Der Kohlehandel und das Ende des Steinkohlenbergbaus
Abschied auf Raten

Tecklenburger Land -

Hans-Heinrich Plegge wirkt nicht glücklich über das, was da im Dezember in Ibbenbüren geendet hat. Kurz vor Weihnachten ist er das letzte Mal mit seinem MAN-Lastwagen auf den Schafberg gefahren. Hat eine kleine Menge Kohle abgeholt beim Landabsatz an der Zeche.

Sonntag, 10.03.2019, 12:00 Uhr aktualisiert: 10.03.2019, 15:54 Uhr
Hans-Heinrich Plegge verkauft Kohlen auch an Privatkunden. Er rechnet kurzfristig mit mehr Nachfrage nach Kohle.Ulrike Pott handelt hauptsächlich mit Heizöl. Aber auch Kohlekunden hat sie noch.
Hans-Heinrich Plegge verkauft Kohlen auch an Privatkunden. Er rechnet kurzfristig mit mehr Nachfrage nach Kohle.Ulrike Pott handelt hauptsächlich mit Heizöl. Aber auch Kohlekunden hat sie noch. Foto: Tobias Vieth

Um sie dann für die Firma D+I Mineralöl GmbH an Kunden mit Kohleheizungen weiterzuverkaufen. Plegge, der sich selbst als Groß- und Einzelhändler zugleich betrachtet, hat sich den Kohlekundenstamm seit Anfang der 80er-Jahre aufgebaut. So ganz langsam kann man jetzt das Finale dieses Geschäftes sehen, auch wenn es noch nicht so weit ist. „Wir haben ja jetzt die Endzeit eingeläutet bekommen“, sagt er.

Ulrike Pott hat das Büro für ihren Brennstoffhandel – Hauptkundenstamm Heizöl – im eigenen Privathaus, ein Schreibtisch im Wohnzimmer und zahlreiche Akten künden von der Arbeit. Sie habe nicht mehr so viele Kunden mit Kohleheizung, sagt sie. Bis 1995 fuhr Pott noch selber Kohlen, gab dann das Lager auf. Heute kümmert sich ein Spediteur – im Fall der Kohlen die Firma Mucke – um die Logistik. Das Ende des Bergbaus sieht sie gelassener als Plegge. „Ich denke, der Markt wird normal weiterschrumpfen“, sagt sie. Kohleheizungen waren schon in den vergangenen Jahren kein Wachstumsgeschäft mehr. „Langfristig geht es von der Kohle weg.“ Weil die fossile Energie nicht gewünscht sei – von der Politik.

Das Ende des Bergbaus auf dem Schafberg am Jahresende ist mehr Symbol des näherrückenden Endes des Kohlengeschäftes für Heizungen denn tatsächlicher, punktueller Auslöser für Probleme in der Versorgung. Erstens liegt auf dem Gelände der Zeche noch reichlich Kohle, die auch nach wie vor für den Wärmemarkt verkauft wird. Sie gehört nur nicht mehr der RAG Anthrazit, sondern ist an einen Großhändler, einen Investor verkauft worden. Für den grundsätzlichen Weg, wie die Händler an ihre Kohle kommen, hat das keine Auswirkungen. Bestellt wird die Kohle über Rheinbraun – so war es vorher schon – und dann am Zechengelände abgeholt. Sind die Bestände aufgebraucht, wird eben Anthrazit-Importkohle bestellt. Es gibt nur einen maßgeblichen Unterschied: Kleine Mengen kann man als Händler nun nicht mehr am ehemaligen Bergwerk kaufen. Jetzt gibt es nur ganze Laster – 25 Tonnen pro Fuhre, früher ging auch mal eine Tonne.

Ulrike Pott bemüht für diese Änderung das Bild eines Supermarkts. Den gab es bis vor kurzem am Bergwerk. „Und wenn man den Supermarkt nebenan hat, dann kauft man auch mal nur einen Liter“, sagt sie. Statt nun einer ganzen Palette, um im Bild zu bleiben.

Wird sich der Kohlemarkt jetzt stetig zurückentwickeln, bis alle Kohleheizungen verschwunden sind? Nicht ganz, sagen die Händler unisono, die erst noch mit einem Nachfragewachstum rechnen, ehe der Abwärtstrend sich fortsetzt. Das hat mit den Deputatkohlelieferungen zu tun – oder besser gesagt mit deren Ende.

Am 19. Dezember hat die Firma Mucke die letzte Deputatanlieferung erledigt, erzählen Geschäftsführer Karl-Heinz Mucke sen. und sein Sohn, Betriebsleiter Karl-Heinz Mucke junior. Mucke hatte einen Auftrag der RAG, die Deputatlieferungen zu erledigen. Das ist nun auch Geschichte. Muckes rechnen ebenfalls damit, dass sich die Nachfrage nach Anthrazit im nächsten Winter kurzfristig erhöht. Aber erst dann, wenn die letzten Deputatlieferungen bei den Kunden aufgebraucht sind. Denn die Keller sind voll. „Wer Möglichkeit und Platz hatte, der hat sich eingedeckt“, sagt Mucke sen. Danach müssen die Heizungskunden ihre Kohle ganz normal kaufen – oder eben die Heizung auf einen anderen Energieträger umstellen.

