Ex-SS-Mann Jakiw Palij
Endstation Ahlen

Ahlen/Münster -

Drei Wochen ist es jetzt her, dass die USA den 95 Jahre alten Jakiw Palij nach Deutschland abgeschoben haben. Der ehemalige SS-Scherge aus der Ukraine, der im Arbeitslager Trawniki ausgebildet und eingesetzt worden war, wurde in einem Seniorenheim in Ahlen untergebracht. Die Überführung lief als geheime Kommandosache.

Freitag, 14.09.2018, 20:26 Uhr
Veröffentlicht: Freitag, 14.09.2018, 17:34 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Freitag, 14.09.2018, 20:26 Uhr
Untergebracht ist Jakiw Palij derzeit in diesem Seniorenheim in Ahlen.
Untergebracht ist Jakiw Palij derzeit in diesem Seniorenheim in Ahlen. Foto: Christian Wolff

Warum eigentlich? Schließlich stehen drängende Fragen im Raum. Zum Beispiel die, warum Palij seinen Lebensabend in Ahlen fristet – und vor allem: was ihm ei­gentlich vorgeworfen wird. Beim Thema Ahlen werden offizielle Stellen erst schmallippig, dann stumm.

Laschet bot Aufnahme in NRW an

Fest steht: Armin Laschet und Karl-Josef Laumann sorgten für die Unterbringung des Mannes, der Jahrzehnte in New York lebte. Der Ministerpräsident bot Bundeskanzlerin Merkel an, Palij in NRW aufzunehmen, nachdem US-Botschafter Richard Grenell Druck gemacht hatte. Der Gesundheitsminister aus Birgte bei Riesenbeck besorgte den Platz in Ahlen. Er kennt den Emsdettener Betreiber der Einrichtung. Ahlen wurde auch ausgewählt, weil dort Rumänisch sprechendes Personal arbeitet. Agiert wurde auch hier im Stillen.

Jakiw Palij, der Trawniki. Für die USA ist die Sache klar: Er habe nicht selbst gemordet, aber nach seiner Ausbildung zum SS-Helfer als Wachmann im Vernichtungslager Treblinka gear­bei­tet und damit das Morden möglich gemacht, er­klärten die Behörden. Die Argumentation übernimmt Münsters jüdische Gemeinde. Und fordert die deutsche Justiz „zu mehr Anstrengungen auf, den früheren KZ-Aufseher Jakiw Palij vor Gericht zu stellen“.

Beweise für Verurteilung fehlen

All das klingt entschieden, hat jedoch einen Haken. Es gibt keine Beweise. Die US-Behörden haben ihre Vorwürfe nicht belegt. Erfolglos ermittelt hatte vor Jahren auch die deutsche Justiz. Palij selbst gab zwar zu, Trawniki gewesen zu sein; auf ei­ner Liste mit Angehörigen der SS-Hilfstruppe, die unserer Zeitung vorliegt, steht sein Name. Auf einer weiteren, die die in Treblinka eingesetzten Trawniki listet, findet er sich aber nicht.

Der 95-Jährige hat jedoch immer bestritten, in Gräueltaten verwickelt gewesen zu sein. Er sei von der SS gezwungen worden, als Wachmann zu arbeiten. „Wir wussten, dass sie mich und meine Familie getötet hätten, wenn ich mich geweigert hätte“, sagte er vor 15 Jahren der „New York Times“. Er will während des Krieges „nur Brücken und Flüsse“ bewacht haben.

"Personal für die Drecksarbeit"

Der Historiker Thomas Köhler von der Gedenkstätte Villa ten Hompel in Münster hält das für extrem unwahrscheinlich. Die Trawniki seien „das rangniedrige Personal für die Drecksarbeit gewesen“. Knapp 5000 Mann stark war die Truppe. Sie räumten Ghettos, trieben Menschen in die Gaskammern und zeichneten sich oftmals durch eine besondere Brutalität aus. „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass rund 30 Prozent von ihnen flohen“, sagte Köhler, der auch Lehrbeauftragter an der münsterischen Uni ist.

Palij floh nicht. Er gehörte der SS-Hilfstruppe von 1941 bis April 1945 an. In dieser Zeit wurden 19 Ghettos geräumt, in dieser Zeit lief auch die „Aktion Rheinhardt“, im Rahmen derer in Polen rund zwei Millionen Menschen umgebracht wurden. „Wahrscheinlich“ sei, dass Palij 1943 auch bei der Erschießung von 6000 Juden im Arbeitslager Trawniki anwesend war, sagt Winfried Nachtwei, Ex-MdB der Grünen, der Anfang der Neunziger die Verwicklung regionaler Polizeibataillone in den Holocaust ans Tageslicht brachte.

Überstellung lief reibungslos ab

Das alles ist naheliegend, bleibt aber Vermutung. Darum wird Jakiw Palij allem Anschein nach unbehelligt bleiben. Das kommt Bund und Land entgegen. Und offenbar auch den USA. US-Botschafter Grenell hat sich jedenfalls persönlich beim Warendorfer CDU-Bundestagsabgeordneten Reinhold Sendker dafür bedankt, dass die Überstellung des SS-Helfershelfers so problemlos geklappt hat. Problemlos und weitgehend geräuschfrei.

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