Initiativen gegen Schotter-Wüsten
Steine des Anstoßes

Münsterland -

Sie sind hässlich. Sie bieten Insekten nichts zu fressen. Sie lassen Regenwasser nicht versickern. Nicht mal weniger Arbeit machen sie. Aber sie verbreiten sich trotzdem: Gärten des Grauens.

Dienstag, 05.03.2019, 17:14 Uhr aktualisiert: 06.03.2019, 06:26 Uhr
Steine und Kies statt Stauden und Blumen: Die Stadt Drensteinfurt hat diesen Schottergarten angelegt. Die Hoffnung, dass er weniger Arbeit macht, ist trügerisch.
Steine und Kies statt Stauden und Blumen: Die Stadt Drenstenfurt hat diesen Schottergarten angelegt. Die Hoffnung, dass er weniger Arbeit macht, ist trügerisch. Foto: Dietmar Jeschke

Bis vor vier Jahren hatte das Haus an der Riether Straße in Drensteinfurt einen grünen Garten. Doch als es die Stadt kaufte, um dort Flüchtlinge unterzubringen, rissen die Arbeiter des Bauhofs gleich alles Leben aus der Erde und ersetzten es durch Kies und Findlinge. So wie die Kommune machen es viele Hausbesitzer: Steine und Kies statt Stauden und Blumen.

„Gewollt und nicht gekonnt“ findet das Karl Jänike vom Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau NRW. Der Verband, der die Interessen der Gärtner vertritt, hat mit einer Kampagne den Stein gegen solche „Totgestaltungen“, wie sie im Fachjargon heißen, ins Rollen gebracht.

Argumente gegen solche Gruselgärten gibt es genug. Klaus Krohme vom Kreislehrgarten in Steinfurt hat seine Zweifel, ob solche Steinwüsten so pflegeleicht sind, wie sich das ihre Erbauer vorstellen. Zwischen den Steinen würden sich Staub und Laub sammeln, aus denen mit der Zeit neue Pflanzen wachsen, die mühsam herausgepult werden müssten.

Der Unterschied: Mehrere Grad Celsius 

„Ganz eindeutig“ steige durch die zugekiesten Vorgärten die Strahlungswärme und die Staubbelastung, weil Pflanzen fehlten, die Verdunstungskühle erzeugten. „Der Unterschied zwischen einem Kiesgarten und einer bepflanzten Fläche kann mehrere Grad Celsius betragen“, schwört er Stein und Bein.

Eine Verschlechterung des Kleinklimas vor der Haustür sei die Folge. Abgesehen davon hätten sie keine Ästhetik und keinen Charme mehr, Insekten würden weitere Nahrungsquellen verlieren und nach einem starken Regen könne das Wasser nicht versickern, weil Fließfolie den Boden versiegelt.

Schotter muss nicht scheußlich sein 

Grundsätzlich hat Krohme nichts gegen Steine im Garten. Nur, wenn sie dort unter sich sind, stören sie ihn. „Wesentlicher Baustein eines Gartens ist die Pflanze“, sagt er. Kies ermögliche es zum Beispiel, die Trennung zwischen Weg und Beet aufzuheben, aber: „Man darf die Pflanze nicht vergessen.“ Dann habe ein Steingarten auch nichts mit einer Schotterwüste gemein.

Das findet auch Jänike. Kiesgärten seien nicht zu verteufeln, „aber dann sollen darin auch die richtigen Pflanzen wachsen“. Er ermuntert zu mehr Mut zum echten Grün. Das sei nicht aufwendiger, sondern sogar günstiger.

Stauden für den Gärtnermuffel 

Für Gartenbesitzer, die keine Lust auf oder Zeit für Gartenarbeit habe, könnten auch Stauden der Stein der Weisen sein. „Die weben einen dichten Teppich“, sagt Krohme. Es gebe genug heimische Pflanzen, die unerwünschten Kräutern die Luft nähmen, sodass die sich erst gar nicht im Vorgarten niederließen.

In vielen Kommunen im Münsterland gab und gibt es Initiativen gegen die Steinflächen. Über den Unsinn solcher Gärten herrscht dabei in der Regel Konsens. Ihr Rückbau versandet aber in der Regel, weil sich die Kommunen vor einem aufwendigen Kontroll- und Sanktionssystem sträuben.

Auch Drensteinfurts Bürgermeister Carsten Grawunder hat kein Herz aus Stein und sich durch die Recherche unserer Zeitung noch mal bei seinen Leuten vom Bauhof erkundigt. Und entschieden: Der Garten an der Riether Straße ist nicht in Stein gemeißelt, sondern soll wieder schnellstmöglich Blumeninseln bekommen. Dort wird also kein Stein auf dem anderen bleiben. Und den Nachbarn ein Stein vom Herzen fallen.

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Schottergärten im Münsterland

Mehrere Kommunen im Münsterland beraten über Schotterwüsten. Die Stadt Hörstel hat den bundesweit beachteten „Terror-Gardening-Award“ bekommen. Vergeben wird er von der Facebook-Seite „Gärten des Grauens“ des Biologen Ulf Soltau. Dem wurden 20 Fotos aus Hörstel zugeschickt. „Das war in der Summe so grauenhaft, dass wir uns überlegt haben: Hörstel ist der nächste Gewinner“, sagt Soltau. In Senden will eine Initiative Mustergärten schaffen, eine Liste mit ökologisch wertvollen und pflegeleichten Pflanzen erarbeiten und Bauherrn beim Anlegen ihrer Gärten helfen. In Borken will die Verwaltung in einem Neubaugebiet Schotterwüsten verbieten, einen Baum auf jedem Grundstück ebenso zur Pflicht machen wie die Entwässerung über Zisternen. Die CDU möchte sogar ein Verbot von „Totgestaltungen“ prüfen. In Ost­bevern haben die Grünen mit ihrem Vorschlag auf Granit gebissen, Verstöße gegen Bauvorschriften zur Not auch zu ahnden. Dort müssen Vorgärten eigentlich zu 50 Prozent begrünt sein. Sind sie das nicht, sollen die Besitzer auf den Regelverstoß hingewiesen werden. Doch der Rat hat das abgelehnt.

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Auf der Facebook-Seite "Gärten des Grauens" werden die scheußlichsten Schotter-Gärten "geehrt": 

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