Lein-Anbau in Hoetmar
Alte Kulturpflanze blüht wieder

Hoetmar -

Wer (s)ein Blaues Wunder erleben möchte, sollte unbedingt nach Hoetmar fahren. Im April hat Landwirt Georg Schwienhorst dort Lein, eine uralte Kulturpflanze ausgesät. Die Leinsamen nutzt Detlef Grabbe aus Ennigerloh, um gesundes Leinöl zu produzieren.

Dienstag, 19.06.2018, 06:59 Uhr

Von kurzer Dauer ist die Leinblüten-Pracht. Nach wenigen Stunden fallen die Blätter zu Boden.
Von kurzer Dauer ist die Leinblüten-Pracht. Nach wenigen Stunden fallen die Blätter zu Boden. Foto: Joke Brocker

Mit etwas Glück erlebt man in diesen Tagen in der Bauerschaft Lentrup bei Hoetmar (s)ein „Blaues Wunder“. Auf einem Feld unweit des Hofes der Familie Georg Schwienhorst blüht der Lein. „Vor 200 Jahren sah es noch vielerorts im Münsterland so aus. Allein in ­Freckenhorst gab es 174 Leineweberstühle“, erzählt Detlef Grabbe.

Schmeckt und macht glücklich

Dass man im Münsterland nun wieder Fahrten ins Blaue unternehmen kann, die diesen Namen tatsächlich verdienen, ist dem 59-Jährigen zu verdanken. Und zwei Landwirten, die in seinem Auftrag auf ihren Feldern in Hoetmar und Westkirchen wieder die uralte Kulturpflanze anbauen.

Immer schon hat sich Grabbe für Lebensmittel, deren Herkunft und gesunde Ernährung interessiert. Wie die Altvordern, die sich noch natürlich ernährten, genießt er Pellkartoffeln und Quark oder Erbsen und Möhren am liebsten mit einem Schuss Leinöl. „Das schmeckt, ist sehr gesund und macht glücklich“, behauptet er.

Eigene Ölmühle zugelegt

Nachdem sich Grabbe im Spreewald, wo sich das Leinöl, ähnlich wie die Spreewald-Gurke, längst als Marke etabliert hat, über Lein und die Herstellung des gesunden Öls informiert hatte, legte er sich eine eigene Ölmühle zu. Diese steht auf dem zu den Freckenhorster Werkstätten gehörenden Hof Lohmann. Mithilfe der modernen Schneckenpresse produziert er zurzeit wöchentlich neun Liter naturbelassenes, kaltgepresstes Leinöl. „20 Liter pro Woche sind im ersten Jahr mein Ziel“, sagt er.

Bisher bezog der Leinöl-Produzent den Rohstoff aus dem EU-Ausland. Auf Dauer möchte er aber regional produzieren. Auch, um seinen Kunden, für die er auf dem Hof Lohmann regelmäßig Verkostungen anbietet, vor Ort zeigen zu können, wo der Lein wächst. Einer seiner Partner ist Landwirt Josef Steinhorst in Westkirchen. Ein zweiter Georg Schwienhorst aus Hoetmar, der seinen Betrieb vor drei Jahren auf ökologische Landwirtschaft umgestellt hat. Im April hat der experimentierfreudige Schwienhorst zum ersten Mal Lein und Leindotter auf einer vier Hektar großen Fläche aus­gesät.

Es muss rascheln

Während Detlef Grabbe auf das Buch „Leinöl macht glücklich“ zurückgreifen konnte, um sein Wissen über das „blaue ­Ernährungswunder“ zu erweitern, suchte Georg Schwienhorst vergeblich nach aktueller Fachliteratur über Aussaat und Ernte des Leins. Doch zum Glück befand sich in der Bibliothek seines Schwiegervaters ein Nachschlagewerk aus den 30er Jahren, mit dem er ­Wissenslücken stopfen konnte.

Offenbar ist die Umsetzung der Theorie in die Praxis geglückt. Genau 50 Tage nach der Aussaat blühten die ersten Blüten. Nach der Blüte dauere es weitere 50 Tage bis zur Ernte. In den Kapseln müsse es rascheln, wissen Grabbe und Schwienhorst. Dann sei der optimale Ernte-Zeitpunkt gekommen.

Ernte-Maschinen noch unklar

Mit welchen Maschinen die Ernte der Samen vonstattengeht, weiß Schwienhorst noch nicht genau, ahnt aber, dass es kompliziert werden könnte. Sein Schwager ernte Hanf, ebenfalls ei­ne Faserpflanze, die sich gerne um alle rotierenden Teile der Maschinen wickelt. Nach der Ernte sollen die ­Samen, getrocknet, gereinigt und in Big-Bags verpackt auf den Hof Lohmann in ­Freckenhorst geschafft und dort gemahlen werden. Mitarbeiter der Werkstätten füllen das Öl in Flaschen. Geht es nach Grabbe und Schwienhorst, soll mittelfristig auch das Leinstroh genutzt werden. In der Textilindustrie, die Hanf- und Lein-Fasern wiederentdeckt hat.

Eine Erkenntnis hat Georg Schwienhorst schon jetzt gewonnen: Das Leben einer Eintagsfliege währt länger als das der zarten Lein-Blüten. Schon nach wenigen Stunden ist das blaue Wunder Vergangenheit.

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