Operation hilft bei Fettsucht
Nadine Hüwe hat 64 Kilo abgenommen

Münster/Steinfurt -

Nadine Hüwe hat alles ausprobiert: Weight Watchers, Trennkost, Intervallfasten, Brigitte-Diät. „Ich kenne sie alle“, sagt sie. Trotzdem hat die 43-Jährige irgendwann 137 Kilogramm gewogen. Da hat sie entschieden, sich operieren zu lassen. Mit Erfolg.

Dienstag, 16.10.2018, 08:19 Uhr
Veröffentlicht: Dienstag, 16.10.2018, 07:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Dienstag, 16.10.2018, 08:19 Uhr
Nadine Hüwe hat das Heft wieder in der Hand: Von ihrem Übergewicht vor der OP (links) ist heute nichts mehr zu sehen.
Nadine Hüwe hat das Heft wieder in der Hand: Von ihrem Übergewicht vor der OP (links) ist heute nichts mehr zu sehen. Foto: privat, Gunnar A. Pier

„Wenn ich mit meinen Kindern zum Indoorspielplatz gefahren bin, wollte ich mit ihnen auf dem Trampolin springen können.“ Mit über 130 Kilo hat sie sich das nicht getraut.

Übergewichtige, die sich operieren lassen, müssen sich vorwerfen lassen, „den einfachen Weg“ gewählt zu haben. Als ob nach der Narkose alle Probleme gelöst wären. Nadine Hüwe weiß es besser: Auch nach einer OP ist das Leben mit Adipositas (Fettleibigkeit) schwer. „An den ersten Tagen nach der OP saß ich am Tisch und habe geweint“, erzählt sie. All die neuen Regeln, all der Verzicht, die Frage, wie sie ihr Essen mit dem ihres Mannes und ihrer Kinder unter einen Hut bringen soll, ließ sie zweifeln, ob sie durchhält.

Fünf bis sechs Mahlzeiten am Tag, eine halbe Stunde davor und danach ein Glas Wasser, morgens einen Kaffee, um all das nötige Eiweiß herunterspülen zu können, später eine Handvoll Nüsse oder ein Stück Apfel, der Verzicht auf Cola Light: „Es geht darum, gute Sachen zu essen“, erklärt sie. Und darum, den Alltag neu zu sortieren.

Oft die einzig sinnvolle Therapie

Die Operation ist der Fachzeitschrift „Der Chirurg“ zufolge für viele Betroffene nach „langjährigen und erfolglosen Lebensstil-Interventionen (…) die einzig sinnvolle Therapieoption.“ Oder wie Professor Rüdiger Horstmann vom Adipositas-Centrum im Herz-Jesu-Krankenhaus in Münster-Hiltrup sagt: „Wer einmal so viel wiegt, der schafft es ohne OP sowieso nicht mehr, von den Kilos runterzukommen“. Die Klinik ist das einzige Kompetenzzentrum für Adipositas-Chirurgie im Münsterland. Dort werden im Jahr rund 100 Patienten operiert. Die nächsten Zentren liegen in Hamm, Dortmund und Herne.

Zu viel Zucker in Fertiggerichten

Horstmann wirbt für Milde: „Die Nahrungsmittelindustrie hat es auf uns abgesehen und wir merken es nicht“, sagt er. Alle Fertiggerichte enthielten Zucker. „Das ist wie ein Sturm, der auf uns niedergeht. Manche kommen damit klar, andere nicht. Ein paar bleiben auf der Strecke.“

Seit der OP im August 2017 hat Nadine Hüwe das Heft wieder in der Hand. Tag für Tag lässt sie all die Verführungen im Supermarkt links und rechts liegen. Nach der OP kann sie ohnehin nur noch Mengen essen, die in eine Hand passen. Horstmann sagt: „Eine OP alleine macht nicht dünn.“ Und: „Wir operieren niemanden, der einfach so kommt und sagt: ,Macht mir mal einen Bypass.‘“ Deswegen ist das Essen für die Steinfurterin ein ständiges Thema.

Ernährungsberatung

Im Januar 2016 ging sie zum ersten Mal zu einer Ernährungsmedizinerin, die sie schon von ihrer Schwägerin kannte. Die riet ihr zur „multimodalen Therapie“ der Deutschen Adipositas Gesellschaft, zu der eine Ernährungsberatung, Fitnessprogramme und psychologische Unterstützung gehören. Die Patienten protokollieren, was sie essen, bekommen Tipps, wie sie sich mehr bewegen. So sollen sie lernen, ihre Ernährung umzustellen. „Wenn die das damit schaffen, müssen wir nicht operieren“, sagt Horstmann.

Das hat bei Nadine Hüwe nicht geklappt. Darum hat sie sich für die OP entschieden. Ihr Ziel war es, wieder 80 Kilo zu wiegen. Inzwischen sind es 73. Nicht der Hunger sei das Problem, sondern die Gewohnheiten. „Früher habe ich wahllos gegessen, heute esse ich strukturiert“, sagt sie.

Magen-Bypass

Nadine Hüwe hat einen Magen-Bypass. Dabei wird der Magen wenige Zentimeter unter der Speiseröhre durchtrennt und direkt mit dem Dünndarm verbunden. Dadurch können Patienten nur noch wenig Nahrung aufnehmen und auch davon nur noch einen Teil verarbeiten. Kohlenhydrate und Fette nimmt der Körper nicht mehr in gewohnter Form auf, weil eineinhalb Meter weniger Dünndarm im Einsatz sind.

„Ohne die OP wäre ich nicht da, wo ich heute bin“, sagt Na­dine Hüwe. Der Bypass ist im Vergleich zur Magenverkleinerung zwar aufwendiger zu operieren, zeigt aber bessere Langzeitergebnisse und hilft besonders Diabetikern. Abgesehen davon haben Patienten weniger Sodbrennen.

Bei beiden Verfahren sinken in der Regel der Blutdruck, das Herzinfarkt- sowie Schlaganfall-Risiko. Gleichzeitig normalisiert sich der Zuckerstoffwechsel.  (werd)

www.adipositascentrum.de

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