Titus Dittmann über Skate-Workshops für ADHS-Kinder
„Das ist die Kraft des Skateboards“

Münster -

Anderthalb Stunden hat Jan sein Skateboard traktiert. Ist gefahren, gesprungen, gerannt, gefallen, aufgestanden, weitergefahren. Der Helm ist schwarz, Jans Kopf am Ende rot. Neben dem Kleinen wirkt Tobias Egelkamp ziemlich groß. Sichtlich stolz ist er auf Jan. „Jan hat es geschafft, die ganze Zeit zu fahren“, sagt der Skate-Aid-Projektleiter. Für jemanden, der ADHS hat, ist das keineswegs selbstverständlich.

Donnerstag, 12.07.2018, 17:50 Uhr

Für Jan ist Skaten das Größte. Tobias Egelkamp von der Skate-Aid-Stiftung hilft dem Neunjährigen, auf dem Brett den nötigen Schwung zu bekommen.
Für Jan ist Skaten das Größte. Tobias Egelkamp von der Skate-Aid-Stiftung hilft dem Neunjährigen, auf dem Brett den nötigen Schwung zu bekommen. Foto: Wilfried Gerharz

„Skaten statt Ritalin“ ist ein Workshop, den Titus Dittmann und seine Skate-Aid-Stiftung schon 2012 ins Leben gerufen haben. Im Februar startete eine neue Runde, 30 Kinder mit einer diagnostizierten Aufmerk samkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) konnten zwei Mal pro Woche unter Anleitung kostenlos skaten. Ende vergangener Woche war Schluss. Der Unterschied zu den vorherigen Sessi­ons: Diesmal wurden sie wissenschaftlich begleitet.

Skaten als Therapie - funktioniert das?

Hilft skaten? Einfache Frage, klare Antwort. „Natürlich!“ Der sie gibt, ist Titus Dittmann. Skaterlegende und in allem, was er tut, Überzeugungstäter. Während die Kinder in seinem Skaters Palace durch die Halle flitzen und dabei einen Wahnsinnskrach machen, gibt’s nebenan eine kostenlose Pädagogikstunde.

Skaten sei die „selbstbestimmteste Sportart überhaupt“, sagt der 70-jährige ehemalige Lehrer. Wer skate, schule seine Motorik, lerne sich zu konzentrieren, sich zu organisieren, seinen Bewegungsdrang zu kontrollieren und damit all das zu tun, was ADHS-Kindern so ungemein schwerfalle.

„Wobei man den Slogan ,Skaten statt Ritalin‘ natürlich nicht wörtlich nehmen darf“, sagt Dittmann. Er solle provozieren. Natürlich gebe es Fälle, in de­nen eine medikamentöse Be­handlung sinnvoll sei. Aber Sport sei nun einmal die bessere Therapie. „Und sie wirkt.“ Das, was „die Kinder im Alltag erleben, habe ich hinter mir“, sagt er dann. „Das ist die Kraft des Skateboardens.“

Titus Dittmanns Leben in Bildern

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  • Titus Dittmann gilt als Vater der deutschen Skateboard-Szene. Das stimmt natürlich nicht so ganz, Skateboards gab es schon vorher in Deutschland und auf der Welt. Aber der Münsteraner hat die Skateboard-Szene in Deutschland und Europa entscheidend mitgeprägt, indem er dem Rollbrett aus der Nische zum Mainstream verholfen hat, den Trendsport in Schulen und an die Universität Münster brachte und Skateparks sowie das Unternehmen "Titus" aufbaute. Ein Blick auf den Werdegang des Pioniers der deutschen Skateboardszene.

    Foto: Titus
  • Geboren wurde Dittmann in den Nachkriegsjahren: 1948 in Kirchen im südwestlichen Teil des Siegerlandes im Landkreis Altenkirchen in Rheinland-Pfalz, an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Auf dem zweiten Bildungsweg legte Dittmann 1968 das Abitur in Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz ab und kam 1971 zum Lehramtsstudium nach Münster.

    Foto: Ansgar Griebel
  • Hier kam Titus, der eigentlich Eberhard heißt, zum ersten Mal mit dem rollenden Sportgerät in Berührung. Am Aaseehügel am Zoo sah er Skateboarder und war sofort von ihrer positiven Energie begeistert. Seine anfänglichen Vorurteile über die „gefährlichen Rollbretter“ verflogen auf der Stelle. Eine Leidenschaft war geboren.

