Telemedizin im Münsterland:
Digitale Visite ermöglicht engere ärztliche Zusammenarbeit

Münster -

Zwei Monitore, vier Ärzte, viel Mediziner-Sprech: Im münsterischen Uniklinikum (UKM) kann schon heute ein Standbein der ärztlichen Versorgung von morgen besichtigt werden. Telemedizin nennt sich das Ganze.

Freitag, 19.01.2018, 18:00 Uhr

Live-Schalte nach Warendorf: Das Team des Uni-Klinikums Münster nimmt an der morgendlichen Visite auf der Intensivstation im Warendorfer Josephs-Hospital teil. Der Austausch der Ärzte geschehe auf Augenhöhe, sagen beide Seiten.
Live-Schalte nach Warendorf: Das Team des Uni-Klinikums Münster nimmt an der morgendlichen Visite auf der Intensivstation im Warendorfer Josephs-Hospital teil. Der Austausch der Ärzte geschehe auf Augenhöhe, sagen beide Seiten. Foto: Wilfried Gerharz

Aus der Ferne schalten sich Spezialisten in Krankenhäuser der Region und unterstützen die Kollegen vor Ort. Das Josephs-Hospital in Warendorf, die UKM-Dependance in Emsdetten, das Evangelische Krankenhaus in Münster und das Jakobi-Krankenhaus in Rheine sind schon jetzt täglich auf Sendung. Am 1. April folgen das Karolinen-Hospital in­ Hüsten, das Marienhospital in Arnsberg und etwas später dann auch das St.-Antonius-Hospital in Gronau und die Christophorus-Kliniken in Coesfeld.

An diesem Tag ist zuerst das Evangelische Krankenhaus an der Reihe. Immer landet die täglich Live-Schalte auf der Intensivstation, immer geht es um die vermeintlich schwierigeren Fälle. Der Ton ist sachlich-kollegial, man kennt sich, man duzt sich. Man spricht auf Augenhöhe. Das betont Dr. Jan Englbrecht gleich mehrfach. Er sitzt heute mit seinem Kollegen Niko Benscheid, der Apothekerin Dagmar Horn und der Pflegekoordinatorin Daniela Bause vor der Kamera. „Es geht um das Vier-Augen-Prinzip“, sagt der Intensivmediziner. Die Spezialisten wollen beraten, keinesfalls belehren. „Das letzte Wort hat immer der behandelnde Arzt“, sagt Benscheid.

UKM: Sprechstunde via Bildschirm

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  • Zwei Monitore, vier Ärzte, viel Mediziner-Sprech: Im münsterischen Uniklinikum (UKM) kann schon heute ein Standbein der ärztlichen Versorgung von morgen besichtigt werden.

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  • Die Spezialisten wollen helfen und auf Wunsch beraten, keinesfalls belehren. Immer gehe es um den Austausch und den Teamgedanken.

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  • Dr. Jan Englbrecht (l.) sitzt heute mit einem Kollegen, einer Apothekerin und einer Pflegekoordinatorin vor der Kamera.

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  • Telemedizin ermöglicht bestmögliche ärztliche Konsultation, ungeachtet der Distanz.

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  • Aus der Ferne schalten sich Spezialisten in Krankenhäuser der Redaktion und unterstützen die Kollegen vor Ort.

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  • Immer landet die tägliche Live-Schalte auf der Intensivstation, immer geht es um die vermeintlich schwierigsten Fälle.

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  • Für den Mediziner am Krankenbett ist die Expertise aus Münster eine Rückversicherung.

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  • Die Ärzte tauschen sich via Bildschirm aus. Profiteur ist der Patient.

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  • Das Telnet-Projekt läuft über drei Jahre. Am Ende soll es so ausgereift sein, dass es in die Regelversorgung übertragen werden kann.

