Polizei registriert immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt
Gefahr in den eigenen vier Wänden

Westerkappeln/Ibbenbüren/Tecklenburger Land -

Wenn von Gewaltkriminalität die Rede ist, denkt wohl jeder zuerst an Mord und Totschlag, an blutige Fehden, Überfälle oder an brutale Schlägereien und weniger an Szenen einer Ehe. Doch nicht selten sind es zwei Seiten derselben Medaille. Sogenannte häusliche Gewalt ist für die Polizei Alltag. 639 Fälle wurden 2018 allein im Kreis Steinfurt registriert.

Freitag, 22.02.2019, 17:00 Uhr
Polizei registriert immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt: Gefahr in den eigenen vier Wänden

Das bedeutet gegenüber dem Jahr 2017 eine Zunahme von 6,7 Prozent. Und blättert man in der Kriminalstatistik der Kreispolizei ein bisschen zurück, gab es zuletzt im Vergleich zu 2010 eine Steigerung von mehr als 200 Prozent. „Es werden immer mehr“, bestätigt Reiner Schöttler, Sprecher der Kreispolizeibehörde.

In Westerkappeln gab es im vergangenen Jahr 19 solcher Gewalttaten. Eine davon war – wie berichtet – vergangene Woche Gegenstand einer Verhandlung vor dem Amtsgericht Tecklenburg. Am Ende wurde ein 34-jähriger Ibbenbürener zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Er hatte seine Lebensgefährtin in der damals gemeinsamen Wohnung in Westerkappeln verprügelt.

Die Zuwächse haben nicht zuletzt etwas mit einem veränderten Anzeigeverhalten zu tun. Galt Gewalt in den eigenen vier Wänden früher lange als Privatsache, rufen die Opfer heute schneller die Polizei. Und die Beamten haben heute andere Möglichkeiten zu reagieren. So können die Täter der Wohnung verwiesen und Rückkehrverbote gegen sie ausgesprochen werden. In mehr als der Hälfte der Fälle von häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr machten die eingesetzten Beamten davon Gebrauch. Häufig werden die Opfer an Beratungsstellen vermittelt.

2002 wurde in Deutschland das Gewaltschutzgesetz (GewSchG) eingeführt, das den Opfern umfangreichen Schutz ermöglichen soll. Das zuständige Familiengericht kann beispielsweise dem Täter das Betreten der gemeinsamen Wohnung längerfristig verbieten, genauso wie jede Annäherung an das Opfer oder die Kontaktaufnahme per Telefon, E-Mail oder über Messenger-Dienste auf dem Handy.

Häusliche Gewalt findet meist in Form von Körperverletzung statt. In rund zwei Dritteln aller im Kreis registrierten Fälle kam das vergangenes Jahr vor, 97 Mal handelte es sich um schwere Körperverletzungen. In einem Fall wurde sogar ein Mensch getötet. Unter häusliche Gewalt fallen aber unter anderem auch Sachbeschädigungen (12), Hausfriedensbruch (35), Bedrohungen (54), Freiheitsberaubungen (11) sowie Nachstellungen (7), auch bekannt als Stalking.

Nicht nur bei körperlichen oder psychischen Auseinandersetzungen zwischen Eheleuten oder in anderen Partnerschaften spricht die Polizei von häuslicher Gewalt. Diese liegt auch dann vor, wenn Kinder geschlagen oder pflegebedürftige Senioren misshandelt werden.

2017 waren mehr als 138 000 Personen in Deutschland von Gewalt in Paarbeziehungen betroffen. „Es gibt ein riesiges Dunkelfeld“, sagt Schöttler. Die Zahlen seien schockierend, meinte Bundesfrauenministerin Dr. Franziska Giffey, als sie Ende November die „Kriminalstatistische Auswertung zu Partnerschaftsgewalt 2017“ vorstellte. Über 80 Prozent der Opfer seien Frauen. „Für sie ist das eigene Zuhause ein gefährlicher Ort – ein Ort, an dem Angst herrscht“, so die Ministerin. Bei den tatverdächtigen Männern handelte es sich um mehr als zwei Drittel um deutsche Staatsbürger.

Gewalt gegen Frauen komme in allen Gesellschaftsschichten vor. „Auch in den besseren Kreisen“, wie Polizeisprecher Reiner Schöttler betont. „Dort geht man dann aber oft nicht zur Polizei, sondern zum Anwalt.“

Nach den Daten des Bundesfamilienministeriums ist häusliche Gewalt in Beziehungen, wo das Geld weniger locker sitzt, jedoch weiter verbreitet: Je schlechter die soziale Lage, desto häufiger gebe es solche Auseinandersetzungen. Sehr oft spiele Alkohol eine Rolle.

So wie in dem vergangene Woche vor dem Amtsgericht Tecklenburg verhandelten Fall. Der angeklagte Ibbenbürener hatte mehr als 2,3 Promille im Blut, als er auf seine Lebensgefährtin losging und diese schwer verletzte. Und es war nicht der erste Angriff in der Beziehung. Trotzdem sind die beiden noch ein Paar. Das Opfer, eine 33-jährige Westerkappelnerin, charakterisierte ihren Peiniger sogar als „herzensguten Menschen“, der das bestimmt nicht so gewollt habe.

So reagieren die Opfer offensichtlich häufig. „Gerade Frauen fällt es nach unserem Wissen oft schwer, aus Gewaltsituationen herauszukommen“, bestätigt Petra Söchting, Leiterin des beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben angesiedelten Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“. Frauen benötigten meist mehrere Anläufe, bis sie sich zu einer Trennung durchringen könnten. Das Hilfetelefon versuche, dabei beratend Unterstützung zu geben, erläutert Söchting.

Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

Ob Schläge, Stalking, Vergewaltigung oder Zwangsehe – das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ steht betroffenen Frauen rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr zu allen Formen von Gewalt zur Seite.Unter der Rufnummer 08000 116 016 und über die Online-Beratung unter können sich Betroffene, aber auch Menschen aus dem sozialen Umfeld der Betroffenen und Fachkräfte beraten lassen – anonym, kostenlos, barrierefrei und in mittlerweile 17 Fremdsprachen. Auf Wunsch vermitteln die Gesprächspartner des Hilfetelefons an eine Beratungsstelle vor Ort.Nach Angaben des 2013 gegründeten Hilfetelefons suchten in den ersten fünf Jahren des Bestehens der Einrichtung mehr als 143 000 Personen eine Beratung.

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