er sitzt auf seinem Stuhl, hat die Beine ausgestreckt, nippt an seinem Weißwein und malt mit einem schwarzen Filzstift in schwungvoller Schreibschrift die Setlist für das Clubkonzert aufs Papier. „Das ist Didis Job“, erläutert Golo und schnappt sich seine College-Jacke im Banddesign.

Das Gewusel in der engen Garderobe löst sich langsam auf. Die Bandmitglieder zerstreuen sich in alle Winde. Frank übernimmt die erste Wache am Merch-Stand, Sänger Sebastian schäkert nebenan mit zwei weiblichen Fans, die sich mit Pettycoat und Dekolleté-Tattoos optisch ganz auf die Szene eingeschossen haben. Und während die Vorband ihren letzten Song spielt, hüpft Gitarrist Golo Sturm hinter dem Vorhang des Bühnenaufgangs auf und ab wie ein Flummi. „Ich kann nicht anders, ich muss jetzt raus.“

Nach zwei Stunden und einer galaktischen Show, die wie jedes Mal vollen Körpereinsatz fordert, Autogrammen, anerkennenden Schulterklopfern und vielen herzlichen Gesprächen mit der Anhängerschaft geht es wieder los: Bühne leerräumen, Sprinter beladen, ab ins Hotel. Und morgen Abend in Nordwalde das Gleiche wieder rückwärts: Vorfahren, Sprinter ausräumen, Bühne vollpacken . . .

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