Eline van Dijk sucht nach gestohlenen Kunstwerken
Die Raubkunst-Detektivin

Münster -

Gestohlen, unterschlagen, abgepresst: Das Schicksal vieler Kulturgüter im Zweiten Weltkrieg ist bis heute ungeklärt. Die Nazis hatten zwischen 1933 und 1945 zahllosen, zumeist jüdischen Kunstsammlern und –händlern ihre Schätze gewaltsam genommen oder abgepresst. Viele davon finden sich noch immer – oft unerkannt – in Kunstsammlungen oder Museen. Im LWL-Museum für Kunst und Kultur sucht Eline van Dijk nach ihnen.

Samstag, 09.03.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 09.03.2019, 17:53 Uhr
Manchmal verrät die Rückseite eines Bildes etwas über seine Herkunft:Eline van Dijk bei der Arbeit. Wilfried Gerharz Wilfried Gerharz
Manchmal verrät die Rückseite eines Bildes etwas über seine Herkunft:Eline van Dijk bei der Arbeit. Foto: Wilfried Gerharz

Raubkunst-Detektivin klingt spannend, Pro­venienz-Forscherin nicht ganz so. Eline van Dijk (27) ist beides. Forscherin und Detek­tivin, einen Widerspruch sieht sie darin nicht. Die aus Everswinkel stammende Fachfrau durchleuchtet im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) seit August die Geschichte von Kunstwerken der klassischen Moderne. „Ziel ist es, die Eigentumsverhältnisse der Objekte in der eigenen Sammlung vollständig aufzuklären“, sagt Muse­ums­direktor Dr. Hermann Arnhold. „Es geht auch darum, sich ehrlich zu machen“, ergänzt van Dijk. Ein Jahr hat die Kunsthistorikerin dafür Zeit. Das ist nicht viel Zeit. Gefördert wird das Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste.

Unzählige Juden mussten nach 1933 ihren Besitz zurücklassen, als sie emigrierten, inhaftiert oder deportiert wurden. Diejenigen, die fliehen konnten, waren oft gezwungen, ihre Kunstwerke weit unter Wert zu verkaufen, um die Ausreise finanzieren zu können. Unzählige dieser Werke kamen auf den Markt und in die Museen, ohne dass die Besitzverhältnisse geklärt wurden – oder sich jemand dafür interessierte.

Raubkunst im Landesmuseum?

Ehrlich machen. Das ist eine große Aufgabe mit vielen Facetten. Eine davon ist, fast 75 Jahre nach Kriegsende die zentrale und noch immer offene Frage zu beantworten: Gibt es im ­Bestand des Landesmuseums womöglich Raubkunst?

Eine andere ist ein unausgesprochenes Eingeständnis. Dass sich das Museum in der Vergangenheit womöglich nicht ausreichend um die Besitzverhältnisse (Provenienzen) des eigenen Bestandes gekümmert hat. Bis 1998, bis zur Washingtoner Erklärung, in der internationale Richtlinien zum Umgang mit NS-Raubkunst verabschiedet wurden, war das ­Thema praktisch totgeschwiegen worden. Die Geschichte – Schnee von gestern. Das Unrecht – ach, Schwamm drüber. Etwas mehr als 20 Jahre danach ist in Münster damit end­gültig Schluss.

Besitzverhältnisse ungeklärt

Ortstermin im Museumscafé, ein gewöhn­licher Donnerstag, 10 Uhr. Das Museum öffnet gerade. Eline van Dijk bestellt einen Cappuccino und erzählt. Dass sie nach dem Studium der Kunstgeschichte 2015 als Praktikantin ins Museum kam, ein Volontariat ­anschloss und ein Faible fürs sogenannte Sammlungsmanagement hat. „Zu sehen, was sich im Depot eines Museums befindet, ist doch spannend“, sagt sie. Auch, weil daraus „interessante Themen zu generieren“ seien. Beispielsweise das, herauszufinden, „was ein Museum sammelt und warum eigentlich“.

