Ausbildung im Steinkohlebergbau
Dennis Michel ist der letzte Kumpel

Ibbenbüren -

Das Rattern wird lauter. Ein Gitter taucht auf. Der Korb ruckelt, er stoppt. Schwarze Gesichter hinter dem Gitter. Die Gru­ben­lampen hängen lässig über den Schultern. „Glück auf!“, grüßt Dennis Michel. Er gehört zu den letzten deutschen Steinkohle-Kumpeln.

Samstag, 15.12.2018, 12:00 Uhr
Zwei Generationen Bergmännertreffen sich am Ibbenbürener Schacht: Dennis Michel (l.) gehörte zu den letzten Azubis, Harald Böhm ist Vorsitzender des Knappenvereins Tecklenburger Land. Martin Ellerich Martin Ellerich
Zwei Generationen Bergmännertreffen sich am Ibbenbürener Schacht: Dennis Michel (l.) gehörte zu den letzten Azubis, Harald Böhm ist Vorsitzender des Knappenvereins Tecklenburger Land. Martin Ellerich Martin Ellerich Foto: Martin Ellerich

Mit Dennis Michel endet eine Tradition – beruflich und familiär. Solche wie ihn wird es künftig nicht mehr geben. Er gehört nicht nur zu den letzten hierzulande, die noch „vor Kohle“ gearbeitet haben. Er gehört zum letzten Azubi-Jahrgang, der noch „auf“ einer Steinkohle­zeche gelernt hat; im Januar 2018 ist er „losgesprochen“ worden. Seine Karriere im Bergbau war kurz – sehr kurz.

Letzte Schicht am 30. November

Am 30. November war für Michel die letzte Schicht. Doch das stand schon fest, als er 2014 als Auszubildender auf dem Ibbenbürener Bergwerk „angelegt“ wurde. Denn jetzt ist „Schicht im Schacht“ unter dem Schafberg und „Schicht“ im gesamten deutschen Steinkohlebergbau. Und auch die Bergbau-Tradition der Familie Michel geht zu Ende – unwiderruflich. Doch vieles, was der letzte Kumpel „auf“ der Zeche in Ibbenbüren erlebt hat, verbindet ihn mit den Bergmann-Generationen vor ihm – etwa mit Harald Böhm.

Wenn ich das Steigerlied höre, kriege ich eine Entenpelle.

Harald Böhm

„Wenn ich das Steigerlied höre, kriege ich eine Entenpelle“, sagt Böhm. Nicht nur die Gänsehaut bekommt der Vorsitzende des Knappenvereins Tecklenburger Land, wenn er an die letzte Schicht denkt – an seine eigene vor Jahren, als der Steigerchor im Korb sang, und erst recht, wenn er an die letzte Schicht des Bergwerks denkt. Böhm wischt sich über die Augen. Knapp vier Jahrzehnte vor Michel hat er seine Ausbildung zum Bergmechaniker begonnen, war später Steiger, Fahrsteiger, Reviersteiger.

Klar, etwas Wehmut ist auch für Dennis Michel dabei, wenn er ans Schicht-Ende denkt – aber keine „Entenpelle“ und erst recht keine Tränen, dafür Zuversicht und noch mehr Stolz. „Stolz, dass ich das noch miterlebt habe, die Arbeit tief unter Tage. Davon kann ich einmal meinen Enkeln erzählen, die werden das zwar nicht glauben, aber . . .“ So wie sein Opa, Vorgänger Böhms an der Spitze des Knappenvereins, ihm einst vom „Pütt“ erzählt hat, auf dem auch seine Urgroßväter schon malocht haben. Kein Wunder, dass für den kleinen Dennis schon als Kind klar war, was er werden wollte.

Ibbenbürener Bergleute überreichen «letzte Kohle» an Laschet

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  • Die Glocke schlägt noch einmal, dann öffnet sich das Tor vor dem Förderkorb. 

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Fünf Bergleute schieben eine Lore heraus. Die letzte Kohle hat das Anthrazit-Bergwerk in Ibbenbüren verlassen.

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  • Damit ist eine fast 500-jährige Tradition im Tecklenburger Land zu Ende.

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  • Schicht im Schacht. Die vorletzte deutsche Steinkohlenzeche ist dicht.

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  • Die allerletzte, Prosper Haniel in Bottrop, soll am 21. Dezember geschlossen werden, so sieht es der 2007 geschlossene Kohlekompromiss vor.

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  • Von einem Tag „von historischer Dimension“ sprach Zechenchef Heinz-Werner Voß, „ein einstmals zentraler Zweig deutscher Industriegeschichte geht unwiederbringlich zu Ende.“

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  • Das ist sicher ein schwerer Tag“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Es ende „ein wichtiges Kapitel in der Geschichte unseres Landes.“ 

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  • Die letzte Kohle aus Ibbenbüren: Unter den Ehrengästen waren (von links): NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann, Bischof Felix Genn, Peter Schrimpf, Chef des Kohlekonzerns RAG, Ministerpräsident Armin Laschet, der Vorsitzende der RAG-Stiftung Bernd Tönjes, Ibbenbürens Bürgermeister Marc Schrameyer, Zechenchef Heinz-Werner Voß, Mettingens Bürgermeisterin Christina Rählmann, Arbeitsdirektor Jörg Buhren-Ortmann, Betriebsratschef Uwe Wobben (hinten) und Hörstels Bürgermeister David Ostholthoff. 

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  • Acht Steinkohle-Bergwerke mit 33.000 Bergleuten gab es noch in Deutschland, bevor 2007 der Bund sowie die Kohleländer NRW und Saarland sich darauf einigten, dass der subventionierte Steinkohlenbergbau 2018 enden würde – und zwar ohne Entlassungen, in einem sozialverträglichen Sinkflug.

