Ackerbürgerhaus, Gronauer Schloss – und jetzt Oststraße 21
Die Opfer unserer Gleichgültigkeit

Ein Bild geht mir seit der Lektüre des Leserbriefes von Peter Benger nicht mehr aus dem Kopf: Mittelalter. 1490. In den Wäldern rund um Epe fällen Männer mit Äxten im Schweiße ihres Angesichts einen Baum. Vielleicht jene Eiche, die bis vor wenigen Tagen Teil des Dachstuhls des Hauses Oststraße 21 in Epe war. Im Laufe der Jahrhunderte haben unter diesem Dach Generationen von Menschen gelebt, ihre Feuerstelle hat das Holz schwarz werden lassen vor Ruß. Diese Eichenbalken haben Freude, Not und Elend erlebt, den 30-jährigen Krieg, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Nur den vergangenen Samstag nicht.

Samstag, 17.11.2018, 09:00 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 17.11.2018, 09:00 Uhr
Epe im Spätmittelalter: Der Neubau, der hier entsteht, wird mehr als 500 Jahre überdauern – einen Samstagmorgen anno 2018 aber nicht . . .
Epe im Spätmittelalter: Der Neubau, der hier entsteht, wird mehr als 500 Jahre überdauern – einen Samstagmorgen anno 2018 aber nicht . . . Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

Die Frage, wie der Abbruch dieses Hauses rechtlich zu werten ist, kann und will ich hier nicht beantworten. Die bisher bekannten Fakten ergeben eine komplexe Gemengelage: Baugenehmigung, Abbruchgenehmigung, Eintrag in die Denkmalliste (1992), Austrag aus der Denkmalliste (1993), vorläufiger Eintrag in die Liste nach (später) Intervention des Eper Heimatvereins. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass die Causa Oststraße 21 jetzt von klugen und teuren Juristen aus unterschiedlichen Blickwinkeln analysiert und anhand von Bestimmungen, Paragrafen und Gerichtsentscheidungen seziert werden wird.

Längst hat, das wurde am Mittwoch im Rat deutlich, auch die Suche nach Schuldigen begonnen. Wer hat da was getan, nichts getan oder etwas falsch gemacht? Als Prügelknaben sind schnell die Eigentümer ausgemacht, von „Wild-West-Methoden“ ist die Rede, die nach Strafen schreien. Von gutem Gewissen zeugt es sicher nicht, samstags um 7.30 Uhr die Bagger anrollen zu lassen. Und die Arbeiten trotz Stilllegung durch die Bauaufsicht erst nach Einschaltung von Polizei und Ordnungsamt einzustellen, ist dreist. Von möglichen Gefahren (nicht abgestellte Gas-/Stromleitungen) und dem beiseitegeschafften Baumaterial mal ganz zu schweigen. In der Schusslinie steht zudem die Verwaltung, die die Abbruchgenehmigung nicht explizit widerrufen hat. Auch im Visier: der Zick-Zack-Kurs der Denkmalpflege. An Gegenargumenten der vermeintlichen „Sündenböcke“ wird es nicht fehlen. Was dabei am Ende herauskommt, wird sich zeigen. Fest steht heute aber schon: Mit dem Abbruch von Oststraße 21 ist ein bedeutendes Stück Eper Geschichte jetzt Geschichte.

In der Öffentlichkeit sind Reaktionen darauf unterschiedlich: Da gibt es den Aufschrei der Geschichtsbewussten. Da gibt es – in sozialen Netzwerken und im richtigen Leben – aber auch andere Stimmen. Ihr Statement: Gut, dass die alte Bude weg ist. Manche zeigen am Samstag im Vorbeifahren am Abbruchbagger aus dem Auto mit „Daumenhoch“, dass sie den Abbruch gutheißen.

Genau an diesem Spagat der Meinungen sollte meines Erachtens angesetzt werden, um zu vermeiden, dass sich künftig der Verlust wertvoller Bausubstanz weiter fortsetzt. Ohnehin ist hier schon zu viel geschichtliches Porzellan zerschlagen worden: Die Liste reicht vom Ackerbürgerhaus in Epe über das Gronauer Bahnhofsgebäude und stadtbildprägende Bauten der Textilindustrie bis hin zum alten Schloss. Gründe für den Abbruch gab es immer: marode Bausubstanz, hohe Sanierungskosten, Pläne für schicke Neubauvorhaben. Die Hilferufe der Kritiker gingen dabei in der Zukunftseuphorie oft unter. Was uns fehlt(e) – und ich nehme mich hier nicht aus – war/ist das Bewusstsein für die historischen Werte, die dabei unser aller Gleichgültigkeit zum Opfer gefallen sind und noch fallen. Vor der eigenen Haustür wird das eine oder andere Objekt schnell zur überflüssigen alten Klitsche, während wir im Urlaub mit großen Augen und klickenden Fotokameras vor den Kleinodien stehen, die andernorts daraus gemacht wurden. Dass es auch in Gronau solche „Perlen“ gibt, zeigt das Beispiel des jüngst stilvoll sanierten Hauses Eper Straße 2.

Insofern ist es gut und richtig, dass der Eper Heimatverein das Augenmerk verstärkt auf den Erhalt des Ortsbildes lenkt. Ob die Vorgehensweise dabei in den letzten Monaten im Einzelfall richtig war, steht auf einem anderen Blatt. Sich der eigenen urbanen Stärken und Schwächen bewusst zu werden und – wo nötig – einzugreifen, ist auch Beleg für den Umgang mit der eigenen Identität. Das Bewahren aber sollte mit Augenmaß erfolgen, bestenfalls im Dialog aller Beteiligten, mit dem Willen zum Kompromiss und ohne Angst vor dem von vielen als Damoklesschwert empfundenen Denkmalschutz. Hier mangelt es vielfach noch an Aufklärung und Kommunikation. Im Fall Oststraße 21 hat das – allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz – nicht funktioniert.

Vielleicht täusche ich mich: Der Abbruch am Samstag – als dreistes Husarenstück verteufelt oder auch bewundert – wirkt auf mich wie eine Panik-Reaktion: 17 Seiten Denkmal-Expertise machen – nach Monaten eines schwebenden Verfahrens – plötzlich für die Investoren aus einer Zukunftsinvestition eine Reise ins Mittelalter, deren Ausgang ungewiss ist.

Vielleicht hat das am Ende dazu geführt, dass nur der Bagger als Lösung gesehen wurde. Es hätte sicher andere gegeben. Lösungen, die die rußgeschwärzten Balken aus 1490 hätten überleben können.

 

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