Ablenkungen am Steuer
Handy, Navi, Kopfhörer - Polizei geht gegen tödliches „Kavaliersdelikt“ vor

Münster -

Es ist längst ein alltägliches Bild: Wer am Straßenrand steht, muss meist nur wenige Minuten warten, bis der erste Autofahrer mit dem Handy am Ohr vorbeifährt. Was manchen als Kavaliersdelikt erscheint, ist längst eine ebenso alltägliche Unfallursache. Deshalb machte die Polizei am Donnerstag mit dem Aktionstag „Sicher. Mobil. Leben“ darauf aufmerksam. 11.000 Beamte stoppten Rad-, Motorrad-, Auto- und Lkw-Fahrern an bundesweit 3200 Stellen.

Donnerstag, 20.09.2018, 22:14 Uhr
Veröffentlicht: Donnerstag, 20.09.2018, 18:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Donnerstag, 20.09.2018, 22:14 Uhr
Ablenkungen am Steuer: Handy, Navi, Kopfhörer - Polizei geht gegen tödliches „Kavaliersdelikt“ vor
Bei einer bundesweiten Polizeiaktion wurden am Donnerstag 3100 Handysünder erwischt. Foto: dpa

In Deutschland wird Ablenkung als Unfallursache zwar derzeit nicht erfasst, wie ein Verkehrsexperte der Hochschule der Polizei in Münster der dpa sagte. Statistiken aus anderen europäischen Ländern und internationale Studien zeigten jedoch, dass mangelnde Aufmerksamkeit für mehr als die Hälfte der Unfälle mitverantwortlich ist – Tendenz steigend.

500 Tote pro Jahr

Die Verkehrssicherheitskampagne „Be smart“ geht gar davon aus, dass pro Jahr 500 Menschen in Folge eines Blicks aufs Smartphone getötet und 25.000 weitere verletzt werden. Mehr als 70 Prozent gaben demnach in einer Umfrage des Automobilklubs Mobil in Deutschland an, ihr Smartphone am Steuer zu benutzen, davon 20 Prozent sogar regelmäßig.

Unfallrisiko: Fünf Fakten über Ablenkung

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  • Mit lauter Lieblingsmusik zur Arbeit radeln, SMS beim Weg durch die Fußgängerzone beantworten oder bei der Autofahrt die Familie anrufen: Unsere Handys mögen uns in vielen Situationen helfen und gute Laune machen - sie sind aber auch ein unterschätztes Risiko im Straßenverkehr. 

    Foto: Z1018 Ralf Hirschberger
  • 1. Ablenkung ist eine der Hauptunfallursachen:

    Ablenkung am Steuer wird als Unfallrisiko chronisch unterschätzt, sagt Heinz Albert Stumpen von der Hochschule der Polizei in Münster. Wie oft fehlende Aufmerksamkeit in Deutschland eine Rolle spielt, lässt sich aus den Statistiken nicht ablesen - anders als überhöhte Geschwindigkeit oder Alkohol wird es nicht erfasst. Andere europäische Länder weisen es aus: In Österreich spiele Ablenkung etwa bei jedem dritten tödlichen Unfall eine Rolle, sagt Stumpen. Internationale Studien zeigten, dass mehr als die Hälfte der Unfälle damit in Zusammenhang stehen.

    Foto: colourbox.com
  • 2. Handytippen ist so gefährlich wie betrunken zu fahren:

    Besonders gefährlich sind die digitalen Helfer am Steuer. „Elektronische Geräte wie Navigationssysteme oder Handys während der Fahrt bedienen, ist das Gefährlichste, was man am Steuer machen kann“, sagt Stumpen. Das Risiko, einen Unfall zu bauen, steige um das Vierfache. Eine Nachricht beim Fahren zu lesen oder zu tippen, sei so gefährlich wie mit 0,8 bis 1,0 Promille Alkohol zu fahren. Der Grund: Man fährt beim Blick aufs Handy im sogenannten Blindflug. Bei Stadtfahrten mit Tempo 50 bedeutet eine Sekunde auf das Handy gucken schon 14 Meter Weg blind zurücklegen. Außerorts mit Tempo 130 sind es 36 Meter - jede Sekunde. Gefahren werden später oder zu spät erkannt, die Reaktion ist verzögert.

    Foto: Sebastian Gollnow
  • 3. Autofahrer sind keine Kinderbetreuer:

    Nicht nur das Mobiltelefon ist ein unterschätzter Ablenker. Lkw-Fahrer etwa lesen Zeitung, kochen Kaffee oder gucken Filme, während sie auf den Fernstraßen unterwegs sind. „Was man da so tagtäglich auf den Landstraßen und Autobahnen erlebt, ist der Wahnsinn“, sagt Nadine Raabe-Goldermann aus dem Innenministerium Sachsen-Anhalt. Doch während dieses Risiko auf der Hand liegt, werden andere Gefahren vergessen. Eltern wollen, dass ihre Kinder in Sicherheit sind - aber auch, dass sie auf der Fahrt nicht unzufrieden mitfahren. Fällt der Teddy oder der Nuckel in den Fußraum oder rufen sie nach Essen oder Trinken, sollten Eltern darauf verzichten, bei laufender Fahrt vom Fahrersitz einzugreifen.

