Aus dem Alltag eines Industriekletterers
Einsatz für Patzkowski

Wie war das doch gleich? „Als Industriekletterer muss man sehr flexibel sein“, hat Timm Patzkowski vor wenigen Minuten gesagt. Nun erzählt er von seiner Arbeit in Thailand, die er vor einer Woche beendet hat. Sechs Wochen lang sollte er mehrere Kletterteams in einem Windpark schulen. Sechs Wochen, aus denen sechs Monate geworden sind.

Sonntag, 25.11.2018, 16:40 Uhr aktualisiert: 25.11.2018, 17:05 Uhr
Aus dem Alltag eines Industriekletterers: Einsatz für Patzkowski
Foto: Jürgen Christ

Wenn sich der Coesfelder auf zwei Worte festlegen soll, die das, was er macht, am besten treffen, dann sind es diese: Flexibilität und Gefahreneinschätzung.

Flexibilität und Gefahreneinschätzung

Fremde sind in der Regel fasziniert, wenn sie hören, womit der 35-Jährige sein Geld verdient. Und wenn Patzkowski dann noch erzählt, dass Klettern eine seiner großen Leidenschaften ist, fällt mit großer Wahrscheinlichkeit dieser Satz: „Sie haben also aus Ihrem Hobby einen Beruf gemacht?“.

Routine könnte tödlich sein

Im Büro hat sich einiges noch zu Erledigende im vergangenen halben Jahr angehäuft. Auch in der Werkstatt, die der Coesfelder in einem Gewerbegebiet angemietet hat, wartet Arbeit auf ihn. Neue Regale müssen montiert werden, um darin die Schutzanzüge und das komplette Werkzeug zu lagern. Patz­kowski hebt einen Gürtel mit Karabinerhaken an und legt ihn an seinen Stammplatz, um ihn später in seinem Wohnmobil zu verstauen. Anfang der ­Woche fährt er damit nach Nürnberg. „Mast-Arbeiten“, erzählt er. „Wir montieren Antennen auf dem Mast.“ Hunderte Male hat er das schon gemacht. Doch trotz aller Erfahrung erstellt er vor jedem neuen Einsatz ein Sicherheitskonzept. Allzu viel Routine könnte tödlich sein.

"Man muss zusehen, dass man sich nicht selbst trifft"

Auf seinem Rechner im Büro hat der Coesfelder Fotos der meisten seiner Aufträge gespeichert. Er klickt auf das Foto, das ihn und seinen Kollegen im Winderhitzer eines Stahlwerkes zeigt. Im engen Schacht hatte sich die Beschichtung gelöst. Patzkowski und sein Arbeitspartner hatten folgenden Auftrag: die Reste entfernen und mit dem Sandstrahler eine neue Schutzschicht anbringen. Das klingt vergleichsweise unspektakulär, ist es aber nicht. „Der Druck dieser Geräte ist enorm“, erklärt der Industriekletterer. „Man muss zusehen, dass man sich nicht selbst trifft.“ In der Werkstatt zeigt er später die Schutzkleidung, die er bei solchen Aufträgen immer nutzt – den schweren Anzug aus Wildleder, den Schutzhelm mit dem kleinen Sichtfenster und dazu Sicherheitsschuhe und Handschuhe, die ihn immer an Astronauten erinnern. 13 Kilo wiegt die Minimalausrüstung eines Industriekletterers. Bei solchen Aufträgen muss noch einiges an Gewicht hinzugezählt werden.

Mindestens 13 Kilo schwere Ausrüstung

Das Telefon klingelt. Am Apparat ist ein Mann, mit dem Patzkowski besonders gern zusammenarbeitet. Als Sportkletterer bewältigt er den 10. Schwierigkeitsgrad, was die meisten anderen Kletterer immer sehr beeindruckt. Noch anspruchsvoller ist nur der 11. Grad. „Den können Sie sich wie eine Raufasertapete vorstellen“, erklärt Patzkowski. „Die Wand ist fast glatt.“

Die Lebensversicherung: zwei Seile

Er selbst ist bis zum 7. Schwierigkeitsgrad vorgedrungen. Und auch an den­ ­tastet er sich beim Training immer erst heran. Leichtsinn wäre die größte Dummheit eines Kletterers.

Sein Freund hat Zeit. Die beiden werden gemeinsam in Nürnberg arbeiten. „Das ist Vorschrift“, erklärt der 35-Jährige. „Jeder Industriekletterer braucht einen Partner, der ihn im Zweifelsfall retten kann.“ Der größte Fehler, den ein Industriekletterer begehen kann? „Im Cowboystil arbeiten“, meint Patzkowski. „Sich nur mit einem Seil sichern.“ Er und seine Kollegen verwenden immer zwei – das Trag- und das Sicherheitssystem. Fällt das Tragsystem aus, springt automatisch das Sicherheitssystem ein.

Knapp 400 Industriekletterer in Deutschland

In Thailand hat er das in den vergangenen Monaten vielen angehenden Kollegen erklärt und gezeigt. In 90 Windkraftanlagen haben sie Kabelzüge hochgezogen und montiert – und dazwischen immer wieder gewartet. „In Thailand ist jetzt Regenzeit. Da kann man nicht immer arbeiten.“ Und wenn es doch ging, fehlten oft Werkzeuge, die sich noch in den Mühlen des Zolls befanden.

Dass aus sechs Wochen sechs Monate wurden, lag gelegentlich auch an unterschiedlichen Ansichten über den Beginn des Feierabends. An manchen Tagen wartete das Team stundenlang auf Werkzeug und Zubehör und lud es, wenn es denn endlich da war, in einen Lkw. Zehn Minuten später wollten sich Mannschaft und Lkw-Fahrer an der Baustelle treffen. „Der Fahrer kam aber nicht, weil sein Feierabend vor ein paar Minuten begonnen hatte“, erzählt der Indus­triekletterer und grinst. Man gewöhnt sich an alles.

Fast wie ein Familientreffen

Patzkowski bringt Ordnung in seine Fotodateien und sieht dabei immer wieder vertraute Gesichter von Kollegen. In Deutschland arbeiten knapp 400 Industriekletterer, die die anspruchsvollste Prüfung abgelegt haben. Vielen von ihnen begegnet der Coesfelder bei Großaufträgen. Einmal im Jahr reinigt er an Seilen hängend die Glasfassaden eines Hochhauses in Bielefeld. „Ein schöner Job“, sagt er. Das liegt nicht nur an dem Teich, der sich direkt am Gebäude befindet und die Arbeit deutlich trickreicher macht. „Wir treffen uns da jedes Jahr zu sechst.“ Das ist fast so etwas wie ein Familientreffen.

Viele Erinnerungen

Der Coesfelder liebt es, über seine Arbeit zu sprechen. Und jedes Bild weckt augenblicklich Erinnerungen. Der Kubus in Düsseldorf beispielsweise an die ausgeklügelte Seiltechnik, die er zum Putzen dieses Gebäudes entwickelt hat. Oder der Baum, der nach einem Sturm so unglücklich auf eine für die Feuerwehr nicht zugängliche Stelle eines Hauses fiel, dass Patzkowski mit Gewinden und Seilen den Baum Stück für Stück vom Gebäude entfernen musste. Oder die Träger im Wuppertaler Wasserwerk, die der Kletterer gemeinsam mit einem Kollegen von Staub befreite und zwar so, dass kein Staubkörnchen in das Trinkwasser darunter fallen konnte. Oder . . .

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