Kurzserie: Gefahr unter Tage (Teil 2)
Mannloses Hobeln bringt mehr Sicherheit

Tecklenburger Land -

104 Tote gab es insgesamt seit 1960 im Ibbenbürener Bergbau. 16 von ihnen kamen bei einem Gas-Kohlen-Ausbruch ums Leben. Das schlimmste Unglück ereignete sich 1981, als acht Menschen bei dem plötzlichen Freiwerden großer Mengen Gas und Kohle unter Tage starben.

Mittwoch, 15.08.2018, 08:00 Uhr
Veröffentlicht: Mittwoch, 15.08.2018, 08:00 Uhr
Besonders gefürchtet sind sogenannte Gas-Kohlen-Ausbrüche. Gibt es Auffälligkeiten unter Tage, werden Entspannungsbohrungen gemacht, das heißt, das Gebirge wird an dieser Stelle sozusagen durchlöchert, damit das Gas kontrolliert entweichen kann.
Besonders gefürchtet sind sogenannte Gas-Kohlen-Ausbrüche. Gibt es Auffälligkeiten unter Tage, werden Entspannungsbohrungen gemacht, das heißt, das Gebirge wird an dieser Stelle sozusagen durchlöchert, damit das Gas kontrolliert entweichen kann. Foto: RAG Anthrazit Ibbenbüren

Bis Anfang der 70er Jahre kannte man das Phänomen der Gas-Kohlen-Ausbrüche in Ibbenbüren gar nicht. Erst mit dem Teufensprung im Jahr 1972 (Abbau in größerer Tiefe) und offenbar mehr Störungen im Gebirge wurden plötzlich zahlreiche Gas-Kohlen-Ausbrüche dokumentiert.

Insbesondere die Flöze 53 und 54 machten große Probleme. Dort wurden bis zu 50 Ausbrüche in einem Kohleabbau gemessen. Das neue Phänomen stellte die Betreiber der Zeche vor besondere Herausforderungen. Wissen und Erfahrung fehlten bis dahin.

Problematisch wird der Abbau der Kohle an geologischen Unregelmäßigkeiten wie Faltungen – dort, wo die Struktur der Kohle zerstört und sie teilweise zu Feinkohle zerrieben ist, erläutert Guido Exeler, Abteilungsleiter Wettertechnik und Gasausbruchsverhütung bei der RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH. Wird dort gesprengt, gehobelt oder gebohrt, kann es zu einer schnellen Gasabgabe kommen. Auch Abbaukanten schwächen die Struktur der Kohle und fördern somit die Gasabgabe. Ruht die Kohle, gibt es kein Ereignis.

Das Bergwerk Ibbenbüren intensivierte nach den Ereignissen die Maßnahmen zur Bekämpfung. Anfang der 1980er Jahre wurde eine eigene Abteilung für die Früherkennung und die Beseitigung von Gasausbruchsgefahren eingerichtet. Zunächst war sie Stabstelle der Markscheiderei, seit 2009 ist sie eine Abteilung in der Wettertechnik. Ein Spezialist wurde damals eingestellt, ein sogenannter Gasausbruchsbeauftragter. „Der Erfolg gibt uns recht. Seit fünf Jahren haben wir kein Ereignis mehr und seit 28 Jahren kein Ereignis mit Personenschaden“, sagt Exeler.

Ein Gas-Kohlen-Ausbruch

Das Gas CH4 (Methan) steckt ganz natürlich in der Kohle, erläutert Guido Exeler, Abteilungsleiter Wettertechnik und Gasausbruchsverhütung bei der RAG Ibbenbüren. Es entstand während der Entstehung der Kohle (Inkohlung), ein Prozess über Jahrmillionen von Jahren. Unverritzte Kohle (noch nicht durch den Bergbau berührt) hat auf dem Bergwerk einen CH4-Anteil von ca. 20 Kubikmetern pro Tonne. Der Druck liegt bei beachtlichen rund 25 bar. Ein Gasausbruch bezeichnet das plötzliche Freiwerden von Gas. Wird dabei gleichzeitig Kohle ausgeworfen, spricht man von einem Gas-Kohlen-Ausbruch. In der Nähe des Ausbruchsortes besteht für die dort beschäftigten Personen die Gefahr des Sauerstoffmangels und/oder verschüttet zu werden. Außerdem kann feinster Kohlenstaub zur Verstopfung der Atemwege führen. Darüber hinaus stellt das Gas als explosionsfähiges Gasgemisch am Ausbruchsort und im Wetterweg eine erhebliche Gefahr dar.

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Die Hauptaufgabe war und ist es noch heute, gasausbruchsgefährliche Bereiche frühzeitig zu erkennen und diese durch gezielte Bohrprogramme zu entspannen oder die Bereiche gegebenenfalls ganz zu meiden. Außerordentlich wichtig sind in diesem Zusammenhang die Kenntnisse zur Lage von Störungen und Abbaukanten. Zudem fand man heraus, dass der Gasinhalt durch Über- bzw. Unterbauung (sogenannter Schutzflözabbau) reduziert werden kann und der Gasdruck dadurch maßgeblich vermindert wird.

Um die Bergleute zu schützen, forcierte man zudem das mannlose Hobeln, das heißt, beim Abbau der Kohle gibt es vorgeschriebene Schutzabstände. Auch das Hobeln selbst wurde verändert, zum Beispiel die Schnitttiefe und die Hobelgeschwindigkeit reduziert. Der Hobel ruht zudem eine Minute am Wendepunkt, bevor er wieder losfährt. Maßnahmen, die wesentlich zur Reduzierung von Ereignissen führten.

Nach und nach wurde auch eine automatische Alarmierung eingerichtet, die die Belegschaft vor einer erhöhten Ausgasung warnt. Diese wird über die Sprechanlage und alle in diesem Bereich installierten Telefone ausgestrahlt. Damit ergeht die Aufforderung, überall aufgehängte Notatemluftspender aufzusuchen. Löst der Alarm aus, werden zudem alle Bereichsleiter und Verantwortlichen per Handy informiert – egal zu welcher Uhrzeit. „Der Vorteil: Alle Experten stehen sehr schnell zur Verfügung“, erläutert Exeler. So stehe in sehr kurzer Zeit große Kompetenz zur Verfügung, um die Lage richtig einzuschätzen.

Für mehr Sicherheit sorgt auch eine intensive Kontrolle von Ausgasungen im Streb. Sind die Werte erhöht, schaltet der Hobel von alleine ab. Gibt es solche Auffälligkeiten, werden laut Exeler Entspannungsbohrungen gemacht, das heißt, das Gebirge wird an dieser Stelle sozusagen durchlöchert, damit das Gas kontrolliert entweichen kann. „Da sind absolute Profis am Werk.“ Die Bohrmaschine ist dabei ferngesteuert.

Über all die Jahre ist ein umfangreiches Netzwerk entstanden: Dazu gehören regelmäßige Kontakte zur Bergbehörde und zu den Sachverständigen der DMT, einem Unternehmen der TÜV Nord Group, das Beratungsleistungen rund um den Bergbau anbietet.

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