Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg
Aus dieser Klinik gibt es kein Entkommen

Münster -

Krankenzimmer statt Zelle, Patient statt Insasse. Wenn Gefangene in Nordrhein-Westfalen so krank werden, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen, kommen sie nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. „Hier wird es nie langweilig“, verspricht der Anstaltsleiter.

Montag, 18.02.2019, 07:00 Uhr
Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg: Aus dieser Klinik gibt es kein Entkommen
Blick in zwei Patientenzimmer des Gefängniskrankenhauses Fröndenberg Foto: Wilfried Gerharz

Gelegentlich führt Peter Wolff Gäste auf die Terrasse des Verwaltungstraktes, um ihnen von dort aus das gesamte Gelände rund um das Krankenhaus der Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen zu zeigen. Der Verwaltungsleiter hat dabei schon viel gehört – ein Adjektiv dürfte ihm allerdings noch nie zu Ohren gekommen sein. Schön, nein, schön ist das Außengelände mitten in Fröndenberg wirklich nicht.

Die Bäume, die dort standen, als das Haus noch ein ziviles Krankenhaus war, sind längst gefällt worden. „Aus Sicherheitsgründen“, wie Wolff erklärt. Wenn es um einen Weg in die Freiheit geht, entwickeln auch zurückhaltende Gefangene Kreativität, und ein hoch gewachsener Baum bietet nicht die schlechteste Basis für einen Fluchtplan. 2005 ist es einem Insassen fast gelungen, die fünf Meter hohe Außenmauer zu überwinden.

Strenge Sicherheitsmaßnahmen

Seitdem herrschen noch strengere Sicherheitsauflagen. Zäune sichern die Parzellen, in denen einige Patienten auf- und abschreiten – immer beobachtet von Justizvollzugsbeamten und Kameras, die auf jede Bewegung reagieren. Die Außenmauer säumt ein Geflecht, das man nicht berühren sollte. Widerhaken-Sperrdraht – schon der Name erzeugt Distanz. Das Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg ist nun einmal keine normale Klinik. Es muss gute medizinische Versorgung unter den Auflagen des Strafvollzuges gewährleisten. Das ist leicht gesagt und schwer getan.

Gerade das reizt Karolin Strauß. Es hat die Oberärztin schon fasziniert, als sie noch Medizin studierte und von einer Freundin, die in Fröndenberg arbeitete, immer wieder neue Nachrichten aus dem wahrscheinlich ungewöhnlichsten Krankenhaus in Nordrhein Westfalen erfuhr. „Es ist die Verbindung zwischen der Medizin und den Hintergrundgeschichten“, sagt sie. Und wenn Bekannte fragen, weshalb sie denn ausgerechnet in einem Gefängniskrankenhaus arbeitet und das augenscheinlich sogar gern, dann sagt sie häufig dies: „Jeder hat ein Recht auf medizinische Versorgung.“

Konflikte bei der Behandlung

Karolin Strauß hat gerade im Büro des Anstaltsleiters Platz genommen, mit dem sie und ihre Kollegen regelmäßig über die Behandlung eines Patienten beraten. „Bei 80 Prozent der Gefangenen gibt es keine Probleme“, sagt Joachim Turowski. Die 20-Prozent-Gruppe ist es, die den Anstaltsleiter und sein Team herausfordert. Was macht man beispielsweise, wenn die Mediziner einem Patienten dringend Bewegung verordnen, und die Akten ihn als hochgefährlichen Gefangenen ausweisen, der nicht mit anderen Patienten zusammentreffen darf?
„Im Einzelfall kann es sein, dass er sich 23 Stunden in der Zelle aufhält, und in der Stunde, in der alle anderen Gefangenen schlafen, einzeln behandelt wird.“ Schon die Sprache zeigt, dass beide Berufsgruppen völlig unterschiedliche Anliegen verfolgen müssen. Turowski spricht von Zellen und Gefangenen, Carolin Strauß von Krankenzimmern und Patienten.

