Deutlich mehr Fälle im Münsterland
Anrufe von falschen Polizisten: die perfiden Methoden der Telefon-Betrüger

Münsterland -

Bei Anruf Betrug: Deutlich zugenommen hat 2018 im Münsterland die Anzahl der gemeldeten Betrugsfälle, in denen sich die Täter überwiegend bei älteren Menschen meldeten, um als falsche Polizisten Bargeld oder Schmuck zu ergaunern. Phasenweise wurden per Anrufserien ganze Straßenzüge abtelefoniert. Wie die Betrüger vorgehen, erklärt die Polizei und gibt Hinweise, wie man sich schützen kann.    

Mittwoch, 19.12.2018, 16:30 Uhr aktualisiert: 19.12.2018, 16:40 Uhr
Deutlich mehr Fälle im Münsterland: Anrufe von falschen Polizisten: die perfiden Methoden der Telefon-Betrüger
Vor allem ältere Menschen sind die Zielgruppe der Täter als Opfer. Foto: dpa

Die Olfenerin hat sogleich einen Verdacht: Der Anrufer versucht, sie in eine Falle zu locken. Doch statt das Telefonat abzubrechen, wählt sie eine andere Variante. Die Frau lässt sich bewusst auf ein längeres Gespräch ein, lautlos und gestenreich gibt sie währenddessen ihrem Ehemann Hinweise, dass ein vermeintlicher Betrüger am anderen Ende der Leitung ist. Vom Nebenzimmer aus verständigt dieser die Polizei.

Der Anrufer gibt sich nämlich als Polizist aus und berichtet von einer Liste, die bei einer Einbrecherbande gefunden worden sei. Auf dieser steht das Haus der Olfener als Ziel des nächsten Einbruchs. Danach geht alles recht zügig: Die Olfenerin empfängt etwas später den angeblichen Polizisten bei sich zu Hause, um diesem vermeintlich Schmuck und Geld zur sicheren Verwahrung zu übergeben. Aber nur zum Schein. Denn sie ist nicht allein: Echte Polizisten nehmen den falschen Kollegen fest. Das Täuschungsmanöver der Olfenerin lässt den Betrüger selbst in die Falle tappen.

In diesem Fall hat das vermeintliche Opfer den Spieß umgedreht - eine Ausnahme. Das ist grundsätzlich auch besser so. Denn niemand sollte den Helden spielen, stattdessen sollte das Gespräch beendet werden, rät die Polizei.

Hohe Dunkelziffer wird vermutet

In Münster wurden im laufenden Jahr (Stand Anfang Dezember) 425 solcher Betrugsversuche gemeldet. In acht dieser Fälle hatten die Täter Erfolg. Dies sind jedoch nur die gemeldeten Vorfälle, die Dunkelziffer ist zwar schwer einzuschätzen - dürfte aber hoch sein, vermutet Andreas Bode, Sprecher der Polizei Münster.

Denn es besteht der Verdacht, dass viele Fälle nicht gemeldet werden, „weil sich Opfer schämen, auf einen Betrüger reingefallen zu sein.“ Ein aktuell gemeldeter Betrug ist besonders bemerkenswert: So befassen sich die münsterischen Ermittler mit einem Fall, bei dem ein Opfer um mehrere Zehntausend Euro erleichtert worden ist.

Mehr als verdoppelt hat sich zum Beispiel im Kreis Borken die Anzahl der erfassten Vorgänge „Falsche Polizeibeamte“ - von 117 im Jahr 2017 auf 262 (2018). Wie intensiv diese Betrugsmasche zeitweise betrieben wird, verdeutlicht eine Meldung der Kreispolizeibehörde Borken vom 27. November: „In den zurückliegenden 30 Minuten kam es zu mindestens sechs Fällen von Betrugsversuchen mit der Masche ‚Falsche Polizeibeamte‘ im Raum Bocholt.“

Deutliche Zunahme der Betrugsversuche

„Oft sind es auffällige Anruf-Serien in einem Ort, es werden komplette Straßenzüge abtelefoniert“, berichtet Rolf Werenbeck-Ueding von der Polizei Coesfeld. Im Kreis Coesfeld wurden 2018 bislang 289 Fälle registriert (Stand Anfang Dezember). Bereits rund 400 Strafverfahren wurden bis Ende November zu den Delikten wie Amtsanmaßung sowie Betrug im Zusammenhang mit „falschen Polizisten“ im Kreis Steinfurt eröffnet.

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Positiv bewertet Johannes Tiltmann, Pressesprecher der Kreispolizei Steinfurt, dass für diesen Deliktbereich nun auch hohe Haftstrafen drohen. „Es ist verwerflich, mit welch‘ besonders hoher krimineller Energie die Täter ältere Menschen als Zielpersonen des Betrugs ins Visier nehmen und diesen zusetzen, indem sie Angstgefühle erzeugen“, sagt Tiltmann.

