Neues Recht bei der Ferkelkastration
Sauenhalter sind verunsichert

Ascheberg -

Wenn Sauen in der nächsten Woche belegt werden, dürfte für die männlichen Ferkel ein neues Recht greifen. Die Sauenhalter sind entsprechend verunsichert.

Samstag, 01.09.2018, 09:00 Uhr aktualisiert: 01.09.2018, 10:16 Uhr
Landwirte und Tierärzte diskutieren über das, was auf die Sauenhalter zukommt. Ferkel dürfen nach aktuellem Stand ab 1. Januar 2019 nicht mehr betäubungslos kastriert werden. Zum Stimmungsbild tragen im WN-Gespräch auch Georg Silkenbömer, Dirk Schulze Pellengahr und Dr. Norbert Schulze Thier bei.
Landwirte und Tierärzte diskutieren über das, was auf die Sauenhalter zukommt. Ferkel dürfen nach aktuellem Stand ab 1. Januar 2019 nicht mehr betäubungslos kastriert werden. Zum Stimmungsbild tragen im WN-Gespräch auch Georg Silkenbömer, Dirk Schulze Pellengahr und Dr. Norbert Schulze Thier bei. Foto: dpa

Drei Monate, drei Wochen und drei Tage – das ist die Tragezeit von Sauen. Viele männliche Ferkel werden sieben Tage nach der Geburt kastriert. Betäubungslos. Damit ist am 1. Januar 2019 Schluss. Mit Ferkeln der Sauen, die ab jetzt belegt werden, müssen andere Wege eingeschlagen werden. Darauf vorbereitet ist die Landwirtschaft nicht. Ein Großteil setzt auf eine weitere Schonfrist, die den Start der betäubungslosen Kastration verschiebt. Der Blick vieler Sauenhalter geht darum nach Berlin. Kommt da noch etwas aus dem Landwirtschaftsministerium?

Männliche Ferkel werden kastriert, weil ihr Fleisch Ebergeruch haben kann. Wer isst schon ein Nackensteak, das riecht als sei es in Gülle mariniert? Georg Freisfeld mästet trotzdem Eber. „Ich bin 2009 als einer der Ersten in Deutschland gestartet“, erklärt der Pionier aus der Osterbauer. Schon damals war die betäubungslose Kastration am Horizont zu sehen. Eine der Alternativen waren eben Verzicht und Ebermast. Dass Eber das Futter besser verwerten, hat den schlechteren Schlachtpreis für Eber aufgewogen. Schließlich muss jedes dieser Tiere am Schlachthof einer Geruchsprobe unterzogen werden. Dass dieser Weg für alle Eberferkel möglich ist, schließt Freisfeld aus: „In den Schlachthöfen ist bei 15 Prozent Ebern Schluss.“

Wenn es – wie bisher – bei einer chirurgischen Kastration bleiben soll, müssen die Ferkel komplett betäubt werden. Das dürfen nur Tierärzte. „Wenn es so kommt, wird es ein hoher Aufwand, dann müssten Großtierpraxen zusätzliche Leute einstellen“. glaubt Tierarzt Dr. Norbert Thier. Aktuell sähe er nicht nur personelle Engpässe, sondern auch Probleme bei den Mengen an Betäubungsmitteln, die verfügbar sein müssten. „Wir werden uns kurzfristig darauf einstellen müssen“, bleibt der Ascheberger aber gelassen.

Sauenhalter Heinrich Lohmann wird dagegen schon nervöser. Er spricht von einer Wettbewerbsverzerrung in Europa. So würden in Dänemark und den Niederlanden andere Regeln gelten. Der sogenannte vierte Weg, eine örtliche Betäubung, ist dort erlaubt. Sie kann von den Sauenhaltern selbst vorgenommen werden. In Deutschland wird dieser Weg von den Tierschutzverbänden klar abgelehnt. Sollte er trotzdem noch kommen, müssten die Landwirte geschult werden. „Dafür wird die Zeit knapp“, fürchtet Lohmann. Sein Wunsch ist darum, den Startzeitpunkt nach hinten zu verlegen.

Als Alternative käme eine Immunokastration mit Improvac in Frage. Richtig überzeugt scheint dafür aber kaum ein Sauenhalter zu sein. Belgien, so Lohmann, sei gerade daraus ausgestiegen.

Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter hat gerade Zahlen vorgelegt, nach denen jeder zweite Sauenhalter in den nächsten Jahren aussteigen werde. Dirk Schulze Pellengahr glaubt, dass es sogar mehr sein werden: „Ich sehe es drastischer.“ Aktuell seien die nötigen Medikamente nicht vorhanden. Deswegen fürchte er, dass Landwirte in eine Grauzone getrieben würden, die – unterfüttert mit illegalen Stallbildern – den Druck auf die Landwirtschaft weiter ansteigen lasse. In wirtschaftlich schweren Zeiten könne das die Bereitschaft auszusteigen, anwachsen lassen. Der stellvertretende Kreislandwirt glaubt nicht, dass aus Berlin Hilfen durch einen späteren Start oder das Zulassen des vierten Weges kommen: „Die lassen das voll vor die Wand fahren.“ Schließlich hätten die Politiker schon einige Jahre Zeit für andere Lösungen verstreichen lassen. Das näher rückende Datum sei seit fünf Jahren bekannt.

Kreislandwirt Georg Silkenbömer plädiert dafür, alle Wege offen zu halten. Von einem späteren Start hält er wenig: „Ein paar Monate könnten dem einen oder anderen Betrieb helfen, aber es auf Jahre zu verschieben erhöht nur den gesellschaftlichen Druck auf die Landwirtschaft.“

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