Untersuchung durch Wolfsberater
Wieder ein Damwild-Riss in Westerkappeln: Nutztierzüchter haben Angst vorm Wolf

Westerkappeln -

In Westerkappeln geht bei Nutztierhaltern die Angst vorm Wolf um. Nachdem vor zwei Wochen ein Damwild-Spießer auf einer Wiese in der Bauerschaft Westerbeck gerissen wurde, haben die selben Züchter am Mittwochmorgen in ihrem Gatter ein weiteres getötetes Tier gefunden. „Das war eindeutig ein Wolf“, ist der Eigentümer überzeugt.

Mittwoch, 27.03.2019, 21:08 Uhr aktualisiert: 27.03.2019, 21:10 Uhr
Wolfsberater Jan-Dirk Hubbert sichert penibel alle Spuren. Dazu vermisst er auch den Kadaver des Damtieres. Im morastigen Boden ist eindeutig eine Fährte zu erkennen (Bild rechts) – ob die Trittsiegel von Wolf oder Hund stammen ist noch unklar.Erneut hat der Räuber ein Loch unter den Zaun gegraben, um in das Gatter zu kommen. Im Drahtgeflecht des Zaunes sind einige Haare hängengeblieben. Auch sie werden ins Labor geschickt.
Wolfsberater Jan-Dirk Hubbert sichert penibel alle Spuren. Dazu vermisst er auch den Kadaver des Damtieres. Im morastigen Boden ist eindeutig eine Fährte zu erkennen (Bild rechts) – ob die Trittsiegel von Wolf oder Hund stammen ist noch unklar.Erneut hat der Räuber ein Loch unter den Zaun gegraben, um in das Gatter zu kommen. Im Drahtgeflecht des Zaunes sind einige Haare hängengeblieben. Auch sie werden ins Labor geschickt. Foto: Frank Klausmeyer

Jan-Dirk Hubbert vom Regionalforstamt Münsterland, der im Auftrag des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (LANUV) auch als Wolfsberater unterwegs ist, hält das für möglich. „Es kann aber auch genauso gut ein Hund gewesen sein.“

Hubbert ist am Mittwochnachmittag aus Nordwalde nach Westerbeck gefahren, um den Kadaver penibel zu untersuchen. Es handelte sich um ein trächtiges Damtier, im Juni sollte es kalben. Mit einem für einen Wolf typischen Kehlbiss wurde das Tier getötet. „Für mich gibt es keinen Zweifel, wer das war“, sagt der Züchter, der nicht namentlich genannt werden möchte. „Das Telefon steht schon jetzt nicht mehr still.“ Die Nachricht von den mutmaßlichen Wolfsrissen geht rum wie ein Lauffeuer.

Über die Wiese kommt ein Bekannter aus Recke herbeigestapft, der selbst Damwild züchtet. „Ich gucke jeden Morgen durchs Fernglas, ob meine Tiere noch da sind“, erzählt er aufgeregt. Nach der Meldung vom ersten Riss in Westerbeck vor zwei Wochen habe er sein Gatter noch besser gesichert und sogar einen Weidezaun gezogen.

Schleifspuren der Beute

„Das bringt doch nichts, da gräbt der drunter her“, ist der Westerbecker Kollege sicher. Wie zum Beweis zeigt er auf das Loch, durch das der Wolf – oder ein Hund – aufs Gelände an der Straße Im Hook gekommen ist. Es war die gleiche Stelle. Der Züchter hatte dort vorsorglich dicke Eisenstangen in den Boden gerammt, um den Maschendraht zu verstärken. „Da ist der trotzdem drunter hergegangen.“

„Der wird es hier immer wieder versuchen, weil es so einfach war“, ist auch Jan-Dirk Hubbert überzeugt – egal ob ein wildernder Hund oder ein wilder Wolf der Übeltäter ist. Hubbert empfiehlt dem Züchter, den Zaun unter Strom zu setzen. Der Eigentümer hält das für zwecklos.

Wieder ein Damwild-Riss in Westerkappeln

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  • In einem Koffer bringt der Wolfsberater die Utensilien für die Spurensicherung mit.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Der Räuber hat sich unter den Zaun durch ins Tiergatter gegraben.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Im Drahtgeflecht des Zaunes sind einige Haare hängengeblieben. Auch sie werden ins Labor geschickt.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Wolfsberater Jan-Dirk Hubbert sichert Spuren. Foto: Frank Klausmeyer
  • Der Räuber hat sich unter den Zaun durch ins Tiergatter gegraben.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Im morastigen Boden ist eindeutig eine Fährte zu erkennen – ob die Trittsiegel von Wolf oder Hund stammen ist noch unklar.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Wolfsberater Jan-Dirk Hubbert sichert Spuren. Foto: Frank Klausmeyer
  • Rund 50 Damtiere weiden in dem Gatter in Westerbeck.

    Foto: Frank Klausmeyer
  • Wolfsberater Jan-Dirk Hubbert sichert Spuren. Foto: Frank Klausmeyer

Anders als der Spießer vor zwei Wochen wurde das Damtier nicht völlig ausgeweidet. Vermutlich habe er den Wolf gestört als er gegen Mitternacht nach Hause gekommen sei, erzählt der Eigentümer der rund 50-köpfigen Herde. Offenbar hat der Räuber versucht, seine Beute wegzuschleppen. „Man sieht Schleifspuren“, sagt der Züchter.

