Die Ochtruper Irmgard Focke und Bernd Westkott sind Schöffen bei Gericht
Richter ohne Robe

Ochtrup -

Irmgard Focke und Bernd Westkott sind keine Juristen. Sie ist Verkäuferin, er war früher Soldat, ist heute im Ruhestand. Und trotzdem fällen die beiden Ochtruper bei Prozessen am Landgericht Münster und am Amtsgericht Rheine Urteile. Sind engagieren sich dort als Schöffen und arbeiten dabei auf Augenhöhe mit den Richtern.

Mittwoch, 07.03.2018, 06:00 Uhr

Bei Gericht sind Schöffen den Richtern gleichgestellt.
Bei Gericht sind Schöffen den Richtern gleichgestellt. Foto: dpa

Als Richter ohne Robe sitzen sie bei Verhandlungen in den Gerichtssälen. Ohne juristische Vorkenntnisse, dafür aber mit gleichem Urteilsrecht wie die Berufsrichter. Irmgard Focke und Bernd Westkott engagieren sich am Gericht als ehrenamtliche Schöffen. Sie ist als Jugendschöffin am Landgericht Münster tätig, er als Schöffe am Amtsgericht in Rheine. Bald endet ihre fünfjährige Tätigkeit. Im gesamten Bundesgebiet werden die Schöffen in diesem Jahr neu gewählt.

Für Bernd Westkott nimmt das juristische Ehrenamt nach fünf Jahren dann definitiv ein Ende. Der Soldat außer Dienst wollte sich nicht mehr für eine weitere Amtszeit bewerben. „Die meisten Angeklagten sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Ich bin da in einer ganz anderen Lebensphase“, nennt der 65-Jährige einen seiner Beweggründe, nicht erneut für das Amt zu kandidieren. Er wünsche sich, dass sich mehr junge Menschen für das Mandat bewerben. Mindestens 25 Jahre alt müssen diese sein. Die meisten Schöffen gehörten aber zur Generation „50 plus“.

Irmgard Focke hingegen würde gerne weitermachen. Sie bekleidet das Ehrenamt bereits seit zehn Jahren. Zunächst als normale Schöffin, dann als Jugendschöffin in Münster. „Ich wurde damals gefragt, ob ich mir das nicht auch im Jugendbereich vorstellen könne“, erklärt die 50-jährige Verkäuferin. Sie selbst sagt über sich, dass sie keine besonderen Kenntnisse und Fähigkeiten für das Amt mitbringe. Das aber sei von den Schöffen aber auch gar nicht gefordert. „Was zählt, ist der gesunde Menschenverstand“, erklärt die Mutter zweier Töchter. „Es ist auch das Ziel, dass es Otto-Normal-Bürger sind, die da mit in den Verhandlungen sitzen“, möchte auch Bernd Westkott allen Interessierten Mut machen, sich für das Amt zu bewerben.

Völlig unvoreingenommen gehen Schöffen in die Verhandlungen, was bei komplexen Sachverhalten jedoch oft eine Herausforderung sei. „Man bekommt vorher keine Akteneinsicht“, nennt Bernd Westkott ein Problem. Nur die Deliktart werde den Schöffen vorher mitgeteilt. „Vom Grundsatz her sollte es so sein, dass in der Verhandlung alles auf den Tisch kommt“, erklärt er den Ablauf des Prozesses. Dennoch dauere es oftmals eine ganze Weile, bis er in dem Stoff drin sei. „Manchmal muss man dann auch einfach gezielt nachfragen“, weiß Irmgard Focke aus Erfahrung. Sie macht sich zudem auch eigene Notizen während der Verhandlung, die sie sich vor Folgeterminen noch einmal durchliest.

Wenn es darum geht, ein Urteil zu fällen, seien aber in der Regel zuerst die Richter am Zug. „Man hört natürlich genau hin, was die sagen“, berichtet Irmgard Focke. Auch ihr Kollege beim Amtsgericht erzählt, dass die Entscheidungen in der Regel einvernehmlich ausfielen. Nur selten komme es vor, dass die Richter von den Schöffen überstimmt würden.

Beim Verlassen des Gerichtssaals gelinge es in der Regel ganz gut, die Prozesse auch mental hinter sich zu lassen. „Es gab aber auch Einzelfälle, die mich im Nachhinein schon noch beschäftigt haben“, erinnert sich Irmgard Focke an Mord- und Vergewaltigungsprozesse. Mit Delikten dieses Kalibers hat es Bernd Westkott am Amtsgericht jedoch nicht zu tun. „In 80 Prozent der Fälle handelt es sich um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz“, berichtet der Pensionär.

Doch auch ihm sind einige skurrile Fälle besonders in Erinnerung geblieben. So erzählt er von einer Gruppe junger Leute, die für einen privaten Videodreh mit Waffenattrappen durch die Rheiner Innenstadt gelaufen und innerhalb kürzester Zeit von einem Sondereinsatzkommando festgenommen worden seien.

Insgesamt werden die Schöffen im Schnitt zu zwölf Terminen pro Jahr eingeladen, wobei einige Verhandlungen naturgemäß auch ausfallen. „Ich bin ungefähr acht Mal pro Jahr im Gericht“, rechnet Irmgard Focke nach. Daher sei das Engagement auch mit einer beruflichen Tätigkeit in der Regel gut vereinbar. Arbeitgeber sind übrigens dazu verpflichtet, Schöffen für die Verhandlungstage freizustellen.

Irmgard Focke hofft, auch im Zeitraum 2019 bis 2023 wieder als Jugendschöffin am Landgericht dabei sein zu können. Ihre Bewerbungsunterlagen hat sie bei der Stadtverwaltung bereits eingereicht. Doch auch Bernd Westkott blickt positiv auf seine Amtszeit zurück: „Insgesamt waren das gute fünf Jahre“, lautet sein Resümee.

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Ansprechpartnerin für die Schöffenwahl bei der Stadt Ochtrup ist Jutta Wilpers (Telefon 0 25 53 / 7 31 34, E-Mail jutta.wilpers@ochtrup.de). Das Bewerbungsformular kann auf der Homepage der Verwaltung heruntergeladen werden. Bewerbungen müssen bis zum 23. März (Freitag) bei der Kommune eingegangen sein.       ■ www.Ochtrup.de

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