Colonia Dignidad
Sektenopfer hoffen auf Hilfe

Gronau -

Er hat schuften müssen ohne Lohn. Er wurde gequält und missbraucht. Wenn Gerd-Peter Rahl über seine Zeit in der Colonia Dignidad berichtet, wird einem ganz anders. Der Gronauer war eines der Opfer des Sektenführers Paul Schäfer und dessen Helfer in der berüchtigten Colonia Dignidad in Chile. Aber was heißt „war“: Mit den Folgen haben er und seine Leidensgenossen noch heute zu kämpfen.

Donnerstag, 09.08.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 09.08.2018, 07:07 Uhr
Das Archivfoto aus den 1980er-Jahren zeigt den Eingangsbereich der „Colonia Dignidad“ in Parral (Chile).
Das Archivfoto aus den 1980er-Jahren zeigt den Eingangsbereich der „Colonia Dignidad“ in Parral (Chile). Foto: dpa

„Meine Frau wacht oft schreiend auf, weil sie Albträume hat“, sagt Rahl im Gespräch mit den WN. Auch sie war Insassin des von der Außenwelt mit Stacheldraht abgeschirmten Lagers.

Seit Jahren hoffen die Opfer der Colonia auf finanzielle Unterstützung durch den deutschen Staat. Vor gut einem Jahr schien es so weit: Fraktionsübergreifend gab der Bundestag der Bundesregierung den Auftrag, ein Hilfsprogramm für die Opfer zu erarbeiten. Ein Jahr später ist die Ernüchterung groß: „Im Zentrum des Hilfskonzepts könnte die Errichtung eines Hilfsfonds stehen“, heißt es in dem Entwurf, den die Bundesregierung vorlegte.

„Aus diesem sollen Unterstützungsmaßnahmen finanziert werden, die der Opfergemeinschaft zu Gute kommen. Individualmaßnahmen, insbesondere Geldmaßnahmen an Einzelpersonen, sind dagegen nicht vorgesehen.“ Die Bundesregierung sehe nicht, dass aus den Geschehnissen in der Colonia Dignidad rechtliche Ansprüche gegen die Bundesrepublik entstanden seien.

Gerd-Peter Rahl

Gerd-Peter Rahl war nach seinem Abschluss an der Fridtjof-Nansen-Realschule in die Fänge von Schäfer geraten. Er sollte zur Bundeswehr eingezogen werden, erzählt er. „Das wollte ich aber nicht. Ich wollte lieber etwas im Bereich Entwicklungshilfe tun.“ Seine strenggläubige Mutter hatte über Bekannte Kontakte zur Colonia Dignidad, die ihr als paradiesisch dargestellt wurde. Sie riet ihrem Sohn, nach Chile zu gehen. „Ich hatte natürlich keine Ahnung was mich dort erwartete.“

Rahl listet auf: Missbrauch durch Paul Schäfer zwei Tage nach der Ankunft, neun Jahre lang nach täglich harter Arbeit auf einem Strohsack geschlafen, jahrelang statt Toilettenpapier zerrissene Zementtüten, die Wunden und Schmerzen verursachten. Keine Hilfen, keine Eltern, aber Zwangsarbeit. Medizinisches Versuchskaninchen für Medikamente und Elektroschocks und so weiter.

Nach Ende des Terrors kehrte er Ende 2005 nach Gronau zurück, mit seiner Frau und damals drei kleinen Kindern. „Ich hatte vier Koffer und 8000 Euro. Ich bin in Deutschland erst mit 50 Jahren ins Berufsleben eingetreten.“ Eine ausreichende Altersvorsorge konnte er seitdem nicht aufbauen – obwohl er als Selbstständiger in Vollzeit arbeitet.

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Für die nach Deutschland zurückgekehrten Opfer schlägt die Bundesregierung Maßnahmen vor, „die vorzugsweise an Orten durchgeführt werden, an denen sich eine größere Zahl ehemaliger Bewohner in Deutschland (z.B. Gronau) oder in Chile (v.a. Villa Baviera so lautet der Name der Colonia nach deren Öffnung, Anm. der Redaktion) aufhält.“

Ein Beratungs- und Betreuungsangebot könne erarbeitet werden, Veranstaltungen, die der gemeinsamen Aufarbeitung und dem Erfahrungsaustausch dienen, und Veranstaltungen mit dem Ziel der Eingliederung von Neuankömmlingen aus der Villa Baviera in den deutschen Arbeitsmarkt.

Colonia Dignidad

Die Siedlung, etwa 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago, wurde Anfang der 1960er- Jahre von deutschen Auswanderern gegründet. Etliche von ihnen stammten aus Gronau. Ihr Anführer Paul Schäfer, der in Deutschland wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen gesucht wurde, hatte aus seinen Anhängern eine Sekte gebildet. Ohne seine Erlaubnis durfte niemand das mit Stacheldraht abgeriegelte Gelände verlassen. Während der chilenischen Militärdiktatur (1973 bis 1990) wurde dort auch gefoltert.