    Foto: verschiedene
  • Während seines Referendariats am Hittorf-Gymnasium in Münster in den Jahren 1973 bis 1980 gründete der studierte Sport- und Geographielehrer eine Skateboard-AG. Der erste Skateboard-Boom war eigentlich vorbei, nur in Münster wurde scheinbar noch geskatet. Der Bedarf nach Skateboards und Rollerskates war hier groß und so reiste Dittmann in die USA, um Skateboards und Ersatzteile zum Selbstkostenpreis an Schüler zu verkaufen. Sein zweites Staatsexamen legte Dittmann 1980 zum Thema „Skateboarding im Schulsportunterricht?“ ab und wurde Studienrat am Hammonense Gymnasium in Hamm. Mit ihm zog Skateboarding erstmalig als Bestandteil des Schulunterrichts ein.

    Foto: verschiedene
  • Die günstigen Preise seiner US-Import-Ware sprachen sich herum. Schnell kamen nicht mehr nur Anfragen von der Schule, auch Münsteraner und Skateboarder aus ganz Deutschland wollten Nachschub. Der Moment war günstig für Dittmann. Er deckte den Markt ab, der zwar klein war, aber den zu fast 100 Prozent. Als das Geschäft wuchs, quittierte er 1984 seinen Beamtenstatus als Lehrer. Nicht nur Dittmanns Geschäfte wuchsen, so auch die Akzeptanz der Trendsportart. Fünf Jahre später durfte er sich über einen Skatepark in Münster Berg-Fidel freuen (Bild) - einen von noch ganz wenigen in Deutschland Ende der Achtiger. 

    Foto: verschiedene
  • 1982 entstand auf sein Betreiben das Münster Monster Mastership, die spätere Skateboard-Weltmeisterschaft, deren Zentrum Münster viele Jahre war. Insgesamt 24 Jahre lang veranstaltet Dittmann die „Monster Masterships“ in Münster und Dortmund. Bis ins Jahr 2005 waren die Masterships das größte und einflussreichste Skateboard-Event der Welt. Dann fallen die Sponsoren weg und Münster kann die Weltmeisterschaft nicht mehr halten. Mit seiner Ernennung zum Vorsitzenden des FIRS (Fédération Internationale de Roller Sports) 2014 wächst die Hoffnung, die WM zurück nach Deutschland zu holen. Die FIRS ist für alle Belange des Rollsports auf internationaler Ebene einschließlich Olympia und WM im Auftrag des IOC (Intern. Olymp. Commitee) zuständig.

    Foto: verschiedene
  • Mit Titus Dittmann als ersten internationalen Funktionär für die Sportart Skateboarding ist die Skateboard-WM zwar nicht zurück nach Deutschland gekommen. Dafür hat der Skateboard-Pionier es geschafft, dass sich die rivalisierenden Verbände FIRS und ISF auf eine Zusammenarbeit bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio verständigt haben. Dies geschafft, trat er 2017 als World Chairman für Skateboarding des Verbands FIRS zurück. 

    Foto: Oliver Werner
  • 2009 gründete Titus Dittmann eine eigene Stiftung. Mit der Initiative Skate-Aid will er Kinder- und Jugendprojekte in krisengeschüttelten Regionen unterschützen und mit Hilfe des Skateboardings Entwicklungshilfe leisten. Im Frühjahr 2010 baute er gemeinsam mit dem Kooperationspartner Grünhelme den ersten Sportpark an einer Schule in Afghanistan.

    Foto: verschiedene
  • Es folgten Anlagen in Tansania, Uganda, Südafrika, Kenia, Costa Rica, Palästina und zuletzt im März 2018 in Namibia. Letztere ist speziell für Kinder mit Hör-, Seh- und geistiger Behinderung. Indem Kinder und Jugendliche zusammen skaten, verschwinden soziale Grenzen und der gemeinsame Spaß stehe im Vordergrund, sagt Dittmann. Ein neuer Park ist bereits in Planung: in Syrien.

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  • Seit Oktober 2001 koopertiert Dittmann mit der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er übernimmt einen Lehrauftrag und wird bei Kontaktaufnahme zur Universität Herat in Afghanistan unterstützt. Dort soll Skateboarding als Fach etabliert werden, um potenzielle skate-aid-Lehrkräfte auszubilden.

