Badeunfälle
«Die meisten ertrinken still und leise»

2017 sind rund 25 Prozent weniger Menschen ertrunken als noch im Jahr zuvor - doch die Zahlen trügen: Der 2017er Sommer ist so gut wie ausgefallen. Das schlechte Wetter hat dafür gesorgt, dass weniger Menschen ins Wasser gegangen sind.

Donnerstag, 05.07.2018, 20:00 Uhr
Badeunfälle : «Die meisten ertrinken still und leise»
Foto: colourbox.de (Symbolfoto)

Hinter der Statistik zu den Badetoten der vergangenen Jahre verbergen sich Schicksale. Von einer Minute auf die andere hat ein Mensch sein Leben verloren, Freunde und Familie einen geliebten Menschen. 

1. Juli 2018: Beim Baden im Kieferngrundsee in Steinfurt ist ein 24-Jähriger ertrunken. Ebenfalls am Sonntag ist ein vier Jahre altes Kind bei einem Badeunfall am Kaarster See bei Neuss ums Leben gekommen. Am Freitagabend entdeckten Spaziergänger ein Kleinkind in der Ruhr bei Essen - regungslos. Ein 29-Jähriger sprang ins Wasser und zog den Jungen an Land. Helfer leiteten lebensrettende Maßnahmen ein, Rettungskräfte reanimierten das Kind. Es schwebte in Lebensgefahr.

DLRG-Zahlen

Im Jahr 2017 sind 404 Menschen ertrunken. 166 Todesfälle ereigneten sich in den Sommermonaten von Juni bis August - allein 69 im Monat Juni. Mindestens 147 Opfer waren 55 Jahre und älter. 18 Jugendliche starben vor dem 16. Lebensjahr. Fünf Kinder im Grundschul- und neun im Vorschulalter sind im Wasser ums Leben gekommen. Vier von fünf Todesopfern sind männlich. Eine weitere Risikogruppe sind weiterhin Asylsuchende: 2017 sind 23 asylsuchende Menschen ertrunken.

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Anzeichen des Ertrinkens

Schreien und auf sich aufmerksam machen sind vergleichsweise noch gute Zeichen, erklärt Achim Wiese, Pressesprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Dann sei der Mensch in Not, aber noch bei Kräften. Doch nur selten ist es einem Ertrinkenden anzusehen, dass er sich in Gefahr befindet.

Derjenige, der wirklich ertrinkt, hat gar keine Möglichkeit mehr zu schreien oder zu rufen.

Achim Wiese

Das Ertrinken passiert oft still und leise. Nicht selten ertrinken Menschen ganz in der Nähe von anderen Badenden. "Da kann man niemandem einen Vorwurf machen", so Achim Wiese. Da werde getobt und gespielt und man bekommt es möglicherweise gar nicht mit. Zumal die Anzeichen des Ertrinkens eben nicht immer so einfach zu erkennen sind. Nichtsdestotrotz sollten Anzeichen beobachtet werden. "Die Person einfach mal ansprechen, wenn man sich nicht sicher ist, ob alles in Ordnung ist", empfiehlt Wiese. 

Dr. Francesco A. Pia hat das Verhalten von Menschen, die zu Ertrinken drohen, "The Instinctive Drowning Response" genannt: eine instinktive Reaktion - wenig Geplansche, kein Winken und auch kein Geschrei. Das Ertrinken sei demnach oft trügerisch ruhig und für andere Badegäste nur schwer zu erkennen. So würden ertrinkende Menschen beispielsweise versuchen, sich auf den Rücken zu legen. Zudem könnte sich ihr Körper vertikal im Wasser befinden und die Beine würden nicht bewegt. Die betroffene Person versuche zu schwimmen, komme aber nicht voran und der Kopf sei nach hinten geneigt und unter Wasser. Der Mund befinde sich auf einer Höhe mit der Wasseroberfläche.

Weitere Informationen zu dem Thema finden Sie hier

Und hier

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So retten Sie Menschen vor dem Ertrinken

Beispielszenario: See

Die DLRG empfiehlt das Handeln nach dem Prinzip „Die eigene Sicherheit geht vor Hilfeleistung!“

