Christoph Beckers Fazit nach 45 Jahren bei der Polizei
„Die Autobahn ist gar nicht so unsicher“

 Münster -

Sein berufliches Leben verbrachte er im Wesentlichen auf der Autobahn: Christoph Becker, 61, Polizeihauptkommissar. Genau 45 Jahre lang war er bei der Polizei, davon 42 Jahre bei der Autobahnpolizei, zuletzt zwölf Jahre als Verkehrssicherheitsberater. Nun hat er die Waffe abgegeben, der 31. März ist offiziell sein letzter Arbeitstag. Wie sieht der Profi mit der jahrzehntelangen Erfahrung den Alltag auf der Autobahn? Unser Redaktionsmitglied Gunnar A. Pier hat ihn gefragt.

Samstag, 16.03.2019, 14:22 Uhr aktualisiert: 16.03.2019, 15:01 Uhr
Die Autobahn war sein Revier: Polizeihauptkommissar Christoph Becker war genau 45 Jahre lang bei der Polizei.
Die Autobahn war sein Revier: Polizeihauptkommissar Christoph Becker war genau 45 Jahre lang bei der Polizei. Foto: Gunnar A. Pier

Herr Becker, 42 Jahre bei der Autobahnpolizei, davon zwölf Jahre als Verkehrssicherheitsberater – ist das eine Sisyphusarbeit, weil die Autofahrer sowieso die gleichen Fehler immer wieder machen?

Christoph Becker: Den Erfolg der Präventionsarbeit insbesondere auf der Autobahn kann man nur schwer messen. Ein Beispiel: Ich sage hier einem Lkw-Fahrer aus Bremen: „Wenn du drei Sekunden unachtsam bist, hast du 66 Meter zurückgelegt, ohne etwas zu sehen – und wenn der vor dir bremst, fährst du hintendrauf und bist tot.“ Dann nimmt er das vielleicht sogar auf – und baut die nächsten zwei Jahre keinen Unfall. Aber das wirkt sich nicht auf unsere Unfallzahlen aus. Auf der anderen Seite: In Münster ist seit 2009 kein Kind im Straßenverkehr gestorben. Ich bin sicher: Das liegt auch an guter Präventionsarbeit in den Schulen. Wenn den Kindern ein Polizist, vielleicht noch mit tiefer Stimme, etwas erklärt, hören die auch eher mal zu.

Wie groß ist die Einsicht bei den Fahrern?

Becker: Bei normalen Verstößen wie Telefon am Steuer und Überholen im Überholverbot ist das heutzutage eine klare Kiste: Wenn ein Lkw auf freier Strecke zwischen Dülmen und Nottuln überholt, gibt’s da nichts zu deuteln. Probleme gibt es nur mit Leuten, die schon Punkte in Flensburg haben. Die sagen schon mal eher: „Das war kein Telefon, sondern ein Rasierapparat.“

Wie hat sich die Atmosphäre auf der Autobahn in den Jahrzehnten verändert?

Becker: Auf jeden Fall hat der Verkehr massiv zugenommen, insbesondere der Schwerlastverkehr.

Macht mehr Verkehr die Autobahn sicherer oder unsicherer? Es kann ja nicht mehr so schnell gefahren werden . . .

Becker: Unsicherer! Wenn alle im Stau stehen, passiert natürlich nichts. Aber allgemein gilt: Wo mehr Leute fahren, werden auch mehr Fehler gemacht.

Und wie haben sich die Fahrer verändert?

Becker: Besonders die Lkw-Fahrer sind hektischer geworden und viel angespannter.

Wie kommt das?

Becker: Zeitdruck.

Haben die den nicht immer gehabt?

Becker: Klar, aber ich glaube, dass das mehr geworden ist, nicht zuletzt durch die offenen Grenzen und den Schwerlastverkehr aus dem europäischen Ausland. Die Parkplatznot ist beispielsweise groß. Und wenn wir wieder einen wegschicken müssen, weil er eine Auffahrt blockiert, tut er mir schon auch leid. Wir haben inzwischen in der Bundesrepublik über fünf Millionen zugelassene Lkw – die müssen ja irgendwo bleiben!

Würde ein Tempolimit helfen?

Becker: Ja. Meine persönliche Meinung ist: Tempo 130. Ich bin der festen Überzeugung, dass das die Unfallzahlen senken würde. Und fest steht: Die Schwere der Verletzungen würde abnehmen. Und warum nicht Tempo 80 auf der Landstraße, dann würde das Überholen wegfallen.

Unterwegs mit der Autobahnpolizei Münster

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  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Schwerpunktkontrolle der Autobahnpolizei Münster am 11. Februar 2016 auf der Autobahn A1.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Schwerpunktkontrolle der Autobahnpolizei Münster am 11. Februar 2016 auf der Autobahn A1.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Hier wird mit einer Spezialkamera der Abstand gemessen, den Autofahrer halten.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Auf einem Display in der Mittelkonsole werden die Videos der Kameras angezeigt.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Schwerpunktkontrolle der Autobahnpolizei Münster am 11. Februar 2016 auf der Autobahn A1.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Schwerpunktkontrolle der Autobahnpolizei Münster am 11. Februar 2016 auf der Autobahn A1.

    Foto: Gunnar A. Pier

Was macht denn die Autobahn unsicher?

Becker: Eine große Unfallursache ist neben Abstand und Geschwindigkeit die Unachtsamkeit. Fahrer, die irgendetwas anderes machen: der Pkw-Fahrer, der sich um die Kinder auf dem Rücksitz kümmert. Der Lkw-Fahrer, der irgendwelche Frachtbriefe liest. Der Autofahrer, der das Navi neu einstellt, weil er woanders hinfahren muss. Das sind schnell Hunderte Meter, auf denen ich nichts sehe. Wenn dann ein anderer einen Fahrstreifenwechsel macht, sind die Unfälle programmiert.

Wie kriegen wir das in den Griff?

Becker: Mit einem gesunden Mix aus Prävention und Repression.

Wird genug kontrolliert?

Becker: Nach unseren Möglichkeiten schon. Natürlich könnte ich auch fünf Leute in fünf Streifenwagen auf der Autobahn beschäftigen, die hätten auch genug zu tun – aber es gibt ja auch noch andere Baustellen, etwa die Kriminalitätsbekämpfung.

Brauchen wir härtere Strafen?

Becker: Ich bin der Meinung, dass die angemessen erhöht werden sollten. Ich haben neulich selbst in der Schweiz über 200 Euro bezahlt, weil ich einmal neun und einmal elf Stundenkilometer zu schnell gefahren bin. Ich finde das in Ordnung – aber das hat mir zu denken gegeben. Ich kann Ihnen sagen: Der deutsche Herr Becker fährt mit seinem Wohnwagen nur noch mit Tempo 80 von Basel bis Italien und wieder zurück.

Vielleicht reichen Geldstrafen nicht. Solange ich mich freikaufen kann . . .

Becker: Wir können ja nicht gleich allen das Auto wegnehmen. Aber wenn ich für geringe Überschreitungen 100 oder 150 Euro zahlen muss, zeigt das sicher Wirkung.

Sie trauen sich nach 42 Jahren Autobahnpolizei noch auf die Autobahn?

Becker: Ja natürlich: mit dem Wohnwagen in den Urlaub. Die Autobahn ist ja gar nicht so unsicher – aber wir müssen weiter viel dran tun! Und eins ist klar: Man muss nicht mit jeder Messstelle einverstanden sein – aber wir müssen messen und kontrollieren, sonst sähe das ganz anders aus.

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