Nachts mit dem Lkw auf der Autobahn
Parkplätze verzweifelt gesucht

Everswinkel/Kassel -

Ein Leben auf der Autobahn: Für Fuhrunternehmer Karsten Fögeling und seine Mitarbeiter Alltag. Ihr vielleicht größtes Problem: fehlende Stellplätze für die vorgeschriebenen Ruhepausen. Sind die wirklich so knapp? Beobachtungen auf einer nächtlichen Tour nach Kassel und zurück.

Sonntag, 17.03.2019, 17:50 Uhr aktualisiert: 18.03.2019, 12:47 Uhr
Pause! Auf dem Autohof nahe Soest hat Karsten Fögeling seinen Container-Lastzug abgestellt.
Pause! Auf dem Autohof nahe Soest hat Karsten Fögeling seinen Container-Lastzug abgestellt. Foto: Gunnar A. Pier

Um 22.13 Uhr zieht Karsten Fögeling den Zündschlüssel, die Maschine lässt das Schnaufen, auf dem Display über dem Fahrer erscheint „Pause!“. Eine Handvoll Sattelschlepper hat er auf dem Autohof bei Soest zugeparkt, aber es geht nicht mehr anders. Seit einer Dreiviertelstunde sucht er einen Stellplatz, die Lenkzeit ist abgelaufen. „Ich bin im illegalen Bereich“, sagt er. Zeit für die Zwangspause. Karsten Fögeling geht essen.

Das Leben auf der Autobahn: Für den Unternehmer aus Everswinkel und vor allem seine fünf Mitarbeiter Alltag. Vor neun Jahren hat der heute 30-Jährige das Unternehmen seines Onkel übernommen, seitdem verdient er sein Geld mit Kanalreinigungen und dem Transport etwa von Klärschlamm.

22 Tonnen Klärschlamm

Ein Dienstagabend im März, Gewerbegebiet Everswinkel. Um 17.45 Uhr startet Karsten Fögeling den Motor des MAN-Lasters. 22 Tonnen Klärschlamm aus Ahlen in drei Containern müssen zum Fernwärmekraftwerk Kassel gebracht werden. Mit dem schweren Anhänger zuckelt Fögeling über Land. Er muss noch irgendwo wiegen, um zu wissen, wie viel Material genau er dabei hat. Doch die meisten Waagen sind bereits dicht. Das kostet Zeit. Nach anderthalb Stunden geht es richtig los.

„Es ist ein hartes Gewerbe“, sagt der junge Boss, doch er nimmt es sportlich. Die Margen sind winzig, und ein paar Zehner Mehrkosten für einen mautpflichtigen Umweg können schon dafür sorgen, dass die Tour gar keinen Gewinn mehr bringt. Nur manchmal klappt es, für eine Fahrt nach Köln, Kassel oder an den Niederrhein auch bezahlte Fracht für den Rückweg zu finden.

Mit dem Klärschlamm-Transporter von Everswinkel nach Kassel

1/11
  • Nachts auf der Autobahn: Für Karsten Fögeling und seine Mitarbeiter ist das Alltag.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Ein Dienstagabend im März. Drei Container Klärschlamm hat Fögeling nach Kassel gebracht. 22 Tonnen Materiel - sein Zug wiegt so gut 40 Tonnen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Spätestens nach viereinhalb Stunden müssen Lkw-Fahrer einer Dreiviertelstunde Pause machen. Das was tun, wenn die Parkplätze belegt sind?

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Geschafft: Um kurz nach 22 Uhr hat Fögeling seinen Lastwagen auf dem autohof bei Soest abgestellt - und parkt andere Sattelzüge zu. Anders geht es nicht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Abladen in Kassel: Von seinem Platz im Führerhaus aus kann Fögeling den Container kippen.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • In Kassel muss Karsten Fögeling die Netze von der Container holen und den Klärschlamm abkippen. Er arbeitet - deshalb zählt die Zeit nicht als Ruhepause.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Spätestens nach viereinhalb Stunden müssen Lkw-Fahrer einer Dreiviertelstunde Pause machen. Das was tun, wenn die Parkplätze belegt sind?

