Hilfe-Netzwerk im Münsterland
Ein Herz für kleine und kranke Igel

Davensberg -

Fast 500 Tiere hat die Igelhilfe Münsterland in diesem Jahr schon entgegen genommen. Engagiert in dem Netzwerk ist auch die Davensbergerin Karoline Stermann.

Samstag, 17.11.2018, 13:09 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 17.11.2018, 11:00 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 17.11.2018, 13:09 Uhr
Hilfe-Netzwerk im Münsterland: Ein Herz für kleine und kranke Igel
Im Sommer waren auch junge Igel aufzupäppeln, weil die Mütter sie mangels Nahrung zurückgelassen hatten. Foto: Sabrina Leyer

Was mache ich mit einem verletzten Igel, der nur 230 Gramm wiegt?“ Der Hilferuf von Tierfreundin Dorle Hillmann landet über Facebook dort, wo sich die Anfragen häufen: bei Karoline Stermann. Die Davensbergerin gehört zum Netzwerk Igelhilfe Münsterland. Sie ist mit einem doppelten Anliegen unterwegs. Als Nothelferin für kranke und verletzte Igel, aber auch als Werberin für ein Umfeld, das ein ungestörtes Igelleben in Freiheit ermöglicht. Wenn es nachts in ihrem Garten raschelt, ist das nicht selten einer der kleinen stacheligen Gesellen, der sich hier unter Sträuchern, Ästen, Zweigen und Laub wohl fühlt.

„Ich bin klassisch zur Igelhilfe gekommen. Vor über zehn Jahren hatten wir einen Igel im Garten, dem geholfen werden musste. Er war zu spät geboren und zu klein“, berichtet die Davensbergerin. Sie und die Familie haben sich, unterstützt von einem Tierarzt, das nötige Wissen beigebracht, um den kleinen Igel über den Winter zu bringen. Aus dieser kleinen privaten Episode ist inzwischen ein münsterlandweites Netzwerk geworden, zu dem auch Tierärztin Dana Ströse aus Warendorf gehört. In diesem Jahr wird das Netz stark beansprucht. „Wir haben Igel im dreistelligen Bereich aufgenommen und steuern auf die 500 zu“, erklärt Stermann.

Viele Tiere seien verletzt. Die Davensbergerin empört sich: „Es sind so viele Rasenroboter und Rasentrimmer unterwegs, die schreddern alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.“ Besonders dramatisch sei es, wenn die Geräte nachts im Einsatz seien, denn Igel sind schließlich nachtaktiv. Schlimm seien auch Laubsauger. Gerate dort ein Igel hinein, sei ihm in der Regel nicht mehr zu helfen. Genauso gehe es vergifteten Tieren, die Gaben für Mäuse oder Ratten gefressen haben. Lebendfallen für Mäuse sollten im Garten mit Vorsicht aufgestellt werden, denn auch sie könnten Igel verletzen.

Immer schwerer wird es für die Igel Futter und Lebensräume zu finden. Die Sommerdürre war kein Freund von Mecki und Co.. Stermann berichtet, dass Mütter ihren Nachwuchs zurückgelassen hätten, weil sie sich und ihn nicht ernähren konnten. Da wäre eine Schale mit Wasser und Futter hilfreich gewesen.

Da vor den Toren des Dorfes keine vernetzten Möglichkeiten fürs Igelleben zu finden sind, ziehen sie sich in Gärten zurück. Das ist an vielen Stellen erfolglos: „Sie können nicht auf Steinen leben“, wirbt Stermann für Ecken in Gärten, in denen Äste und Zweige liegen bleiben und mit Laub bedeckt werden: „Wenigstens das“, bittet sie nicht nur für die Igel.

Igel-Liebe: Fakten über das possierliche Stacheltier

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  • Im Herbst sind sie häufiger zu sehen als in anderen Jahreszeiten – Igel. Nur kranke und apathische Igel sind auf menschliche Hilfe angewiesen. Aber auch die gesunden kann beim Überwintern unterstützen.

    Foto: colourbox
  • Bevor die Temperaturen dauerhaft unter fünf Grad fallen, sind die eigentlich nachtaktiven Tiere auch tagsüber in Parks und Gärten unterwegs. Sie müssen sich die nötigen Fettreserven als Kälteschutz und Nahrungsvorrat für den Winterschlaf anfressen.

    Foto: Z1022 Patrick Pleul
  • Neben Insekten, Asseln, Würmern und Schnecken suchen sie auch nach einem trockenen und frostsicheren Quartier. Häufig schlafen sie in Laubhaufen. Diese sollte man deswegen im Winter nicht wegräumen.

    Foto: Patrick Pleul
  • Dichtes Gebüsch, Reisig- und Komposthaufen oder trockene Hohlräume unter Holzstapeln in Gartenhäuschen oder unter Treppen eignen sich ebenso als Schlafplatz. Auch Blätter, Gestrüpp, Reisig und Zweige dürfen in einer Gartenecke liegen bleiben. Diese Materialien nutzen Igel, um ihre Nester zu isolieren und sich während des Winterschlafs darin einzuwickeln. Je größer der Haufen, desto besser die Wärmedämmung.

    Foto: A3542 Karl-Josef Hildenbrand
  • Wenn im Herbst das Nahrungsangebot für Igel knapper wird, kann auch eine Futterstelle helfen. Dafür eignet sich Katzen- oder Hundedosenfutter, ungewürztes Rührei, gekochtes Geflügelfleisch oder durchgegartes Hackfleisch.

    Foto: Wolfgang Kumm
  • Auf den Speiseplan der Stacheltiere gehören auf keinen Fall Essensreste, Süßes oder Gewürztes. Igeltrockenfutter darf nur in geringen Mengen unter das weitere Futter gemischt werden.

