Abbruch trotz vorläufigem Eintrag in die Denkmalliste
Fakten schaffen mit dem Bagger

Epe -

Glas klirrt, Holz splittert. Der Greifer des Baggers zeigt sich davon ungerührt. Fensterrahmen, Scheiben und anderer Bauschutt landen auf dem Anhänger einen Treckers. Und mit ihm ein Stück Eper Geschichte.

Sonntag, 11.11.2018, 17:07 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 10.11.2018, 13:04 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Sonntag, 11.11.2018, 17:07 Uhr
Abbruch trotz vorläufigem Eintrag in die Denkmalliste: Fakten schaffen mit dem Bagger
Vom Gebäude Oststraße 21 ist nach der Aktion von Samstagvormittag nicht viel übrig geblieben. Foto: Klaus Wiedau

An der Oststraße wird am Samstagmorgen das Haus Nummer 21 abgebrochen. Ein Abbruch, den es so eigentlich nicht geben dürfte, denn: Das Gebäude steht – vorläufig jedenfalls – in der Denkmalliste der Stadt. Aber: Es gibt auch eine Abbruchgenehmigung.

Um kurz vor zehn Uhr am Samstag sind die Arbeiten im vollen Gange, von Haus Nummer 21 ist zu dieser Zeit schon nicht mehr viel übrig. Ein paar Mauern im hinteren Teil stehen noch, Fliesen an einem Mauerstück sind zu erkennen, das Muster von Tapetenresten. Kniehoch steht vorn an der Straße noch die Außenmauer, einzelne Holzreste des Daches recken sich in den Himmel. So, als wollten sie sich noch wehren. Aber ihr Widerstand gegen den gelben Bagger ist zwecklos.

Holger Perrevort und Sebastian Bröker, die Eigentümer des Gebäudes, reden nicht lange drumherum, was da geschieht: „Wir haben eine Abbruchgenehmigung. Und wir haben uns mit unserem Anwalt beraten. Das Ergebnis lautete: Abbrechen.“

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Der ursprüngliche Anblick des Gebäudes. Foto: Klaus Wiedau

Um 7.30 Uhr sind Bagger und Arbeiter angerückt, Perrevort und Bröker packen selbst mit an. Von offizieller Seite ist bis um 10 Uhr niemand zu sehen. „Sie sind der erste Offizielle“, sagt Perrevort dem WN-Berichterstatter. Doch das soll nicht lange so bleiben. Um kurz nach zehn kommt ein Mitarbeiter der Bauaufsicht – eine gelbe Mappe unter dem Arm. Er spricht mit Perrevort, scheint wenig amused zu sein. Die Abbruch-Baustelle wird in diesem Moment stillgelegt, wie Bürgermeisterin Sonja Jürgens den WN gegenüber später bestätigt.

Vorsitzender des Heimatvereins ist „geschockt“

Ein anderer ist zu diesem Zeitpunkt „richtig geschockt“ von dem, was da vorgeht: Wilhelm Kemper, Vorsitzender des Eper Heimatvereins. Der Heimatverein war es, der den Antrag gestellt hat, die Denkmaleigenschaft dieses Hauses – und der beiden benachbarten Gebäude Oststraße 23 und 25 – zu überprüfen. Und das zu einem Zeitpunkt, als die Eigentümer der Immobilien längst andere Pläne hatten: Haus Nummer 21 soll der Zufahrt zum neuen Rossmann-Markt, der an der Ecke Oststraße/Antonius­straße im Bau ist, weichen. Die Abbruchgenehmigung dafür haben Perrevort und Bröker. Dann kommt es anders: Nach dem Antrag des Heimatvereins trägt die Stadt die Gebäude vorläufig in die Denkmalliste ein.

Mit dem Abbruch werden am Samstag Fakten geschaffen: „Das scheint eine Nacht-und-Nebel-Aktion zu sein“, vermutet Heimatvereinsvorsitzender Kemper im Gespräch mit den WN. Dass das Gebäude Oststraße 21 jetzt „hinterm Rücken“ abgebrochen werde, nennt er „ein merkwürdiges Vorgehen“. Welche Konsequenzen das hat? Kemper hat darauf noch keine Antwort. Die haben auch Perrevort und Bröker nicht. Aber Bröker wird wohl recht behalten, wenn er sagt: „Die nächsten Wochen werden spannend...“

Holzbalken stammten aus dem Jahr 1490

Davon geht auch Bürgermeisterin Sonja Jürgens aus, die sich am Samstagmorgen ebenfalls mit der Aktion befassen muss. „Fakt ist, dass ein Gebäude, das in der Denkmalliste steht, einfach abgerissen wurde.“ Diese veränderte Situation gelte es jetzt neu zu bewerten. Jürgens bestätigt gegenüber den WN, dass die Stellungnahme der Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) zum Gebäude Oststraße 21 inzwischen bei der Stadt vorliegt. Danach gibt es im Gebäude jahrhundertealte historische Holzkonstruktionen. „Die Bäume, die dafür gefällt wurden, stammen nach Angaben der Denkmalpfleger aus dem Jahr 1490“, so die Bürgermeisterin.

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Die Abrissbagger in Aktion. Foto: Klaus Wiedau

Auf der Grundlage der LWL-Stellungnahme sei auch mit den Eigentümern ein erstes Gespräch geführt worden, um das weitere Vorgehen zu sondieren. Dabei wäre die ganze Brandbreite der Möglichkeiten – von einem Erhalt bis zu Abbruch mit vorheriger Dokumentation – zu diskutieren gewesen. „Dieser Entscheidung ist man durch den jetzt vollzogenen Abbruch zuvorgekommen“, so Jürgens. Die Stadt habe Perrevort zudem für den Fall, dass das Gebäude zu erhalten sei, Hilfe bei der Lösung seiner dadurch entstehenden verkehrlichen Probleme am Rossmann-Markt angeboten.

Inzwischen hat der Bagger Fakten geschaffen, juristisch hat sich der Fall damit vermutlich aber noch lange nicht erledigt. Zu klären sein wird dabei vornehmlich die Frage, was im Verfahren schwerer wiegt: eine vorläufige Eintragung in die Denkmalliste oder eine bestehende Abbruchgenehmigung. Denn, auch das bestätigt Jürgens am Samstag gegenüber den WN: Die Abbruchgenehmigung ist nach dem (vorläufigen) Eintrag in die Denkmalliste von der Stadt nicht zurückgenommen worden...

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