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Sprechstunde via Bildschirm hier, Hausarztmangel und Kliniksterben dort. Liegt die Zukunft der ärztlichen Versorgung auf dem Lande im Digitalen? Eher unpersönlich, womöglich steril, ziemlich seelenlos? „Nein, nein“, sagt Dr. Christian Juhra, Leiter der Stabsstelle Telemedizin am UKM, schnell. Die Telemedizin werde keinen Arzt ersetzen. Der persönliche Kontakt sei viel zu wichtig. „Face to face bleibt das Gebot, nicht Facebook“.

Nach dem Evangelischen Krankenhaus ist das Warendorfer Josephs-Hospital an der Reihe. Hier wie da dasselbe Prozedere. Der behandelnde Arzt schiebt den Visitenwagen von Zimmer zu Zimmer, dessen Kamera überträgt die Bilder nach Münster. Die Ärzte tauschen sich via Bildschirm und Lautsprecher aus. Münster fragt, Warendorf antwortet.

Im von Münster knapp 30 Kilometer entfernten Josephs-Hospital ist Sprecher Tobias Dierker tags darauf voll des Lobes, spricht von „effektiver Zusammenarbeit“ und einer vor Ort als „Austausch auf Augenhöhe“ empfundenen Kooperation.

Profiteur ist der Patient

Für den Mediziner am Krankenbett ist das Fachwissen aus Münster eine Rückversicherung. Zugleich bringen die UKM-Experten ihre Expertise und damit zusätzliche Qualität ins kleine Krankenhaus, die dort gar nicht vorgehalten werden kann. Profiteur ist am Ende der Patient, der unabhängig vom Ort der Behandlung das Wissen der Spezialisten in Anspruch nehmen kann.

Schwerpunkte des Telnet-Projektes derzeit: Antibiotika-Therapien und Sepsen. Beides schwierige Felder. „In nahezu der Hälfte aller Fälle stimmt beim Antibiotikum die Indikation nicht“, sagt Horn. Bei der Behandlung von Blutvergiftungen fehlten den kleineren Häusern „häufig Er­fahrungswerte“, betont Engl­­brecht. Die sind jedoch wichtig, denn noch immer sterben allein in Deutschland jährlich bis zu 70 000 Menschen daran.

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Das Telnet-Projekt läuft über drei Jahre. Am Ende soll es so ausgereift sein, dass es in die Regelversorgung übertragen werden kann, erklärt die Leiterin der UKM-Arbeitsgruppe, Dr. Kathrin Sperling. Auch hier gibt es Vorarbeiten. Die UKM-Mediziner kooperieren mit einem Ärztenetzwerk in Köln. Dort bedienen sich 120 niedergelassene Ärzte des Expertenwissens aus Münster.

TELnet@NRW: Telemedizinisches Pilotprojekt

TELnet@NRW ist ein auf drei Jahre angelegtes Modellprojekt, in dessen Rahmen telemedizinische Netzwerke in den Modellregionen Aachen und Münsterland gefördert werden. Aus dem bundesweiten Innovationsfonds der Krankenkassen wird dieses Vorhaben mit 20 Millionen Euro gefördert. Dabei geht es darum, dass Ärzte aus den beiden Unikliniken Münster und Aachen insgesamt 17 Kliniken und 200 niedergelassene Ärzte beraten. Die Idee dahinter: Halten Ärzte verschiedener Krankenhäuser und Praxen den kurzen Draht und stimmen sich mit dem Ziel einer jeweils bestmöglichen Therapie ab, steigt die Qualität der Behandlung insgesamt. Im optimalen Fall kann die Behandlung eines Patienten im heimatnahen Krankenhaus mit Unterstützung der Experten aus Münster fortgesetzt werden. Die beteiligten Uni-Klinik-Ärzte aus Münster und Aachen stehen ihren Projektpartnern rund um die Uhr mit Rat zur Verfügung. Erste Ergebnisse des TELnet@NRW-Projektes sollen im März 2018 in Münster vorgestellt werden.

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