Jürgen Wiebickes Thesen zur Lage der Nation
„Raus aus dem Opferdasein“

Westerkappeln -

Deutschland ist nervös. Zu dieser Diagnose ist der WDR-Moderator und Autor Jürgen Wiebicke im Jahr 2015 gekommen. Damals wanderte er durch Deutschland, redete mit Menschen und schrieb seine Eindrücke in einem Buch nieder. Auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde Westerkappeln und der Evangelischen Erwachsenenbildung im Kirchenkreis Tecklenburg trug Wiebicke im Dietrich-Bonhoeffer-Haus jetzt seine Beobachtungen und Thesen zur Lage der Nation vor.

Montag, 08.10.2018, 17:00 Uhr
Veröffentlicht: Montag, 08.10.2018, 17:00 Uhr
Quer durch alle Gesellschaftsschichten fühlten sich Deutsche als Opfer, sagt Autor Jürgen Wiebicke. Bei einer Veranstaltung in Thüringen habe er „viel Sehnsucht nach autoritärer Erlösung gespürt. Dass es jemanden gibt, der die Führung übernimmt.“ Das Symbolfoto wurde bei einer Pegida-Demonstration in Dresden aufgenommen.
Quer durch alle Gesellschaftsschichten fühlten sich Deutsche als Opfer, sagt Autor Jürgen Wiebicke. Bei einer Veranstaltung in Thüringen habe er „viel Sehnsucht nach autoritärer Erlösung gespürt. Dass es jemanden gibt, der die Führung übernimmt.“ Das Symbolfoto wurde bei einer Pegida-Demonstration in Dresden aufgenommen. Foto: dpa/Oliver Killig

Ein Phänomen ziehe sich durch alle Gesellschaftsschichten, vom Flaschensammler bis zum gut bezahlten Manager, stellt der Autor fest: Überall fühle man sich als Opfer der Umstände. Es fehlten dagegen positive Zukunftserwartungen und Gestaltungswille: „Die Idee eines Fortschritts, die es sehr lange gab, ist nach meiner Beobachtung futsch.“

Die Globalisierung trägt seiner Meinung nach einen wichtigen Teil dazu bei; Während die Welt sich immer weiter verbindet und scheinbar verkleinert, werden die globalen Zusammenhänge so komplex, dass sie das Individuum überfordern müssen. Brenne irgendwo in Asien eine Textilfabrik, müsse sich der Einzelne fragen, ob sein Hemd vielleicht von dorther komme. Angesichts dieser gewaltigen Vernetzung fühlten sich die Menschen machtlos. „Nicht nur die Welt wird kleiner, auch jeder Einzelne schrumpft. Es gibt eine Art Selbstverzwergung“, beschreibt Wiebicke das Phänomen.

Dieser Zeitgeist trägt gefährliche Früchte, davon ist der Autor überzeugt – nicht weniger als unsere Demokratie sieht er in Gefahr. Seinem Westerkappelner Publikum erzählt er von einem Diskussionsabend, den er erst kürzlich in einem Thüringer Wanderheim verbracht hat. Was er dort erlebte, habe ihn erschrocken: „Da war so viel Sehnsucht nach autoritärer Erlösung. Dass es jemanden gibt, der die Führung übernimmt.“ Gleichzeitig, so Wiebicke, gebe es jedoch auch Grund zur Hoffnung. Zunächst habe er nicht den Eindruck, dass die AfD tatsächlich Begeisterung hervorrufen könne, vielmehr sei diese Partei ein Ventil des Frusts. Außerdem habe er erfahren, dass die Bereitschaft zum Dialog vorhanden sei: „Die Menschen wollen reden.“

Mit Menschen ins Gespräch zu kommen, diese Fähigkeit hat der Radiomoderator zweifellos. Wöchentlich moderiert er die interaktive Philosophie-Sendung „Das Philosophische Radio“ auf WDR 5. Auch in Westerkappeln haben die Zuhörer keine Scheu, sich an der Diskussion zu beteiligen und dem Referenten teilweise zu widersprechen.

Eine These Wiebickes lautet beispielsweise, dass ehrenamtliches Engagement ein Mittel gegen die gefühlte Ohnmacht sein könne und außerdem zu gesellschaftlichem Zusammenhalt beitrage. Eine Zuhörerin hält provokant dagegen: „Es müsste viel weniger Ehrenamt geben.“ Sie habe zwar Hochachtung vor Ehrenamtlern, jedoch könne es nicht sein, dass Ehrenamtliche Aufgaben übernehmen, die eigentlich staatlich zu organisieren seien.

„Ehrenamtliche sollen keine Lückenbüßer sein“, stimmt Wiebicke zu. Ihm gehe es jedoch um gesellschaftliches Engagement und den Einsatz fürs öffentliche Leben im Allgemeinen. Um diesen Punkt zu illustrieren, liest er aus einem Kapitel seines Buches „Zu Fuß durch ein nervöses Land“. Darin schildert er den Besuch eines Schützenfestes wie eine ethnologische Feldstudie – durchaus mit spöttischem Unterton, aber trotzdem großem Respekt, wie er betont. Denn Institutionen wie Schützenvereine füllten eine wichtige Funktion aus: Sie stiften Gemeinschaft und Zusammenhalt. Dies sei ein wichtiger Grundstein der Demokratie und einer, den die Demokratie nicht selbst bereithalte. Ein Paradox: Die freiheitliche Demokratie gebe den Menschen die Freiheit, sich nicht um Politik und Gemeinschaft zu scheren. Gleichzeitig brauche sie Menschen, die es trotzdem tun.

Nun haben bekanntermaßen traditionelle Gemeinschaftsstifter wie Schützenvereine akute Nachwuchsprobleme, und Wiebicke trauert ihnen nicht nach. Er fordere nicht den Erhalt der Schützenvereine, es brauche vielmehr neue solidarische Strukturen, sagte er. Dass ein Potenzial dafür vorhanden sei, habe er an vielen Orten beobachtet, insbesondere mit der Flüchtlingsbewegung sei das deutlich geworden.

Menschen moralisch zum Engagement verpflichten, davon hält Wiebicke nichts. Er glaubt vielmehr, dass es ein grundlegendes menschliches Bedürfnis gibt, zu helfen und gebraucht zu werden: „Die wirklich coolen Sachen machen wir aus freien Stücken.“ Ein solches Engagement verlange jedoch nach gesellschaftlicher Achtung und Anerkennung. Sein Appell: Raus aus dem Opferdasein rein in die Rolle des aktiven Gestalters.

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