    Foto: dpa
  • 4. Nicht nur am Steuer ist Ablenkung gefährlich:

    Stumpen von der Hochschule der Polizei spricht auch die „Smombies“ an: Menschen, die scheinbar mit ihrem Smartphone verwachsen mit gesenktem Blick durch Innenstädte und U-Bahnhöfe laufen oder sich mit lauter Musik über Kopfhörer beschallen. „Immer wieder gibt es betrübliche und dramatische Vorgänge, wo Menschen mit Musik in den Ohren und Blick aufs Handy vor die Straßenbahn laufen.“ Raabe-Goldermann mahnt, jeder glaube immer, er habe das Geschehen dennoch im Blick, vergesse aber, dass andere Verkehrsteilnehmer genauso nachlässig unterwegs seien. „Man muss immer auch mit der Ablenkung der anderen rechnen“, sagt sie.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • 5. Verstöße werden verstärkt kontrolliert - und sind teuer:

    Seit Herbst vorigen Jahres müssen Handysünder am Steuer deutlich mehr Bußgeld berappen: Statt 60 Euro und einem Punkt belasten 100 Euro und ein Punkt die Geldbörse und das Verkehrskonto in Flensburg. Auch Radfahrer sind nicht von Strafe frei: Sie müssen statt 25 Euro inzwischen 55 Euro hinblättern. Allerdings wird die Strafe nur fällig, wenn die Polizei auch aktiv Verstöße kontrolliert und ahndet. Zumindest in Sachsen-Anhalt ist das der Fall: Wurden im Jahr 2015 noch knapp 5200 Fälle sanktioniert, waren es voriges Jahr bereits 6000. Tendenz steigend: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres waren es schon fast 4300. Die Verstöße erfasst jedes Land separat.

    Ablenkung am Steuer wird als Unfallrisiko chronisch unterschätzt, sagt Heinz Albert Stumpen von der Hochschule der Polizei in Münster. Wie oft fehlende Aufmerksamkeit in Deutschland eine Rolle spielt, lässt sich aus den Statistiken nicht ablesen - anders als überhöhte Geschwindigkeit oder Alkohol wird es nicht erfasst. Andere europäische Länder weisen es aus: In Österreich spiele Ablenkung etwa bei jedem dritten tödlichen Unfall eine Rolle, sagt Stumpen. Internationale Studien zeigten, dass mehr als die Hälfte der Unfälle damit in Zusammenhang stehen.

    Foto: Hauke-Christian Dittrich

Navi, Kindersitz und Kopfhörer

Doch die Bandbreite ablenkender Tätigkeiten ist größer. Sie reicht vom Zigarette anzünden am Steuer über die Bedienung von Navi und Handy bis hin zum besorgten Dauerblick auf den Rücksitz zum Kleinkind statt in den Rückspiegel. Und auch Radfahrer und Fußgänger setzten sich mit lauter Musik und Blick auf den Handybildschirm großen Gefahren aus.

51.000 Fahrzeuge kontrolliert

Beim bundesweiten Aktionstag kontrollierten die Polizisten verstärkt, wie viele Autofahrer sich ablenken lassen. Neben konkreten Verwarnungen ging es jedoch – analog zum einstigen „Blitzmarathon“ – auch darum, das Thema ins Gespräch zu bringen. Am Ende wurden bundesweit 51.000 Fahrzeuge kontrolliert – darunter 3100 Handysünder. Allein im Kreis Borken hatten 48 Fahrer ein Telefon in der Hand. In Münster wurden bis zum Nachmittag bereits über 50 Anzeigen aufgenommen.

Kommentar: Im Blindflug

Beim ersten „Blitz-Marathon“, der im Jahr 2012 in NRW vom damaligen Innenminister Jäger aus  der Taufe gehoben wurde, war die Aufregung groß. Aber: Auch an den später sogar bundesweit folgenden Blitz-Tagen gelang es immerhin, die fortwährende Raserei auf deutschen Straßen zu einem zentralen Thema zu machen. Ob die Wirkung der zigtausend Kontrollen nachhaltig gewesen ist, wird von Experten bis heute leider sehr unterschiedlich beurteilt. Beim Großeinsatz gegen die riskante Handynutzung am Lenkrad dürfte dies ähnlich sein. Obwohl der Blick aufs Mobiltelefon die Fahrt zum Blindflug macht, wird man auch morgen wieder die sorglosen Handysünder antreffen. Tippend, plaudernd, lesend – im Auto, auf dem Fahrrad. Vollkommen abgelenkt. So, als würden  sie sich bewusst einen Sekundenschlaf gönnen. Die bisher bekannt gewordene hohe Zahl der Er­tappten zeigt, dass der Piepton des Handys bei den ­allermeisten Menschen längst eine Art Reflex auslöst: Griff zum Gerät, Blick aufs Display. Kann man sich davor schützen? Ja, durch einfaches Abschalten. Wahlweise hilft aber auch der Gedanke an ein happiges Bußgeld, den Punkt in Flensburg oder die schrecklichen Folgen eines Unfalls. Im Klartext: Tippen tötet. Wolfgang Kleideiter

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