Fehlende Flächen und Räume
Kommunen sitzt beim Schulausbau „der Druck im Nacken“

Münsterland -

Viele Schulen im Münsterland platzen aus allen Nähten. Eltern beklagen sich über abgewiesene Kinder. Neue Schulen werden zwar geplant, können aber die akute Situation nicht lösen. Flure und Verwaltungszimmer werden zu Differenzierungsräumen, Container müssen die drängendste Platznot mildern. Für die Enge gibt es drei Gründe: steigende Schülerzahlen, mehr Bedarf nach Ganztagsbetreuung und die Rückkehr von G 8 zu G 9.

Donnerstag, 07.02.2019, 06:30 Uhr aktualisiert: 07.02.2019, 07:05 Uhr
Am Schulzentrum in Wolbeck helfen Container über die Runden.
Am Schulzentrum in Wolbeck helfen Container über die Runden. Foto: Wilfried Gerharz

Im Maria-Sibylla-Merian Gymnasium in Telgte ziehen sich die Schüler für den Differenzierungsunterricht ins „Lernzen­­trum“ zurück. So heißt in der Schule der Flur. Schulleiter Harald Voß berichtet von einem „erheblichen Raumbedarf“. Noch bestehen Unter- und Mittelstufe aus jeweils drei Klassen. Doch das wird sich ändern. Darum erwartet Voß die nächsten Jahre viele Bauarbeiter in seiner Schule.

Rheine zum Beispiel steht vor einem Schülerboom. In den kommenden Jahren wechseln laut Schuldezernat bis zu 200 zusätzliche Schüler in die weiterführenden Schulen. Rheines Bürgermeister Peter Lüttmann geht davon aus, dass die Zahl der Kinder, die auf eine weiterführende Schule wechseln, bis zum Schuljahr 2026/2027 um 25 Prozent steigen wird. „Das ist eine gewaltige Herausforderung. Wir werden deshalb weiter in unsere Schulen investieren müssen,“ sagt er.

Die Stadt erlebt eine kontroverse Debatte um die Zukunft der einzigen Realschule am Ort. Die Elsa-Brändtström-Realschule („Elsa“) nimmt jedes Jahr vier Eingangsklassen auf. Die genießt bei Eltern einen guten Ruf, obwohl sie viel mehr Bewerber als tatsächliche Plätze hat und das 50 Jahre alte Hauptgebäude schon lange nicht mehr auf dem neuesten Stand ist. Immer wieder weist die Schulleitung Kinder ab. Das frustriert Kinder und Eltern.

„Beispielloser Kraftakt“

Zusätzliches Kuriosum: Wenn mit der mittleren Reife der Abschied ansteht, verlassen regelmäßig nicht vier, sondern fünf Klassen die Schule. Sie nimmt die Schüler auf, die nach dem 6. Jahrgang die Erprobungsstufe der drei Rheiner Gymnasien verlassen. Auf Druck der Eltern wird in Rheine nun geprüft, ob die Schule in Zukunft fünfzügig oder neu gebaut wird, falls sich das 50 Jahre alte Hauptgebäude als nicht mehr standfest genug herausstellen sollte. Um Platz zu schaffen, wird die Stadt zudem mehrere zusätzliche Grundschulzüge einrichten, wie Rheines Schuldezernent Raimund Gausmann sagte.

Münsters OB Markus Lewe hat den Ausbau der städtischen Schulen jüngst als „beispiellosen Kraftakt“ bezeichnet. Die Stadt hat in den vergangenen zwei Jahren beschlossen, 21 ihrer 85 Schulen aus- oder neu zu bauen. Das wird 170 Millionen Euro kosten. Der Bau einer neuen Gesamtschule ist da noch gar nicht drin. Bis 2030 werden allein 1000 Grundschüler mehr eine Schule besuchen als zurzeit (Stand heute: 9940). Das sind 40 Klassen mehr.

Deswegen wird in Wolbeck eine neue Grundschule entstehen, weitere auf dem Gelände zweier früherer Kasernen, die in Wohngebiete verwandelt werden. An elf städtischen Schulen dort müssen zurzeit 30 Container die wachsende Zahl der Schüler auffangen. 2019 sollen sechs weitere dazukommen. „Die wollen wir alle durch Massivbauweise ersetzen“, sagt Ludger Watermann, Abteilungsleiter im Amt für Schule und Weiterbildung.