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  • Die meisten Kumpel schafften den Übergang in die „Anpassung“, den Vorruhestand.

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  • Doch selbst wenn Kumpel und Region seit 2007 Zeit hatten, sich auf dieses Ende vorzubereiten, so tut der Einschnitt weh. 

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  • Die Schutzpatronin, die heilige Barbara, durfte beim Abschied am Barbaratag nicht fehlen. 

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Wehmut, Stolz und Zuversicht

Andererseits die Zuversicht: „Ich weiß, der Weg geht weiter. Ich habe hier eine sehr tolle Zeit genossen, aber es geht weiter“, sagt Michel. Sorgen um einen Arbeitsplatz? Fehlanzeige! Zwei Bewerbungen hat der 22-Jährige geschrieben. Erstklassige Chancen rechnet er sich für die Zukunft aus. „Ich weiß ja, was für eine Ausbildung ich hier bekommen habe: eine der besten in der ganzen Umgebung. Eine, nach der die Firmen auf dich zukommen, wenn du gut bist“, sagt der Elek­troniker für Betriebstechnik. Denn: „Nur“ Bergleute bildet der Kohlekonzern RAG schon lange nicht mehr aus – das Schicht­ende 2018 steht seit dem Kohlekompromiss 2007 fest.

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Trotzdem: Dennis Michels Augen glänzen im schwarzen Gesicht, wenn er von seiner Zeit auf der Zeche erzählt. Von der Kameradschaft unter Tage, wo das „Menü“ selbstverständlich geteilt wird. Von der ersten Fahrt hinab in den Schacht, tiefer und immer tiefer, wenn es plötzlich still wird unter den vorlauten Azubis. „Unglaublich“, sagt Michel, „das Gefühl, das man unter Tage hat. Man kann zwar beschreiben, wie groß da alles ist, wie diese ganze Technik aussieht, aber das Gefühl, das kann man nicht beschreiben.“ Angst sei es nicht. Angst habe er nie gehabt. „Aber Respekt, dass man so tief unten ist, so viele Meter Gestein über sich und dass trotzdem alles hält.“

„Das war bei uns damals schon genauso“, lacht Harald Böhm. „Wir haben in der Ausbildung alle hingefiebert auf die erste Grubenfahrt. Wir hatten alle eine große Klappe, aber dann war nur noch das Rattern des Korbs zu hören . . .“

Hohe Sicherheit unter Tage

„Oder das Bandfahren, das kannte man vorher nicht . . .“, erinnert Michel an die Förderbänder, die Kohle aus dem Bergwerk hinaus und zum Schichtwechsel auch liegende Bergleute befördern. „Ja“, antwortet Böhm lachend, „aufsteigen geht, aber das Absteigen . . .“ Brenzlige Situationen? Habe er keine erlebt, sagt Michel. Die Sicherheit unter Tage sei hoch.

„Gut, dass du das nicht erleben musstest“, sagt Böhm da leise. Und erzählt davon, wie er nach dem Kohlengasausbruch mit acht Toten auf der Zeche 1981 beim Bergen der Kollegen helfen musste. „Wenn du da als 21-Jähriger plötzlich einen Schienbeinschoner auf der Schüppe hast, dann gräbst du schon vorsichtiger“, sagt er und schluckt. „Und wenn du dann einen Helm auf der Schüppe hast, gräbst du mit den Händen weiter . . . Gut, dass du das nicht erlebt hast.“

Kameradschaft und Frotzeleien

Andererseits: die Kameradschaft. Die Frotzeleien. Unter Kumpeln scheint es wenig zu geben, das sich nicht mit ein paar guten Worten oder einem „24er-Röhrengerät“, dem Kasten Bier, „in die Reihe bringen“ lässt. „Mein damaliger Reviersteiger hat nie mitgekriegt, dass ich in meiner ersten Schicht als Steiger verschlafen habe“, sagt Böhm schmunzelnd. Die untergebenen „Kameraden“ deckten den frisch zum Vorgesetzten beförderten „Jungspund“, erledigten die Arbeit ohne ihn.

Und: Die Kameradschaft endet nicht am ­Zechentor. „Wir waren die ganze Schicht zusammen, haben uns am Nachmittag getroffen und am Wochenende in der Disco“, sagt Böhm. Das kennt auch Michel. Klar: „Glück auf! – und einer hat immer Schnupper dabei. Und dann wird geredet.“ Schnupper, das ist der Schnupftabak, der unter Tage die Zigarette ersetzen muss.

Im Laufe der Zeit ist es immer leiser geworden auf der Kaue. Und immer leerer unter Tage.

Dennis Michel

„Anfangs war es laut auf der Kaue“, erinnert sich Michel an den Beginn seiner Ausbildung, an die Gespräche mit den Kumpeln beim Umziehen und Duschen. „Im Laufe der Zeit ist es immer leiser geworden auf der Kaue. Und immer leerer unter Tage.“ Die Belegschaft schrumpft und schrumpft.

Was wird bleiben, wenn der Deckel auf dem Pütt ist? „Mit jeder Generation weniger“, sagt Böhm in seinem schwarzen Knappenkittel mit den 29 Knöpfen – einen für jedes Lebensjahr der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute.

Er wäre gerne länger geblieben

„Wer das nicht mehr selber erlebt hat . . .“, fügt Michel hinzu, „dieses Unter-Tage-Arbeiten.“ Er wäre gerne länger geblieben. „Diese Erfahrung hat nicht jeder – und erst recht nicht aus meiner Generation. Die Möglichkeit gibt es nicht mehr. Ich schaue nach vorne.“

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