Opfersuche im Telefonbuch

Wie wählen die Täter ihre Opfer aus? Hier agieren Betrüger im digitalen Zeitalter ungewohnt „konservativ“: „Die Opfer werden in der Regel im Telefonbuch ausfindig gemacht - oftmals suggerieren bestimmte Vornamen ein gewisses Alter. Kurze Telefonnummern deuten ebenfalls auf ältere Personen hin“, erklärt Andreas Bode. Denn vor allem diese sind Ziel der Betrüger.

Sobald ein Anruf vom potenziellen Opfer angenommen wird, spielt der psychologische Aspekt die zentrale Rolle. So ist die Basis, auf der der Betrug aufbaut, das Grundvertrauen in die Polizei, das somit heimtückisch ausgenutzt wird.

Andreas Bode erklärt die Vorgehensweise der Täter: „Es ist entscheidend, wie beeinflussbar der Angerufene ist. Die Betrüger geben sich beispielsweise als Mitarbeiter des Bundes-/Landeskriminalamtes oder von Interpol aus. Durch geschickte Gesprächsführung und Befragung versuchen sich die Täter, zunächst einen Überblick über die mögliche Beute wie Wertgegenstände und Bargeld zu verschaffen. Im weiteren Gesprächsverlauf wird das Opfer zunehmend bedrängt und vor allem Angst geschürt.“

Betrug durch falsche Polizisten

Schutz vor Betrügern:  Tipps & Hinweise der Polizei

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Eine häufig angewendete Masche ist die besagte Liste mit den kommenden Zielen von Einbrüchen. Die „falschen Polizisten“ versuchen das Opfer so zu manipulieren, dass es ihnen Geld, Schmuck und andere Wertgegenstände bei einer persönlichen Übergabe oder durch Platzierung an einem vereinbarten Ablageort zur sicheren Verwahrung anvertraut.  

Keine Anrufe über die "110"

„Die Täter sind zumeist psychologisch geschult, geben sich einfühlsam und gehen intensiv auf das Opfer ein. Mit dieser Vorgehensweise werden die Leute verbal um den Finger gewickelt und  ihre Gutgläubigkeit ausgenutzt“, beschreibt Susanne Dirkorte-Kukuk, Sprecherin der Kreispolizei Warendorf, das Vorgehen.

Johannes Tiltmann von der Kreispolizei Steinfurt berichtet zudem von vereinzelten Betrugsfällen, in denen sogar die Opfer anschließend überredet wurden, als Kuriere zu fungieren. In einem Fall wurde einem Opfer versprochen, dass es dafür später das Vermögen zurückbekommen sollte.

Sicher am Telefon

Zwei Tricks werden häufiger angewendet: „Oft wird spätabends angerufen, was den Eindruck erweckt, dass ein Anruf eines vermeintlichen Polizeibeamten um diese Zeit wichtig sein muss“, so Andreas Bode. Zudem wird im Display des Telefons die Nummer 110 angezeigt. „Call-ID-Spoofing nennt sich dieser Trick“, erklärt Rolf Werenbeck-Ueding - in Anspruch genommen wird in diesen Fällen ein Dienst, der Fantasienummern im Display erscheinen lässt. Sobald die Notrufnummer 110 angezeigt wird, sollten immer die inneren Alarmsirenen angehen. Denn: Die Polizei ruft nie mit dieser Nummer an.

Täter lösen Angstgefühle aus 

Vielseitig wie auch hinterlistig sind die Gesprächsstrategien ausgetüfftelt: „Nachdem - auch durch massives Nachbohren - der Beuteumfang in Erfahrung gebracht wurde, wird im nächsten Schritt versucht, das Opfer zu isolieren und eine Abhängigkeit zu erzeugen. Dies wird erreicht, indem behauptet wird, dass keiner anderen Behörde zu trauen sei und nur der Anrufer Schutz und Hilfe bieten kann“, sagt Andreas Bode. Sollte der Betrüger auf Widerstand stoßen, wird weiter „penetrant Angst geschürt und mit einem Haftbefehl gedroht, wenn die vorgeschlagene  polizeiliche Maßnahme nicht unterstützt werden sollte.“

Sollte man sich durch verdächtige Anrufe bedrängt fühlen sowie verunsichert sein, wird dringend geraten, eine Vertrauensperson hinzuzuziehen. Zum Schutz gegen unerwünschte Anrufe besteht die Option, Einträge aus dem Telefonbuch entfernen zu lassen. Grundsätzlich gilt: „Die Polizei wird niemals anrufen, um sich nach Wertgegenständen zu erkundigen, damit diese in Sicherungsverwahrung genommen werden können. Das ist auch gar nicht unsere Aufgabe“, betont Andreas Bode.

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