Totschlagsprozess
Freispruch nach sechs Messerstichen

Ochtrup/Münster -

Freispruch! Der Prozess gegen einen 18-jährigen Ochtruper, der einen Kontrahenten bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit sechs Messerstichen getötet hatte, endete für den Angeklagten ohne Bestrafung. Das Gericht wertete die Tat als Notwehr.

Dienstag, 22.01.2019, 09:56 Uhr aktualisiert: 22.01.2019, 09:59 Uhr
Totschlagsprozess: Freispruch nach sechs Messerstichen
Symbolbild Foto: dpa

Mit einem Freispruch endete am Montag der Prozess gegen den 18-jährigen Hassan M., der angeklagt war, im Mai des vergangenen Jahres im Ochtruper Stadtpark den 20 Jahre alten Jose M. bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit sechs Messerstichen in die Brust so schwer verletzt zu haben, dass dieser noch am Tatort verstarb.

Die 1. Große Strafkammer beim Landgericht Münster erkannte bei den tödlichen Stichen auf Notwehr, die in diesem konkreten Fall gerechtfertigt gewesen sei.

Zur Begründung schilderte der Vorsitzende Richter die ganze Vorgeschichte des Streites, der sich hauptsächlich um eine Freundin des Getöteten drehte, der der Angeklagte ebenfalls Avancen gemacht hatte. Bereits einige Wochen zuvor war es in einer Ochtruper Gaststätte, bei einer Zeltparty und am Bahnhof zu Auseinandersetzungen der beiden Rivalen gekommen, in deren Verlauf der Angeklagte einen Kieferbruch erlitten haben soll.

Zum Aufeinandertreffen im Stadtpark führte das Gericht aus, dass die Initiative zur Begegnung vom getöteten Jose M. ausgegangen sei. Beim Aufeinandertreffen der beiden habe Jose M. seinen Gegner Hassan M. sofort mit einem Faustschlag attackiert. Daraufhin habe dieser sich zunächst mit einer Bierflasche zur Wehr gesetzt, was das Gericht als das mildere Mittel der Notwehr bewertete. Erst nachdem Jose M. ihn in den Schwitzkasten nahm, habe Hassan M. ein Küchenmesser mit einer 14 Zentimeter langen Klinge als Waffe eingesetzt. Eine Androhung des Waffeneinsatzes sei in dieser Situation für den Angeklagten nicht mehr möglich gewesen, so die Überzeugung des Gerichts.

Daher sei die Handlung notwendig gewesen, um in Notwehr den Angriff abzuwehren. Ausdrücklich konstatierte der Richter, dass diese Beurteilung für die Angehörigen des Opfers nicht nachvollziehbar sei. Die Mutter des Getöteten reagierte noch im Gerichtssaal aufgebracht auf das Urteil. Sie beschwor die Anwesenden im Zuhörerraum: „Beschützt eure Kinder!“

Auch bei den zahlreich erschienenen Angehörigen und Freunden herrschte nach der Urteilsverkündung Entsetzen und Unverständnis. „Ich habe heute das Vertrauen in unseren Rechtsstaat verloren“, war mehrfach aus dem Zuhörerkreis zu vernehmen. „Ein Messerstich als Notwehr könnte ja vielleicht akzeptiert werden, aber gleich sechs und dann mit einem Freispruch nach Hause…“, sagte eine junge Frau kopfschüttelnd nach dem letzten Verhandlungstag.

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