DNA-Untersuchung geplant

Ganz deutlich im morastigen Boden zu erkennen sind einige Trittsiegel, die aufgrund ihrer Größe und Form durchaus zu einem Wolf passen würden. Experte Hubbert öffnet seinen Koffer, holt den Zollstock heraus und vermisst die Spuren. Auch an den Kadaver legt er das Metermaß an, um die Größe des Tieres sowie die Länge des Kehlbisses und anderer Wunden zu bestimmen.

Dann macht der Wolfsberater Abstriche am toten Tier und versiegelt die Stäbchen behutsam in kleinen Plastikbeuteln. Die genetischen Spuren werden zur Untersuchung ans Senckenberg-Forschungsinstitut in Frankfurt geschickt. Dort werden auch die Proben vom ersten Damwildriss vor 14 Tagen analysiert. Ergebnisse stehen noch aus. Es ist jedoch fraglich, ob sich überhaupt ein tierischer Verursacher feststellen lässt, weil der Spießer schon tagelang im Regen gelegen hatte.

Dieses Mal könnte die DNA-Untersuchung vielleicht Klarheit bringen, denn das gerissene Damtier ist nach nur einer halben Nacht relativ unversehrt und von äußeren Einflüssen weitgehend verschont geblieben.

Entschädigung beim LANUV

Hubbert geht zum Loch am Zaun. Im Drahtgeflecht wehen einige Haare im Wind, die von Hund oder Wolf stammen könnten. „Haare sind immer schwierig“, sagt der Fachmann, „weil die DNA von Wolf und Hund identisch ist.“ Die Struktur könne aber zumindest Anhaltspunkte liefern.

Der Wolfsberater rät dem Züchter, den Kadaver zum veterinär-medizinischen Untersuchungsamt nach Münster zu bringen. „Das kostet zwar 30 Euro, das kann aber Gewissheit bringen.“

Verhaltenstipps bei einer Wolfsbegegnung

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  • Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wolf in freier Wildbahn begegne? Das NRW-Umweltministerium gibt für den „äußerst unwahrscheinlichen“ Fall folgende Tipps:

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht versuchen, sich dem Wolf zu nähern, ihn anzufassen oder zu füttern!

    Das Bild zeigt „Wolfsflüsterer“ Jos de Bruin im Naturwildpark „Granat“ in Haltern-Lavesum.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht weglaufen, am besten stehen bleiben und abwarten, bis sich der Wolf zurück zieht.

    Foto: Patrick Pleul (dpa)
  • Wenn man selbst den Abstand vergrößern will, langsam zurück ziehen.

    Foto: Bernd Thissen (dpa)
  • Man kann den Wolf auch vertreiben, indem man auf sich aufmerksam macht, zum Beispiel, indem man das Tier laut anspricht, in die Hände klatscht oder mit den Armen winkt.

    Foto: Julian Stratenschulte (dpa)
  • Da Wölfe die Nähe des Menschen mieden, sei es selbst in einem Gebiet, in dem Wölfe ihr Revier haben, äußerst unwahrscheinlich, ein Tier zu Gesicht zu bekommen, betont das Umweltministerium.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Vor allem bei jungen und unerfahrenen Wölfen könne es aber vorkommen, dass die Neugier stärker sei, als die Furcht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Jede Sichtung eines Wolfs sollte möglichst bald an das zuständige Landesumweltamt gemeldet werden – in NRW unter der Nummer 02361-3050 (werktags) bzw. 0201-714488 (außerhalb der Geschäftszeiten und am Wochenende) oder per E-Mail wolf_nrw@lanuv.nrw.de erreichbar.

    Foto: Gunnar A. Pier

Wenn es wirklich ein Wolf war, der das Damwild gerissen hat, könnte der Züchter eine Entschädigung beim LANUV beantragen. „Aufs Geld kommt es mir nicht an, ich will meine Tiere behalten“, sagt der Eigentümer, der befürchtet, dass sich der Wolf tatsächlich in der Region niederlässt. Jan-Dirk Hubbert hält das für möglich. Die Voraussetzungen seien aus Sicht des Wolfes gut. Es gebe ein großes Nahrungsangebot. „Ich glaube, wir haben noch nie so viel Rehwild wie heute gehabt“, meint der Förster und deutet auf eine Handvoll Ricken, die gerade jenseits des Gatters auf einer grünen Wiese äsen.

Freigabe zum Abschuss erwünscht

Hubbert ist um Sachlichkeit bemüht. „Die Hysterie kommt von ganz alleine“, stellt der Wolfsberater mit Blick auf die sogenannten sozialen Netzwerke fest. Die beiden Damwild-Halter sind sich derweil sicher, dass der Wolf schon bald ins Jagdrecht aufgenommen und damit zumindest teilweise zum Abschuss freigegeben wird.

Der Züchter aus Westerbeck will nun erst einmal eine Wildtierkamera aufhängen. In der Nähe von Neuenkirchen, etwa 15 Kilometer entfernt, war vor einigen Tagen ein Wolf in eine Foto-Falle getappt. Die Sichtung gilt von Experten als bestätigt. Ein solcher Beweis für Westerkappeln ist allerdings noch nicht erbracht. Die Angst bei Nutztierhaltern geht weiter um.

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