Schäfer tauchte 1997 unter und setzte sich nach Argentinien ab. Nach seiner Festnahme wurde er wegen Kindesmissbrauchs und anderer Delikte zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Er starb 2010 in einem chilenischen GefängnisDer ehemalige Sektenarzt Hartmut Hopp – früher Schäfers rechte Hand – lebt heute in Krefeld.

Hopp war in Chile 2011 wegen Kindesmissbrauchs zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Bevor er die Strafe antreten musste, setzte er sich nach Deutschland ab.Auch gegen einen mittlerweile im Gronauer Stadtosten lebenden ehemaligen Bewohner wurde ermittelt. Zu einer Anklageerhebung ist es bislang nicht gekommen.

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Das Papier der Bundesregierung treibt Rahl die Tränen in die Augen. „Eine steuerlich absetzbare Sterbehilfe“ nennt er den Inhalt. Er hat sich finanzielle Hilfen erhofft. Doch in dem Papier der Regierung ist lediglich die Rede davon, dass „in Deutschland lebende Opfer ... Zugang zum deutschen Sozialversicherungssystem“ haben. „Das hat doch jeder hier“, sagt Rahl. Als weitere Maßnahmen wird in dem Konzeptentwurf eine „Zentrale Anlaufstelle oder bundesweite Beratungshotline“ erwogen, die sie „bei der Bewältigung von Problemen im Umgang mit Behörden sowie bei der Geltendmachung von Ansprüchen . . .“ unterstütze.

Diplomatie versagte

Der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat 2016 anerkannt, dass die deutsche Diplomatie zu wenig unternommen habe, um den Opfern der Colonia Dignidad zu helfen. „Über viele Jahre hinweg haben deutsche Diplomaten bestenfalls weggeschaut – jedenfalls zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute in dieser Kolonie getan“, sagte Steinmeier.

Auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte 2016 bei seinem Staatsbesuch in Chile die Verbrechen der Sektenkolonie und das lange Schweigen des deutschen Staates dazu.

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Von finanziellen Entschädigungen oder Rentenzuschüssen ist dagegen keine Rede. Rahl hat Jahrzehnte seines Lebens in der Colonia gearbeitet. Sozialabgaben wurden für die in der Colonia Gefangenen aber nicht abgeführt. Es wurde ja nicht mal Lohn gezahlt. Rahl selbst ist derzeit zwar voll berufstätig – er saniert als Selbstständiger alte Gebäude; doch finanziell auf Rosen gebettet ist die Familie nicht. Und dem 62-Jährigen graut es vor dem Alter: Mit einer auskömmlichen Rente können weder er noch die anderen Opfer des Unterdrückungsapparats von Paul Schäfer rechnen. Wie sollen diejenigen zurechtkommen, die wegen der Erlebnisse in der Colonia berufsunfähig geworden sind?

Rahl sieht die Bundesregierung durchaus in der Verantwortung. Sie habe von den Missständen in Chile gewusst. Auch von seinem persönlichen Schicksal. „Das war dem deutschen Außenministerium bekannt, von Hugo Baar und dem Ehepaar Packmor (Rahls Tante und Onkel), denen 1985 die Flucht gelang“, berichtet er. Doch es sei nichts passiert, um die Opfer zu befreien.

„Gebt uns eine angemessene Rente hier in Deutschland“, bittet Rahl in einem Brief an die Bundestagsabgeordneten. „Ich habe fünf schulpflichtige Töchter. Ich möchte ihnen eine bestmögliche Bildung ermöglichen. Darum kämpfe ich.“

Hat er eine Vermutung, warum sich die Regierung so schwer tut mit einer Entschädigung? „Wahrscheinlich soll kein Präzedenzfall geschaffen werden“, sagt Rahl. Außerdem wäre das ein Eingeständnis, dass die Regierung in der Vergangenheit Fehler gemacht hat. Das fällt nicht leicht.“

Mit dem Fall befasste Bundestagsabgeordnete haben sich ebenfalls kritisch über den Entwurf geäußert. Michael Brand, menschenrechtspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, zeigte sich entsetzt. Und Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen), empfand den Entwurf als Affront – gegen die Betroffenen, aber auch gegen den Beschluss des Bundestags, dessen Intention missachtet werde. Sie hatte im Herbst 2016 eine Reise von sieben Mitgliedern des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz nach Chile initiiert.

Es besteht also noch begründete Hoffnung, dass der Entwurf nicht das letzte Wort in dieser Sache ist.

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