Fröndenberg kann individuell reagieren

Knapp 400 Menschen arbeiten in Fröndenberg, dem größten Spezialkrankenhaus dieser Art in Deutschland. Alle 36 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein Westfalen schicken regelmäßig Gefangene als Patienten. Auch Gefängnisse in anderen Bundesländern nutzen das Haus. Wenn medizinisch nötig, kooperieren die Anstalten mit zivilen Fachkrankenhäusern – sonderlich beliebt ist dieses Kons­trukt allerdings nicht.
Welche Verwaltung sieht es schon gern, wenn nicht alle Betten genutzt werden können, weil ein Gefangener allein in einem Zimmer unterzubringen ist, das obendrein durch Justizvollzugsbeamte gesichert werden muss? Das Fröndenberger Team kann individueller reagieren. „Wir haben 230 Betten, das aber nur nominell. Wenn wir 150 Betten belegt haben, kommen wir an unsere Grenzen“, sagt Turowski.

Justizvollzugskrankenhaus in Fröndenberg

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  • Kurze Besprechung: Karolin Strauß ist Oberärztin und schätzt die abwechslungsreiche Arbeit.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Außengelände des Justizvollzugskrankenhauses ist mehrfach gesichert.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Die Außenmauer des Justizvollzugskrankenhauses säumt ein Geflecht, das man nicht berühren sollte.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Widerhaken-Sperrdraht – schon der Name erzeugt Distanz.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Das Krankenhaus ist einer der größten Arbeitgeber in der Region.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Karolin Strauß reizt die Herausforderung: „Jeder hat ein Recht auf medizinische Versorgung.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz
  • Natürlich werden auch Gefangene so krank, dass sie außerhalb ihrer Justizvollzugsanstalt medizinisch behandelt werden müssen. In Nordrhein-Westfalen kommen sie dann nach Fröndenberg – in die wohl ungewöhnlichste Klinik des Landes. Foto: Wilfried Gerharz

„Hier wird es nie langweilig“

Das Krankenhaus ist einer der größten Arbeitgeber in der Region. Mitarbeiter wie Thorsten Neuhaus, der seit über 20 Jahren in der Pflege in Fröndenberg arbeitet, schätzen vor allen Dingen die Vorteile eines krisensicheren Berufs im öffentlichen Dienst. „In der Gegend sind schon so viele Krankenhäuser geschlossen worden“, sagt er. Trotzdem können auch in diesem Haus immer schlechter freie Stellen in der Pflege besetzt werden.
Nicht jeden reizt nun einmal das, was Turowski als Pluspunkte empfindet: „Hier wird es nie langweilig. Das kann ich Ihnen versichern.“ Gleichfalls als schlagkräftiges Argument tauglich: „Das Arbeitsklima ist gut, und die Arbeit körperlich weniger belastend als in anderen Krankenhäusern.“ Die Mediziner versorgen Männer und Frauen, verfügen über eine Mutter-Kind-Abteilung und eine Station, die sich auf die Behandlung psychosomatischer Erkrankungen spezialisiert hat.

Eine Win-Win-Situation

Die Nachbarn reagierten tief verunsichert, als sie 1984 erfuhren, dass im Krankenhaus künftig Straftäter behandelt werden sollen. Gefangene? In einem Wohngebiet mit Familien? Wer gewährleistet die Sicherheit? Zwei Jahre später hat das Justizministerium das Krankenhaus in Betrieb genommen. „Seitdem hat es nie wieder Konflikte gegeben“, sagt Peter Wolff. Direkt vor dem Gelände ist ein Kindergarten eröffnet worden, das Wohngebiet wächst, und das Justizkrankenhaus genießt als Arbeitgeber einen verlässlichen Ruf. Eine Win-Win-Situation – vor Jahrzehnten ein unvorstellbarer Gedanke.

Gut möglich, dass viele Nachbarn heute gern Karolin Strauß zuhören würden, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt und grundsätzlich klarstellt, dass niemand im Hause Angst vor skurrilen Situationen haben sollte. Kürzlich beispielsweise hat sie einen Patienten das gefragt, was sie zu Beginn einer Behandlung immer wissen will: „Was fehlt Ihnen denn?“ Die Antwort ihres Gegenübers: „Glauben Sie mir, das Fenster war wirklich schon zerschlagen. Ich bin nur reingegangen, weil ich gucken wollte, was da los ist . . .“

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