77-Jähriger fährt Grundschüler in Münsters Bauerschaften
Willi, der Taxi-Opa

Münster -

Die Bauerschaften rund um Münsters Stadtteil Roxel kennt Willi Gerding wie seine Westentasche. Seit 20 Jahren fährt der 77-Jährige die Grundschüler jeden Morgen zur Schule und bringt sie mittags wieder heim. Die Kinder finden ihren „Taxi-Opa“ super.

Samstag, 02.02.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 02.02.2019, 16:23 Uhr
77-Jähriger fährt Grundschüler in Münsters Bauerschaften: Willi, der Taxi-Opa
Jeden Mittag steigen die Kinder gerne zu Willi Gerding ins Taxi.Die meisten von ihnen fahren schon, seit sie in die erste Klasse gehen, mit dem Taxi-Opa. Und: Sitzerhöhungen sind Pflicht. Foto: Wilfried Gerharz

Wie ein Opa aus dem Bilderbuch steht er da: die Schirmmütze auf dem Kopf. Die grauen Haare luken drunter her. Bartstoppeln im ernst dreinguckenden Gesicht und einen Pulli über dem karierten Hemd. Geduldig wartet Willi Gerding vor der ­Marienschule in Roxel, einem Stadtteil von Münster. Es ist 12.40 Uhr. Der Gong der Schulglocke hallt über den Schulhof. Die fünfte Stunde ist vorbei. „Jetzt kommen die ersten ­Rabauken“, verkündet er, als ein Mädchen mit Tornister auf dem Rücken um die Ecke biegt.

Willi Gerding ist 77 Jahre alt und kommt aus Havixbeck. ­Früher hat er als Heizer im Schichtdienst gearbeitet. Heute fährt er für das Taxiunternehmen Waldmann aus Horstmar. Seit mittlerweile 20 Jahren fährt er Grundschüler. Holt sie morgens zu Hause in den Bauerschaften rund um Roxel ab. Und bringt sie mittags wieder bis vor die Haustür. 70 Kilometer sind es täglich.

Sitzordnung mit System

Nach und nach trudeln die Kinder ein. Die ersten sitzen schon im Wagen und albern rum. Die restlichen weist Gerding an der Schiebetür ein. „Ihr setzt euch heute nach hinten“, sagt er zu zwei Mädchen. Die Sitzordnung hat System. „Ich will die Kinder so sitzen haben, wie ich fahre“, erklärt der 77-Jährige.

Nach wenigen Minuten haben fünf Kinder im Bulli Platz genommen. Jedes sitzt auf einer Sitzerhöhung, hat seinen Tornister zwischen den Füßen auf dem Boden stehen und die Jacke auf dem Schoß. Gerding schaut, ob jeder da ist. „Alle da“, verkündet er. Los geht’s.

Fahren als Hobby

Die Wege sind weit. Die Zeit ist knapp. Eine Viertelstunde bleibt Willi Gerding nun, um vier Adressen anzufahren. Um kurz nach 13 Uhr muss er zurück an der Schule sein, um die nächsten Kinder in Empfang zu nehmen. Gerding kennt die Schleichwege im Außenbezirk. „Ansonsten dauert es zu lange“, weiß er.

Besonders bei Schnee und Glätte „ist es blöd, dann ist hier draußen nichts geräumt oder gestreut.“ Für Willi Gerding ist das Fahren keine Arbeit. „Es ist mein Hobby“, sagt er. So könne er sich das „Taschengeld“ etwas aufbessern, hätte eine Aufgabe und käme unter Menschen.

Taxi-Opa Willi

„Bombs! Willi, Bombs!“ Schon kurz nachdem sich der Bulli in Bewegung gesetzt hat, schreien die Kinder lautstark nach Süßig­keiten. Gerding lacht und reicht ein durchsichtiges Döschen mit Fruchtgummi nach hinten. Der Opa-Rolle wird er gerecht. „Ich fahr gerne mit Willi“, sagt Leander überzeugend. „Der holt mich sogar von zu Hause ab“, verkündet er stolz. „Zum Glück weiß er, wo ich wohne.“ Die Kinder nennen ihren Taxifahrer alle einfach nur Willi. „Ich hab gesagt, sie sollen mich so nennen. Was soll das Höfliche?“, meint Gerding.