Das Ende des Deputatkohlegeschäftes und das später einsetzende Absinken des normalen Kohlehandels macht Muckes keine Sorgen. Kohle sei ein Saisongeschäft fürs Winterhalbjahr, und es mache nur etwa fünf Prozent des gesamten Geschäftes der Mucke GmbH aus, die neben Transporten auch Abbrucharbeiten oder Erdbewegungen im Portfolio hat. „Wir stellen uns dem Markt“, sagt Mucke jun. Wie sich das Geschäft wirklich entwickelt, das könne man aber erst in einem Jahr absehen. Eben dann, wenn die Deputate verheizt sind.

„Gas steht Gewehr bei Fuß“, sagt Kohlehändler Hans-Heinrich Plegge. Er meint, es sei eine Kostenfrage, wie es sich mit den Privatheizungen entwickelt. Wenn der preisliche Abstand zum Öl bleibe, lohne sich Kohle weiterhin. Mit allen Kosten eingerechnet koste eine Kilowattstunde Heizenergie aus Kohle etwa drei bis vier Cent, mit Heizöl etwa sieben Cent pro Kilowattstunde, sagt Plegge. Gas liegt, je nach Anbieter, meist irgendwo dazwischen.

Doch neben der reinen Kostenfrage gibt es noch die politisch-gesellschaftliche. Die weist eindeutig aufs Ende der Kohleheizungen hin. Im Ibbenbürener Fall – wie auch in anderen Kommunen der Region – sogar mithilfe öffentlicher Förderung und Beratung. „Das ist ein sehr großes Thema“, sagt Sara Dietrich vom Verein Energieland 2050 zum Stichwort Kohleheizungen. Der Verein koordiniert für die sogenannte Zechensiedlung in Bockraden und auf dem Schafberg die energetische Stadtsanierung, gefördert mit Mitteln der KfW. Ein erklärtes Ziel dabei ist, neben der allgemeinen energetischen Aufwertung der Häuser, auch das Ende des Heizens mit Kohle. „Im Rahmen der Konzepterstellung soll unter anderem betrachtet werden, wie die sukzessive Umnutzung des Kohlekraftwerksgeländes erfolgen und gleichzeitig eine ganzheitliche klimafreundliche Wärmeversorgung sichergestellt werden kann. Zentrales Thema ist hierbei die Substitution der noch relativ häufig vorhandenen Kohleheizung“, heißt es in der Projektbeschreibung. Dementsprechend habe sich der bisherige Beratungsbedarf hauptsächlich um den Wechsel von Kohleheizungen zu anderen Energieträgern gedreht. Im Rathaus ist das nicht anders. Auch Hans-Josef Schulte, Umweltbeauftragter der Stadt, berichtet von Beratungsbedarf in Sachen Kohleheizungen.

Wobei sich, wie Ibbenbürens Baudezernent Uwe Manteuffel weiß, das Thema der Kohleheizung nicht auf die Zechensiedlung beschränkt. Da die Bergleute überall in der Stadt wohnten, gibt es auch fast überall in der Stadt Kohleheizungen. Wie viele genau es sind, da muss allerdings auch die Stadt passen. Experten bei den Stadtwerken Tecklenburger Land schätzen den Bestand auf etwa 6500 Kohleheizungen in Ibbenbüren und Mettingen – aber auch ohne Gewähr.

Bei der Westnetz GmbH weiß man die Zahl auch nicht genau – aber man weiß, wie viele Menschen in den vergangenen Jahren und Monaten ihre Energieversorgung auf Gas umgestellt haben. Normalerweise sind es etwa 100 Bestandsimmobilien pro Jahr, die einen Gasanschluss beantragen. Die Zahl hat sich verzwanzigfacht „Anfang letzten Jahres ging es so richtig los“, sagt Ruth Brand, Regionalsprecherin der Westnetz GmbH. Rund 2000 Anträge gingen im Jahre 2018 aus dem Tecklenburger Land ein, etwas mehr als die Hälfte kam aus Ibbenbüren. Das war möglicherweise auch getrieben von günstigen Angeboten für Hausanschlüsse. Um den Ansturm etwas zu bremsen, kündigt Tobias Koch, Geschäftsführer der SWTE Netz (Netzgesellschaft der Stadtwerke) an, dass die Preise auch ab 2020, wenn die Stadtwerke das Gasnetz selbst betreiben, ähnlich wie bei Westnetz bleiben sollen.

Heizungsinstallateur Franz-Josef Schniedergers (Volle & Schniedergers GmbH) ist sich daher auch sicher, dass die Kohleheizungen im Privatbereich schnell vom Markt verschwinden. „In zwei Jahren ist das im privaten Bereich durch“, meint er. Nur im Großkesselbereich – etwa für Gärtnereien – geht er von einem längeren Überleben der Kohle als Energieträger aus.

Die Richtung im privaten Wärmemarkt ist also eindeutig: Nicht nur weg vom hiesigen Bergbau, sondern auch weg vom Einsatz von Kohle überhaupt. „Ich hab echt Herzschmerz mit dem Ende“, seufzt Kohlehändler Hans-Heinrich Plegge. Andere, größere Energiehändler, würden neben Kohle und Heizöl längst auch Gas verkaufen. Er will das nicht tun, sagt er, mit 68. „Für mich macht das keinen Sinn mehr.“

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