Im Fall des LWL-Museums ist das eine stattliche Menge. Knapp 300 000 Objekte umfasst der Bestand. Als Kunst- ­Detektivin und Provenienzforscherin in den Fokus genommen hat van Dijk Gemälde aus der Sammlung der Moderne. Bilder, „die vor 1945 entstanden und nach 1933 ins Haus ­gekommen sind“. Ein besonderes Augenmerk legt sie dabei auf jene Arbeiten, bei denen bisher nicht geklärt ist, wo sie sich in diesem Zeitraum befanden und in wessen Besitz. ­Ungefähr 100 bis 120 Objekte fallen hierunter.

Namen, die aufhorchen lassen

Aus diesem Konvolut hat sich die 27-Jährige knapp 50 Werke ausgesucht, die ein genaueres Hinsehen verdienen. Weil der Künstler den Nazis womöglich als „entartet“ galt und damit verfemt war, der vielleicht jüdische Besitzer von ihnen ­womöglich erpresst und beraubt worden war oder aber von dem Kunsthändler, der es kaufte oder verkaufte, heute bekannt ist, dass er damals „an krummen Dingen beteiligt war“. Letztlich geht es also um Namen, die aufhorchen lassen.

Aufseiten der Künstler sind das vor allem die großen Expressionisten. Nolde beispielsweise, Kirchner, Schmidt-Rottluff, Mueller, Dix, Stenner und natürlich Macke.

Emotionale Arbeit

Detektivin, Forscherin, Spurensucherin: Van Dijk durch­forstet die „gottlob gut geführten“ Inventarbücher des Museums, sucht nach vorhanden Objekt-Akten sowie „Korrespondenzen, in denen die Werke erwähnt werden“. Sie studiert Werkverzeichnisse, Fachliteratur und sucht in Archiven nach Hinweisen. Hinzu kommt der regelmäßige Besuch von Tagungen, die Datenbank-Recherchen, die Kontaktpflege zu Auktionshäusern und das Networking mit Kollegen in anderen Museen. „All das ist eine sehr logische und sachliche Arbeit“, sagt sie.

Man muss immer Verantwortung für das übernehmen, was man hat.

Eline van Dijk

Und eine, die nicht spurlos an ihr vorübergeht. „Das nimmt einen emotional schon mit“, erzählt die 27-Jährige. Weil sie im Zuge der Recherche immer wieder mit Schicksalen konfrontiert wird und sich manchmal auch darin verliert, gibt sie zu. Wobei „die Sachlichkeit natürlich immer das oberste Gebot ist“.

Verantwortung übernehmen

Ein Jahr hat sie insgesamt Zeit, sechs Monate sind bereits um. Was am Ende dabei herauskommt? Sollte sie ein Kunstwerk identifizieren, das nachweislich dem NS-Kunstraub zum Opfer gefallen ist, werde es nach Möglichkeit an die Erben der verfolgten ­Besitzer zurückgegeben.

In eindeutigen Fällen ist das bereits geschehen. So gab das LWL-Museum mehrere Ar­bei­ten an Erben jüdischer Sammler zurück, wie beispielsweise das Gemälde „Morgendämmerung“ von Karl Blecken. 1968 kam es als Dauerleihgabe der Bundesrepublik ins Museum, 2009 ging es von dort an die Erben des vorherigen Besitzers zurück – und wurde im Anschluss zurückgekauft.

Ein erneuter Restitutionsfall wäre natürlich spektakulär. ­Findet die Kunsthistorikerin keinen Hinweis, wäre das jedoch nicht minder bedeutsam. „Weil das Museum dann mit dem Vorbehalt aufräumen kann, dass in seinen Beständen NS-Raubkunst lagert“, erklärt die 27-Jährige. Unabhängig vom Ergebnis ist van Dijks Arbeit aber auch aus einem an­deren Grund wichtig: Knapp 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernimmt das Haus Verantwortung, indem es sich seiner Geschichte stellt. „Man muss immer Verantwortung für das übernehmen, was man hat“, sagt sie.

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