Container als Provisorien

Regierungspräsidentin Dorothee Feller erklärt im Gespräch mit unserer Zeitung, warum es so mühsam ist, Platz zu schaffen. „Geld ist da, aber es fehlt an den Handwerkern.“ Außerdem hätten viele Kommunen zu wenig Planungskapazitäten. Sie sagt aber auch am Beispiel von Kirchhellen, wo die Schüler der Sekundar-Schule drei Jahre in Containern unterrichtet worden sind: „Das ist nicht schön, aber ich glaube nicht, dass die Qualität des Unterrichts dadurch beeinflusst wird.“ Solange das vorübergehend sei, ließe sich damit leben. Und nicht nur das: In Kirchhellen habe das Eltern und Schüler der Sekundarschule sogar verbunden.

Wolfgang Deden, einer der beiden Elternpflegschaftsvorsitzenden, sagt: „Wir sind heilfroh, aus dem Provisorium heraus zu sein.“ Die Containern seien zwar voll ausgestattet und auf neuestem Stand gewesen, trotzdem habe da im Sommer „die Sonne draufgeknallt“, sodass sogar Sonnensegel die Kinder schützen mussten. Doch die Mühe hat sich gelohnt. „Wir sind begeistert“, sagt Deden. Die Elternschaft habe es nicht bereut, dass ihre Kinder drei Jahre in Containern unterrichtet worden sind. „Das schweißt auch zusammen“, sagt er.

Fehlende Flächen & Räume

Gronaus Erste Beigeordnete Sandra Cichon stellt fest, dass das System flexibler geworden ist. Abseits offizieller Einschulungstermine „müssen wir jedes Jahres 50 Kinder an weiterführenden Schulen aufnehmen“, sagt sie. Das mache nicht nur die Kalkulation schwierig, sondern führe auch dazu, dass Schüler in bereits volle Klassen gesteckt werden müssten. „Irgendwann müssen mehr Klassen gebildet werden.“

Wachsende Schülerzahlen zwingen auch die Stadt Gronau dazu, neuen Platz für Schüler zu schaffen. Nicht nur dort fehlen in Grundschulen Flächen, die in Zeiten sinkender Schülerzahlen und bei der Durchsetzung von G8 für die Betreuung am Nachmittag abgezwackt worden sind. „Da müssen wir jetzt nachsteuern“, sagt die Erste Beigeordnete Sandra Cichon. Die Eilermarkschule bekommt deswegen einen Anbau, die Viktoria-Schule hat schon einen, in der Buterlandschule sollen Container für Entlastung sorgen.

Sendenhorst wird in den kommenden Jahren 2,7 Millionen Euro in seine zwei Grundschulen investieren. „Wir wollen schnell bauen. Uns sitzt der Druck im Nacken. Wir haben große Probleme, die Betreuungsangebote in Sendenhorst zu regeln“, erklärt Bürgermeister Berthold Streffing. In den Grundschulen vor Ort fehle es an Klassenräumen und Räumen für die OGS. Sendenhorst beteiligt sich an dem Programm „Von acht bis eins.“ Das garantiert eine Schulzeit von 8 bis 13 Uhr, auch wenn Unterricht ausfallen sollte. Dafür stellt die Stadt drei Jahre lang drei Container auf.

Reichen wird das nicht: Obwohl Streffing allen Eltern, die ihr Kind betreuen lassen wollen, einen Platz anbieten möchte, weiß er schon jetzt, dass ihm im Schuljahr 2019/20 für ­­­­­­80 Kinder Betreuungsplätze fehlen werden.

Kommentar zum Platzmangel in Schulen

Das war absehbar

Wieso wird man das Gefühl nicht los, dass ­Schüler und Lehrer immer zu kurz kommen, wenn investiert werden muss? Dass es in den Schulen wieder eng wird und es deswegen zum Beispiel an Platz für Differenzierungsunterricht mangelt, begründen Experten mit drei Punkten: der Rückkehr zu G 9, wachsenden Schülerzahlen und dem Wunsch nach mehr Betreuungsangeboten.

Abgesehen von der Rückkehr zu G 9 kommen die ­beiden anderen Gründe ungefähr so überraschend wie Weihnachten und die Fußballweltmeisterschaft. Dass berufstätige Eltern feste Zeiten brauchen, in denen sie ihre Kinder gut unterrichtet und behütet wissen, ist alles andere als neu. Und dass die Zahl der Kinder steigt, ist zumindest für Statistiker ebenfalls keine Neuigkeit.

Es ist gut nachvollziehbar, dass die Schulen kurz nach der Einführung von G 8 im Jahr 2005 flott alle frei werdenden Räume neu genutzt haben. Nicht nachvollzieh bar aber ist, dass in der Zwischenzeit trotz des neu entstandenen Raumbedarfs nicht die nötigen Maßnahmen ergriffen worden sind, um dringend notwendige Klassenräume zu schaffen. So sind es wieder die Schüler und Lehrer, die in die Röhre gucken.

von Stefan Werding

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