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier
  • Foto: Gunnar A. Pier

Bergauf wird der 40-Tonner langsam

Als die Autobahn erreicht ist, schaltet Fögeling den Tempomat ein. Ab dann fährt sein Lastzug gut 80 Kilometer pro Stunde. In der Ebene. Sobald es etwas bergauf geht, und sei es fürs Auge noch so unmerklich, stöhnt der Motor. Mehr als Tempo 50 schafft der 400-PS-Laster nicht mehr, riesige Sattelzüge ziehen vorbei. „Die sind leer“, schätzt Fögeling. Viel größere Motoren seien jedenfalls selten – wegen des höheren Verbrauchs, geringer Margen . . .

Alle Stellplätze sind belegt

Kurz nach halb neun verspürt der Fahrer ein Bedürfnis. Am Rastplatz Schoren nahe Breuna zieht er raus. Doch alle Stellplätze sind belegt. Wie selbstverständlich bleibt Fögeling auf dem Durchfahrtsweg stehen, springt kurz raus und sitzt bereits wieder hinter dem Steuer, als der nächste Laster lichthupend heranrollt. „In der Woche hast du nach 17 Uhr eigentlich keine Chance“, sagt er. Denn dann drängen neben den Fahrern, die nach viereinhalb Stunden ihre 45-minütige Ruhepause einlegen müssen, auch jene auf die Parkplätze und Rastanlagen, die übernachten wollen. Deshalb stehen sie manchmal gar in den Ein- und Ausfahrten.

Ankunft in Kassel

Kurz nach 21 Uhr erreicht der Laster das Kasseler Kraftwerk, eine Dreiviertelstunde später ist der Klärschlamm abgeladen: Rückfahrt. Als Ruhepause zählt die Unterbrechung nicht: Fahrer Fögeling hat selbst abgeladen und gar nicht durchgeschnauft.

Lenkzeiten, Zwangspausen und fehlenden Parkplätze

Spätestens nach viereinhalb Stunden muss ein Lkw-Fahrer für 45 Minuten den Motor abstellen und sich frei vom Fahrzeug entfernen können. Legt er zwischendurch eine viertelstündige Pause ein, genügen später auch 30 Minuten. Mehr als neun Stunden pro Tag darf er nicht fahren, an zwei Tagen pro Woche sind es zehn Stunden. Das Wochenlimit liegt bei 45 Stunden.Doch es stellt die Fahrer zunehmend vor Schwierigkeiten, Stellplätze zu finden. Beispiel Raststätte Münsterland-Ost: Hier gibt es regulär 28 Lkw-Plätze – abends stehen hier nach Schätzung von Autobahnpolizist Christoph Becker rund 70. Pläne, die Anlage zu erweitern, lehnt die Stadt Münster aus Rücksicht auf Anlieger ab. Aktuell gibt es an Autobahnen in NRW rund 6400 Lkw-Stellplätze. Bis 2025 sollen 4000 dazukommen.

...

Pause ist Pflicht

Kurz vor halb elf beginnt die Suche nach einem Platz für die vorgeschriebene Rast. Parkplatz Am Quast: randvoll. Raststätte Am Biggenkopf: zugeparkt. Rastplätze Blankenrode, Wewelsburg, Büren-Steinhausen: Blinkende Laster signalisieren, dass man gar nicht mehr drauffahren kann.

Fahrer ohne Lobby

„Fahrer kommen oft aus Polen und Litauen – die haben hier eben keine Lobby“, kommentiert Karsten Fögeling. Sie wählen hier nicht, deshalb vergäßen Politiker sie gerne, wenn es um die Frage geht, ob Parkplätze und Rastanlagen erweitert werden. Die Interessen der Anwohner zu vertreten, die etwa Angst vor Lärm und Flächenverbrauch haben, sei da populärer.

Die Maschine lässt das Schnaufen

In Soest klappt es schließlich. Der Everswinkeler parkt Kollegen zu, die sich offenbar schlafen gelegt haben. 45 Minuten Pause, Zeit für einen Burger und etwas frische Luft. Dann der Endspurt. Um 0.57 Uhr zieht er auf dem heimischen Betriebsgelände den Zündschlüssel. Die Maschine lässt das Schnaufen.

Nachrichten-Ticker