  • sollte keine Aufsicht vor Ort sein, direkt die 112 wählen und um Hilfe rufen, wenn weitere Badegäste vor Ort sind
  • ist der See bewacht, alarmieren Sie die Rettungksräfte und führen Sie sie zum Ertrinkenden
  • benutzen Sie, wenn in greifbarer Nähe, Rettungsmittel (zum Beispiel einen Rettungsring oder langen Stock), die Sie dem Ertrinkenden zuwerfen oder reichen, um ihn so aus dem Wasser zu holen
  • gut überlegen, ob Sie sich eine Rettung zutrauen
  • wenn Sie selbst helfen wollen und kein Rettungsdienst in der Nähe ist, informieren Sie weitere Badegäste, damit sie den Notruf 112 alarmieren können, bevor Sie selbst ins Wasser springen
  • nicht einfach reinspringen, wenn Sie den See nicht kennen
  • gehen Sie vorsichtig ins Wasser, kühlen sich ab und gehen oder schwimmen Sie zum Ertrinkenden
  • verausgaben Sie sich nicht auf dem weg zum Opfer. Sie werden danach noch Energie für den Rücktransport brauchen
  • rufen Sie dem Ertrinkenden zu, dass Sie jetzt zu ihm kommen, um zu helfen und er sich nicht wundern soll, wenn Sie ihn von hinten anschwimmen
  • Menschen, die zu Ertrinken drohen und um ihr Leben kämpfen, tendieren dazu, sich an ihrem Retter festzuklammen. Das kann auch den Retter in Gefahr bringen. Nähern Sie sich Menschen, die zu Ertrinken drohen, von hinten
  • versuchen Sie, den Ertrinkenden mit einem Fesselschleppgriff oder Achselschleppgriff aus dem Wasser zu holen. Für Ungeübte: Unbedingt versuchen, den Kopf über Wasser zu halten. Weitere Informationen zu den verschiedenen Griff-Arten finden Sie hier
  • haben Sie das Opfer an Land bringen können, sind bestenfalls Rettungskräfte bereits vor Ort - ansonsten überprüfen Sie die Vitalfunktionen. Wenn keine Atmung vorhanden ist: Sofort mit der Reanimation beginnen: 30 Mal drücken - 2x beatmen
  • wenn der Mensch noch atmet, legen Sie ihn in eine stabile Seitenlage
Selbstrettung

Weitere Informationen zur Selbstrettung finden Sie auf der Website der DLRG.

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Wo nicht gebadet werden sollte

Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW warnt vor dem Baden im Rhein, der Weser und den Kanälen in NRW. "Die Flüsse und Kanäle sind für Sie und Ihre Kinder so gefährlich wie es eine Autobahn für Fußgänger ist", heißt es auf der Website des Landesamtes . Gefährlich sind hier vor allem die Strömungen und der Wellengang vorbeifahrender Frachter. Auch Baggerseen sind mit Vorsicht zu genießen. So kann der See bis zu 30 Meter tief sein und schon die Ufer steil ins Wasser abfallen.

Gerüchte und Wahrheiten zum Thema Baden

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  • Ferienzeit ist Badezeit - zumindest, wenn das Wetter mitspielt. Jedes Jahr kommen spätestens zu Beginn der Freibadsaison gefühlte Wahrheiten und viele Ratschläge zum Thema Baden auf. Aber was davon stimmt wirklich?

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  • BEHAUPTUNG: Mit vollem Magen ins Wasser zu gehen ist gefährlich.

    BEWERTUNG: Stimmt teilweise

    FAKTEN: Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) rät in ihren Baderegeln, nicht mit vollem Magen baden zu gehen. Grund dafür ist, dass der Körper Energie zum Verdauen benötigt. Notfälle, die durch Baden mit vollem Magen entstanden sind, lassen sich jedoch nicht nachweisen. Als noch gefährlicher gilt allerdings ein ganz leerer Magen. Damit fehlt dem Körper erst recht die nötige Energie, die er braucht, um sich über Wasser zu halten. Laut DLRG führt Baden mit leerem Magen regelmäßig zu Notarzteinsätzen.

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  • BEHAUPTUNG: Ertrinkende rudern wild mit den Armen und schreien.

    BEWERTUNG: Stimmt nicht.

    FAKTEN: «Das ist wirklich ein Mythos. Ein Ertrinken, wie man es aus Hollywoodfilmen kennt, gibt es nicht», sagt DLRG-Sprecher Achim Wiese. Wer ertrinkt, wird in der Regel vorher bewusstlos. Dabei gerät häufig der Kopf unter Wasser und die Stimmbänder verkrampfen sich. Der Bewusstlose bekommt keine Luft mehr, so dass die eigentliche Todesursache Ersticken und nicht Ertrinken ist. Alternativ kann Wasser in die Lunge gelangen, was auch zum Tode führen kann. Aber: «Beides passiert leise», so der DLRG-Sprecher.

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  • BEHAUPTUNG: Die meisten Todesfälle durch Ertrinken gibt es am Meer.

    BEWERTUNG: Die meisten Todesfälle durch Ertrinken gibt es am Meer.

    FAKTEN: In Seen, Teichen oder Flüssen, kommen in Deutschland deutlich mehr Menschen ums Leben als im offenen Meer - im vergangenen Jahr waren es fast 16 mal so viele. Während 2018 laut der Ertrinkungsstatistik 233 Menschen in Seen und Teichen und 161 in Flüssen starben, waren es im Meer gerade einmal 25.

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  • BEHAUPTUNG: Im Wasser kann man keinen Sonnenbrand bekommen.

    BEWERTUNG: Stimmt nicht.

    FAKTEN: Ein Teil der UV-Strahlen dringt in das Wasser ein. Zudem: Der Kopf etwa bleibe die meiste Zeit über der Wasseroberfläche, sagt DLRG-Sprecher Wiese. Auch medizinische Institute wie der britische National Health Service (NHS) warnen vor der gefährlichen Kombination von Sonne und Wasser: Durch die kühlende Wirkung des Wassers merke man oft gar nicht, wenn die Haut verbrenne. Außerdem reflektiere das Wasser auch UV-Strahlen, was sie für die Körperstellen außerhalb des Wassers noch gefährlicher mache.

