Sprecherin der Hebammen: Im Kreis droht Unterversorgung
Ach und Weh im Kreißsaal

Gronau/Kreis Borken -

Milena Naundorf ist Hebamme mit Leib und Seele. Die 24-jährige Gronauerin ist Sprecherin der 78 Hebammen im Kreis Borken – von noch 78 Hebammen, muss man sagen. Denn: Immer mehr geben auf. Der Region droht, was andernorts schon lange um sich greift: eine akute Unterversorgung mit Hebammen für die Geburtshilfe.

Freitag, 21.09.2018, 09:00 Uhr aktualisiert: 21.09.2018, 10:39 Uhr
Milena Naundorf hat ihre feste Stelle als Klinikhebamme gekündigt, weil die Arbeitsbedingungen immer härter werden. Als freie Hebamme müsste sie horrende Versicherungen bezahlen, um weiter Geburten zu begleiten. Sie konzentriert sich darum auf Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung.
Milena Naundorf hat ihre feste Stelle als Klinikhebamme gekündigt, weil die Arbeitsbedingungen immer härter werden. Als freie Hebamme müsste sie horrende Versicherungen bezahlen, um weiter Geburten zu begleiten. Sie konzentriert sich darum auf Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung. Foto: Christiane Nitsche

Auch Milena Naundorf hat ihre Festanstellung im Gronauer St.-Antonius-Krankenhaus gekündigt. Die Belastung im Kreißsaal werde immer härter, die Bezahlung kaum besser. Bislang waren Hebammengehälter in Kliniken denen der Krankenschwestern gleichgesetzt. „Seit letztem Jahr werden wir eine Tarifklasse höher bezahlt, das sind etwa 100 Euro mehr.“ Gemessen an der Verantwortung, die Hebammen im Kreißsaal übernehmen, zu wenig, wie sie findet.

Bis zu sechs gebärende Frauen gleichzeitig

Vorbei die Zeit, als die Hebamme, die dem Kind ans Licht der Welt geholfen hat, automatisch auch die Wöchnerinnenbetreuung übernahm. „Es gibt inzwischen schon Zeitarbeitsfirmen für Hebammen.“ Und die Belastung nimmt stetig zu. „Fast die Hälfte der im Kreißsaal tätigen Hebammen betreut häufig drei Frauen parallel“, heißt es auf der Internetseite des Deutschen Hebammenverbands. „Von mir gibt es viele“, weiß auch die Gronauerin. Sie kann von Nächten berichten, in denen bis zu sechs Frauen gleichzeitig betreut werden mussten. Das ist nicht nur extrem belastend, sondern womöglich auch riskant. „Unter anderem deswegen höre ich auf.“

Arbeit muss sich lohnen

Als freie Hebamme ist die Arbeit bei der Geburtsbegleitung indes kaum wirtschaftlich, weil dann die gesetzliche Versicherungspflicht zu horrenden Kosten führt. „Die komplette Freiberuflichkeit lohnt sich nur, wenn man wie ich nur Vorsorge und Wochenbettbetreuung macht.“ Sie zahle knapp 500 Euro im Jahr. „Wenn ich Geburten betreue, sind es über 8000 Euro.“

Bereits Anfragen für April 2019

Die Folgen liegen auf der Hand: „Bei mir melden sich schon Frauen, die in der fünften Schwangerschaftswoche sind. Ich habe jetzt schon Anfragen für April.“ Hausgeburten seien im ganzen Kreis schon nicht mehr möglich. Kolleginnen, die dazu die Betreuung anbieten, gebe es „nur in Isselburg und in Altenberge“. Sprich: Anfahrtszeiten von einer Stunde und entsprechende Kosten, die nicht von der Krankenkasse übernommen werden. Auch die Rufbereitschaftspauschalen, die von den Kassen für vollzeitberufliche Beleghebammen gezahlt werden, reichen oft nicht. Fazit: „Sozial schwache Frauen können sich das nicht leisten. Wir gehen da schon in eine Zweiklassengesellschaft.“

Kliniken schließen ihre Geburtsstationen

Beleghebammen haben einen Vertrag mit einer Klinik, wo sie dann den Kreißsaal nutzen können, wenn ihre Klientel entbindet. Aber auch das hat seine Tücken: „Im Belegsystem dürfen die Frauen nur noch zwei Frauen gleichzeitig betreuen.“ Und da die Wochenbettbetreuung inzwischen bis zu zwölf Wochen dauern kann, werden Kapazitäten blockiert. Ein Rechenexempel, das für die Häuser wie für die Hebammen oft nicht mehr aufgeht. Am Antonius-Hospital sind es etwa rund 700 Geburten pro Jahr. Ein „Nullgeschäft“, schätzt Naundorf. „Alle anderen darunter machen Minus.“

Immer längere Wege

Mit einem weiteren Negativeffekt: Immer mehr Kliniken schließen ihre Geburtsstation. Steinfurt etwa habe geschlossen. Aber auch in Großstädten wie Köln findet eine Konzentration statt. Parallel dazu geben immer mehr Kolleginnen auf: „Hier im Kreis haben wir so gut wie keine Beleghebammen mehr.“ Für die Schwangeren bedeutet das: immer längere Wege. „Teilweise müssen die Frauen 45 Kilometer fahren.“

Sie glaubt, dass die Politik gezielt auf Geburtenzentren hinarbeite. „Aber eigentlich wäre es an den Krankenkassen, an der Gebührenordnung etwas zu machen.“

Skurrile Auswüchse im Netz

Die Hebammen-Not bringt skurrile Auswüchse hervor: Im Netz können Eltern in spe per „Zeug-o-mat“ den günstigsten Geburtstermin errechnen, um auch sicher eine freie Hebamme zu finden. Und auf der vom Hebammenverband im Netz veröffentlichten „Landkarte der Unterversorgung“ lässt sich nachvollziehen, wo die Not am größten ist. Demnach ist sie im Kreis Borken noch nicht extrem – noch nicht. Unter anderem, weil es Frauen wie Milena Naundorf gibt. „Ich wollte diesen Beruf immer machen“, sagt sie. „Das ist schon Herzenssache, trotz dieser Bedingungen.“ Dann überlegt sie: „Wenn es uns gar nicht gäbe, würde alles in Ärztehand gehen. Aber ob das so viel besser wäre – ich weiß es nicht.“

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