    Foto: Bernd Thissen
  • Unterstützung für seine Hilfsorganisation Skate-Aid erhält der Skateboard-Pionier Titus Dittmann regelmäßig von zahlreichen Prominenten bei seiner Gala Skate-Aid-Night. Dort bringt er nicht nur Unterstützer wie Schauspieler Wotan Wilke Möhring (links) oder Moritz Bleibtreu zusammen, sondern auch Tausende Euro Spenden. 

    Foto: Marco Wehler
  • Für sein unternehmerisches und soziales Engagement erhielt Dittmann zahlreiche Preise. So wurde er unter anderem 2001 “Entrepreneur des Jahres” in der Kategorie Handel. 2010 erhielt er den Laureus-Medienpreis in der Kategorie "Soziales Sportprojekt", überreicht von der früheren Profischwimmerin Franziska van Almsick.

    Foto: Tobias Hase
  • Im Mai 2018 feierte das Unternehmen "Titus" mit Hauptsitz in Münster 40. Jubiläum. Es besteht zu diesem Zeitpunkt aus 30 Filialen in Deutschland, einem Versand- und Onlinehandel und veranstaltet Events und produziert Medien. 2010 kommt es zum Generationswechsel. Sohn Julius (links) übernimmt die Geschäfte. Bei allem Wachstum und Erfolg hat Titus Dittmann aber auch die Kehrseite der Medaille kennengelernt.

    Foto: verschiedene
  • 2006 gerät das Unternehmen in eine schwere Krise. Mit 22 Millionen Euro steht der Geschäftsmann bei Lieferanten in der Kreide. Eine Insolvenz kann er knapp abwenden, setzt das Das gesamte Privatvermögen, inklusive der Altersversorgung zur Rettung des Unternehmens ein. Neun Jahre später sagt er im Interview: "Ich bin daran gewachsen." Seine Erfahrungen qualifizieren ihn 2015 sogar zum Jury-Mitglied in der Serie „Kampf der Start-ups“ im ZDF. Darin berät er JungunternehmerInnen bei der Gründung. "Mit 66 starte ich plötzlich noch mal neu durch und erfahre unglaublich viel Anerkennung", sagt er damals.

    Foto: Sebastian Wagner / ZDF
  • Sein rasantes Leben auf der Extremspur zwischen Adrenalin und Altruismus ist zum einen in seiner Biographie unter dem Titel „Brett für die Welt“ nachzulesen. Zum anderen ist es nachzuschauen im Film „Brett vorm Kopp“, inszeniert von den Berliner Filmemachern Ali Eckert und Monica Nancy Wick.

    Foto: Verlag

Medizinische Ergebnisse stehen noch aus

Bedenkenfreies Ja hier, Zurückhaltung da. Prof. Pa­tricia Ohrmann von der Erwachsenen ADHS-Ambulanz am Uniklinikum Münster, Prof. Heiko Wagner vom Institut für Sportwissenschaften der Uni Münster und Thomas Michel, Sportdezernent der Bezirksregierung, begleiten das Projekt. Im März sind die Kinder „gemessen worden“, sagt Ohrmann. „Ih­re Motorik wurde überprüft, die ADHS-Symptomatik sowie ihre kognitiven Fähigkeiten.“ All das werde nun wiederholt. Um herauszufinden, ob sich das Skaten ausgewirkt habe und wenn ja wie und warum. Ende des Jahres gibt’s Ergebnisse.

Die klinische Diagnose ist das eine, der psychologische Effekt das andere. ADHS-Kinder würden oft ausgegrenzt, abgelehnt, herabgesetzt, was nachweislich schlecht fürs Selbstwertgefühl sei, sagt die Psychiaterin. Beim Skaten lernten sie, „Kompetenzen zu nutzen, Spaß zu haben und ein Gefühl des Dazugehörens“ zu entwickeln.

Während Ohrmann sachlich argumentiert und Dittmann danach raumgreifend erklärt, sitzt eine Mutter zwei Tische weiter und wartet. „Für unseren Sohn ist das hier super“, sagt sie später. Ihren Namen nennen will sie nicht, erzählen schon. ADHS-Kinder seien „nicht gruppenfähig“, das Skaten helfe ihnen, „Fähigkeiten zu identifizieren ohne sich anzupassen“. Für sie zähle alleine das. Und die Tatsache, dass es ihrem Sohn irre Spaß mache.

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