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  • BEHAUPTUNG: Viele Menschen in Deutschland können nicht schwimmen.

    BEWERTUNG: Stimmt teilweise.

    FAKTEN: Seit Jahren warnt die DLRG davor, dass sich durch die Schließung von Schwimmbädern Deutschland zum «Land der Nichtschwimmer» entwickeln könnte. Die letzten beiden Forsa-Umfragen im Auftrag der DLRG aus den Jahren 2010 und 2017 zeigen jedoch: Zumindest der Anteil der Nichtschwimmer hat sich nicht vergrößert.

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  • Während sich 2010 rund zehn Prozent der Befragten ab 14 Jahren als Nichtschwimmer einstuften, waren es 2017 nur noch drei Prozent. Bei den Kindern sieht die Bilanz etwas negativer aus: Der Anteil an Kindern von sechs bis zehn Jahren, die von ihren Eltern als Nichtschwimmer eingestuft wurden, blieb konstant bei zehn Prozent. Der Anteil der unsicheren Schwimmer stieg bei den Kindern leicht an - von einem guten Viertel (26 Prozent) auf ein knappes Drittel (31 Prozent).

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  • Die Wasserwacht des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) warnt auf ihrer Internetseite: «Wenn ein Kind mit neun oder zehn Jahren noch nicht sicher schwimmen kann, müssen die Eltern aktiv werden. Das heißt: Selbst mit dem Kind üben oder es zum Schwimmkurs schicken.»

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Wichtige Baderegeln

  • kleine Kinder niemals aus den Augen verlieren. Kleinkinder können auch in sehr niedrigem Wasser ertrinken, deshalb sollten Eltern ihre Kinder immer in Griffnähe lassen
  • nicht alleine an den See zum Baden gehen. Zu zweit hat man sich gegenseitig unter Kontrolle
  • nie mit vollem oder leerem Magen schwimmen gehen
  • nie alkoholisiert oder unter Droheneinfluss ins Wasser gehen
  • nicht überhitzt schwimmen gehen
  • nicht in unbekannte Gewässer springen
  • Luftmatratzen und Co bieten keine Sicherheit und gehören nicht ins tiefe Wasser
  • nicht bei Gewitter ins Wasser gehen
  • vor dem Baden im Wasser abkühlen
  • sich selbst nicht zu überschätzen
  • suchen Sie möglichst einen See auf, der von Rettungskräften beaufsichtigt wird

"Die DLRG will nicht die Spaßbremse sein", so Achim Wiese. Der Erlebnisraum Wasser sollte Spaß und Freude bereiten, doch grundlegende Baderegeln seien zu beachten. Empört äußert sich Wiese über Eltern, die vereinzelt davon ausgehen würden, die Rettungsschwimmer seien komplett für die Beaufsichtigung ihrer Kinder zuständig. Er selbst als Vater kann eine solche Denkweise absolut nicht nachvollziehen. Ein Beispiel: Eltern, die einen Strandkorb mit dem Rücken zum Wasser aufstellten, um die Sonne mehr genießen zu können. Hinter dem Strandkorb am Wasser: Ihr Kind. Rettungsschwimmer wurden alarmiert, weil es Ungereimtheiten am Wasser gab. Den Helfern, die das Kind zurückbrachten, entgegneten die Eltern: "Dafür seid ihr doch da." Das findet Achim Wiese "einfach unglaublich!"

Manche Eltern glaubten fälschlicherweise auch, dass das "Seepferdchen" ein Anzeichen dafür sei, dass ihre Kinder schon schwimmen könnten: "Ein 'Sepferdchen' ist kein Schwimmabzeichen, sondern ein Zeichen dafür, dass das Kind einen ersten Schritt zum Schwimmenlernen gemacht hat", bekräftigt Wiese.

Binnengewässer sind nach wie vor die Gefahrenquelle Nummer eins.

Achim Haag, Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG)

In einer Pressemitteilung vom Februar 2018 kritisiert Achim Haag, Präsident der DLRG, Kommunen und Landkreise. Sie würden nicht genug für die Sicherheit der Menschen im und am Wasser tun. Auch Achim Wiese steigt in die Kritik mit ein. Kommunen sollten geduldete Badestellen zumindest teilweise als offizielle Badestelle deklarieren. Das habe natürlich Konsequenzen: Wachtürme müssten her, zwei oder vier Rettungsschwimmer - ein Rettungsbrett oder Rettungsboot. "Das kostet Geld", so Wiese. Viele Kommunen würden die sogenannte Gefahrenanalyse nicht durchführen lassen, lediglich ein Schild aufstellen und es in Kauf nehmen, dass "ein oder zwei Menschen ertrinken". Gut zehn Jahre würde die DLRG hier auf mehr Sicherheit pochen.

DLRG

Die DLRG ist mit über 1,6 Millionen Mitgliedern und Förderern die größte Wasserrettungsorganisation der Welt. Seit ihrer Gründung im Jahr 1913 hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren.

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