Leander fährt erst seit wenigen Tagen mit dem Taxi-Bulli. ­Seine Mama kann ihn aus gesundheitlichen Gründen im ­Moment nicht selber fahren. Die anderen Kinder kennt der Erstklässler noch nicht so gut, sagt er. Aber mit Gerding scheint er sich blendend zu verstehen. „Wenn das so weitergeht, dann bleibt es so, dass Leander hier mitfährt“, sagt Gerding grinsend und nickt dem Jungen verschwörerisch zu.

Beliebt bei den Kindern

Bei den Kindern ist der Fahrer hoch im Kurs. Gerding erinnert sich an eine Situation zurück: Ein Vater wollte mittags seine Tochter von der Schule abholen, um direkt mit ihr zum Arzt zu fahren. Sie weigerte sich. „Ich fahr nicht mit dir. Ich fahr mit Willi“, habe sie zu ihrem Vater gesagt.

Tatsächlich musste der Vater ohne seine Tochter nach Hause fahren, um sie dort vom Taxi-Bulli in Empfang zu nehmen. Man merkt Gerding an, dass ihn das stolz macht. Sich etwas darauf einbilden tut er nicht, dafür ist der 77-Jährige zu bescheiden.

Freundlich sind die Kinder alle. Da kann man nichts gegen sagen.

Willi Gerding

Schneller Abgang

Aufgeregtes Gemurmel drängt aus dem hinteren Teil nach vorne. Die Bonbon-Dose ist noch im Umlauf. „Meistens beschäftigen sich die Kinder mit sich selbst“, erklärt der Fahrer und hält vor einem Haus. „Beeilung jetzt, Junge“, treibt Gerding Leon, den Jungen auf der Rücksitzbank, an, möglichst zügig auszusteigen. Der nimmt seinen Tornister und seine ­ Jacke und hüpft aus dem Auto.

Ein „Tschüss“ ist noch zu hören, bevor er von außen die Schiebetür mit einem Rums zumacht. „Freundlich sind sie alle. Da kann man nichts gegen ­sagen“, kommentiert Gerding den Abgang.

Keine Geduld bei Unpünktlichkeit

Eigentlich sei er ein geduldiger Mensch, sagt der Havixbecker. „Nur bei Unpünktlichkeit werde ich bekloppt.“ Gerding kennt seine Pappenheimer. Und sie kennen ihn. Zwei Jungs kämen häufig extra zu spät, weil sie wissen, dass er sich dann aufregt. „Dann muss ich versuchen, ruhig zu bleiben.“

Fünf Jahre ist es her, dass morgens ein Mädchen zu spät zum Taxi gekommen sei. Franziska heißt sie, erinnert sich der 77-Jährige. „Sonst ist sie immer pünktlich gewesen.“ Als Gerding sie fragte, ob sie verschlafen habe, erklärte sie ihm, dass sie ihrer Oma helfen musste, Streichhölzer zu suchen. „Franziska schrieb an dem Tag eine Mathearbeit und ihre Oma wollte eine Kerze für sie anzünden“, berichtet Gerding, dem diese Geschichte besonders im Gedächtnis geblieben ist.

Vorne ist es "am coolsten"

Der Lieblingsplatz der Kinder: vorne. „Das ist am coolsten. Zumindest für mich“, sagt Leander. „So hat man alles im Blick.“ Der nächste Halt ist sein Zuhause. Willi Gerding steigt von seinem Fahrersitz. „Gib mal deinen Tornister“, fordert er den Jungen auf und hilft ihm behutsam aus dem Auto.

„Tschüss“, verabschiedet sich Leander. „Bis morgen“, erwidert Willi Gerding und steigt wieder in sein Auto. Leander stapft Richtung Haustür. In der Tür dreht er sich noch einmal um und winkt dem davonfahrenden Taxi hinterher.

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