Ochtruper Tafel lässt alle Menschen teilhaben
Allein die Bedürftigkeit zählt

Ochtrup -

Wenn Elisabeth Rothlübbers und Inge Ehmke hören, wie auf tumultartige Zustände bei der Lebensmittelausgabe der Essener Tafel reagiert wurde, werden die beiden Mitarbeiterinnen der Tafel in der Töpferstadt sehr ärgerlich. In Ochtrup fand man andere Wege, dem Problem Herr zu werden.

Dienstag, 06.03.2018, 06:01 Uhr

Als die Ochtruper Tafel Ende 2015 mit einer wahren Flut an neuen Tafelkunden klar kommen musste, entschied sich der Vorstand zu einem Aufnahmestopp. Heute haben die Ehrenamtlichen die mitunter chaotischen Lebensmittelausgaben in den Griff bekommen.
Als die Ochtruper Tafel Ende 2015 mit einer wahren Flut an neuen Tafelkunden klar kommen musste, entschied sich der Vorstand zu einem Aufnahmestopp. Heute haben die Ehrenamtlichen die mitunter chaotischen Lebensmittelausgaben in den Griff bekommen. Foto: Anne Steven

Tumultartige Zustände, Rangeleien, Zank und Streit. All das haben Vorstandsmitglied Elisabeth Rothlübbers und Mitarbeiterin Inge Ehmke bei der Lebensmittelausgabe der Ochtruper Tafel schon erlebt. Besonders schlimm war es Ende 2015, als zahlreiche Flüchtlinge nach Ochtrup kamen und versorgt werden mussten. Doch als Konsequenz alle Ausländer von der Ausgabe auszuschließen und nur noch Menschen mit deutschem Pass teilhaben zu lassen, wie es jüngst in der Essener Tafel gehandhabt wurde, dass sei zu keinem Zeitpunkt ein Thema gewesen, betonen beide Frauen.

„Ich habe mich tierisch über die Vorgehensweise in Essen aufgeregt“, erzählt Elisabeth Rothlübbers und rauft sich die Haare. „Das kann man doch nicht machen.“ Klar, als bei der Ochtruper Tafel in Hochzeiten nahezu 300 Kunden die Lebensmittelausgabe stürmten, musste auch dort etwas geschehen. Doch die Tafel schloss nicht einzelne Gruppen aus, sondern verhängte einen generellen Aufnahmestopp (wir berichteten). Außerdem organisierten die Ehrenamtlichen zwei männliche Personen, die von da an die Damen bei der Lebensmittelausgabe unterstützten. „Die haben aufgepasst, dass es keine Rangeleien gibt“, erzählt Elisabeth Rothlübbers. Eine weitere Maßnahme: Die gut 300 Kunden wurden in drei Gruppen unterteilt, von denen jede alle drei Wochen pausieren musste – schließlich waren auch die Lebensmittel knapp. Bei der Ausgabe selbst durften immer nur kleine Gruppen von maximal zehn oder zwölf Personen in die Räume an der Bergstraße. Alle anderen mussten draußen warten. In Aushängen auf Arabisch und Englisch versuchten die Tafel-Mitarbeiter zudem, über die Tafel-Idee aufzuklären. „Viele haben gedacht, wir seien eine städtische Versorgungseinrichtung“, erinnert sich Inge Ehmke.

Und auch heute sei es mitunter schwierig, gerade neuen Tafel-Kunden verständlich zu machen, wie die Tafel funktioniere und dass nicht immer die komplette Lebensmittel-Palette verfügbar sei, wissen die Frauen. Doch das akute Problem von Damals bekam der Verein auf diese Weise in den Griff. Und auch in Essen, da sind sich beide einig, hätte es andere Lösungen geben können.

Aktuell sind bei der Tafel in Ochtrup etwa 700 Personen angemeldet. Zur Lebensmittelausgabe kommen 150 bis 180 Personen. „Am Anfang des Monats sind es meist weniger, am Ende oder zum Beispiel nach einem Kirmeswochenende wieder mehr“, weiß Elisabeth Roth­lübbers aus Erfahrung. Seit Anfang des Jahres gab es 25 Neuaufnahmen, in der Mehrheit Familien oder Alleinerziehende mit vielen Kindern. Die meisten sind deutscher Abstammung. Einige Kunden blieben auch weg. „Es gab auch zahlreiche Abschiebungen“, erzählt Elisabeth Rothlübbers. „Was man da so mitbekommt, das sind schon schlimme Schicksale“, lassen Inge Ehmke die Geschichten ihrer Kunden nicht kalt.

Dass sie die Probleme von damals gut gelöst haben, macht sie stolz. Und wenn auch die Kunden manchmal vergessen, welche Grundidee hinter der Tafel steckt, die Mitarbeiter haben es immer im Hinterkopf und lassen alle teilhaben – ohne auf ihre Herkunft zu achten. Allein die Bedürftigkeit sei es, die zähle.

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