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  • Zu Trinken bekommen Igel frisches Wasser, aber keine Milch. Der darin enthaltene Milchzucker ist für sie unverdaulich und sie bekommen Durchfall. Schlimmstenfalls verlieren sie dadurch so viel Flüssigkeit, dass sie austrocknen und sterben.

    Foto: mst
  • Sobald es friert und schneit, darf nicht mehr zugefüttert werden. Nahrungsmangel ist ein wichtiger Auslöser für den Winterschlaf. Füttert man die Igel weiter, hält man sie künstlich wach.

    Foto: nn
  • Bei Temperaturen ab ungefähr sechs Grad Celsius beginnen Igel ihren Winterschlaf. Sie drosseln dabei ihre Körperfunktionen auf ein Minimum und zehren von den in den Sommermonaten angesammelten Fettpolstern. Während des Winterschlafes sinkt die Körpertemeratur des Igels von cirka 35 Grad auf Tieftswerte von cirka 5 Grad. Die Herzfrequenz sinkt von cirka 160-200 Schlägen pro Minute auf cirka neun Schläge pro Minute.

    Foto: Klaus-Dietmar Gabbert
  • Nur in Ausnahmefällen sollten Igel im Haus überwintern. Tiere, die bei anhaltendem Bodenfrost oder Schnee tagsüber unterwegs sind und Anzeichen von Unterernährung aufweisen, krank oder verletzt sind, bedürfen Hilfe.

    Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
  • Untergewichtige Tiere erkennt man an einer Einbuchtung hinter dem Kopf, der sogenannten Hungerlinie. Kranke Igel sind apathisch und rollen sich bei Berührung nicht zusammen, ihre Augen sind eingefallen und schlitzförmig.

    Foto: Grundel
  • Wer einen hilfsbedürftigen Igel findet, sollte unbedingt Expertenrat einholen, denn falsche Hilfe kann mehr schaden als nutzen. Fachkundige Tipps und die Nummer einer Beratungs-Hotline gibt es auf der Webseite des Vereins „Pro Igel“.

    Foto: dpa, Colourbox, verschiedene
  • Oft kennen auch Tierärzte, der örtliche Tierschutzverein oder das Veterinäramt Igelstationen im näheren Umkreis. Während untergewichtigen Igeln mit Unterkunft und Nahrung geholfen werden kann, benötigen kranke und verletzte Tiere dringend fachmännische Hilfe.

    Foto: Z1022 Patrick Pleul
  • Kommen die erwachsenen Tiere gut durch den Winter, gibt es im Sommer süßen kleinen Igelnachwuchs.

    Foto: A9999 Florian Brandes

Rund um das Haus der Davensbergerin finden auch andere Tiere eine Möglichkeit zum Leben. Immer wieder sind hier Schulklassen zu Gast, deren Kinder erleben, wie spannend die Natur sein kein - auf jeden Fall im Vergleich zu sauber gefegten Waschbetonplatten oder zu Steingärten unter denen Folie verlegt ist. Stermann weiß, dass sie für den Artenschutz dickste Bretter bohren muss. Aber aufgeben? Kommt für sie nicht in Frage.

Was tun?

► Sind Igel jetzt tagsüber unterwegs, rollen sie sich nicht ein oder laufen sie nicht mehr weg, sollten sie in eine Kiste eingefangen und zur Pflegestelle gebracht werden.

► Unterernährt sind Igel, die aktuell weniger als 500 bis 600 Gramm wiegen, der Flanken eingefallen sind und die einen Hungerknick im Nacken haben. Auch sie werden zu Päpplern gebracht.

► Was mögen Igel? Gutes Katzennassfutter, kein Getreide, kein Zucker, mindestens 60 bis 70 Prozent Fleischanteil, kein Gelee, Sauce, Aspik, keine Kartoffeln, Obst, Gemüse. Kuhmilch ist tabu, weil Igel daran sterben. Sie vertragen auch keine Nüsse und Rosinen. Dafür mögen sie schön schlabberiges Rührei, gebratenes Rinderhack, Hühnerschenkel ohne Knochen - alles ohne Gewürze. 

► Kranke, verletzte, abgemagerte Tiere sollten zu einem igelkundigen Tierarzt gebracht werden.

► Haben Igel klare Augen, eine feuchte Nase, rollt er sich ein, ist gut genährt, groß und kräftig und während der Dämmerung und in der Nacht aktiv, ist alles gut.

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Deswegen nimmt sie sich auch hilfsbedürftiger Igel an. „Für den Übergang, bis die Menschen eingesehen haben, dass wir alle vor unseren Haustüren etwas für den Artenschutz tun müssen.“ Stermann weiß, dass die Igelhilfe Münsterland dafür wachsen muss. Weil sie selbst gesundheitlich gehandicapt ist, ist sie froh, mit der Familie Brandt in Davensberg „Igel-Päppler“ gefunden zu haben. Doch Mitmacher kann es bei fast 500 aufgenommenen Igeln gar nicht genug geben. Also wünscht sie sich: Nicht nur um Hilfe bitten, sondern Hilfe anbieten.

Der kleine Igel, den Dorle Hillmann gefunden hat, heißt inzwischen Max und hat seine Verletzung überwunden. Stermann ist zuversichtlich, dass er so weit aufgepäppelt werden kann, dass ihm ein bisschen Winterschlaf vergönnt ist.

Wer die Igelhilfe unterstützen möchte, spendet mit dem Verwendungszweck „Igelhilfe Münsterland“ an den Verein „Fittiche e.V.“, Sparkasse Münsterland Ost, IBAN: DE 91 4005 0150 0034 4341 00.

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