Angebliche Schlammlawine
Die Geschichte des Fehlalarms in Nordwalde

Nordwalde -

50 Schüler mitten in Nordwalde von einer Schlammlawine begraben? Mit einem Anruf bei der Kreisleitstelle hat ein geistig verwirrter Mann in der Nacht zu Donnerstag einen Großeinsatz ausgelöst. Warum die Rettungskräfte den Anruf nicht einfach ignoriert haben.

Donnerstag, 11.04.2019, 21:00 Uhr
Über 100 Rettungskräfte machen sich in der Nacht zum Donnerstag auf den Weg zur vermeintlichen Unglücksstelle nach Nordwalde. Ein geistig verwirrter Anrufer hatte berichtet, dass Schlamm 50 Schüler unter sich begraben habe.
Über 100 Rettungskräfte machen sich in der Nacht zum Donnerstag auf den Weg zur vermeintlichen Unglücksstelle nach Nordwalde. Ein geistig verwirrter Anrufer hatte berichtet, dass Schlamm 50 Schüler unter sich begraben habe. Foto: Jens Keblat

Die Meldung, die die Nordwalder Feuerwehr in der Nacht zu Donnerstag erreicht, klingt dramatisch: In der Löttken­straße in Nordwalde soll Schlamm 30 bis 50 Kinder unter sich begraben haben. Aber wie glaubwürdig ist das? Eine Schlammlawine, die um 2.49 Uhr so viele Kinder begräbt? „Im ersten Moment denkt man darüber nicht genau nach, sondern fährt einfach los“, sagt Matthias Lenfort. Als der Leiter der Feuerwehr vor Ort ankommt, finden sich keine Kinder, kein Schlamm. Ein Fehlalarm.

Ein Anrufer bei der Kreisleitstelle in Rheine hatte den Alarm ausgelöst. Glaubhaft vermittelte er die Tragödie. Der Mann stellt sich erst später als geistig verwirrt heraus. Die Kreisleitstelle sieht sich infolge seiner Schilderungen gezwungen, den größtmöglichen Rettungsdienstalarm auszulösen: „MANV-3“. Das steht für einen Massenanfall von Verletzten mit über 50 Patienten und Betroffenen. Dass im Kreis Steinfurt ein Alarm dieser Stufe ausgelöst wird, ist sehr selten. In diesem Jahr ist es erst der zweite.

Bauarbeiten in benachbarter Straße

Deswegen machen sich weit mehr als 100 Leute auf den Weg. Neben der Nordwalder Feuerwehr mit 65 Leuten rücken sieben Berufsfeuerwehren im Kreis Steinfurt aus – ebenso wie das DRK, das THW, der Rettungsdienst, die Polizei und der leitende Notarzt.

Wenige Stunden nach dem Einsatz sitzt Matthias Lenfort in seinem Büro im Rathaus. Er ist in der Gemeinde für den Tief- und Straßenbau zuständig. Er weiß, dass an der Amtmann-Daniel-Straße, die an die Löttkenstraße grenzt, Bauarbeiten durchgeführt werden. Ganz unrealistisch erscheint das vom Anrufer geschilderte Szenario in dem Zusammenhang nicht mehr.

Es kam der Gedanke an die KvG-Schule. Man weiß, dass die Abschlüsse bevorstehen. Die Baustelle begleite ich beruflich.

Matthias Lenfort

Und die Kinder? An der Amtmann-Daniel-Straße liegt die Kardinal-von-Galen-Gesamtschule. Für die angehenden Abiturienten läuft die letzte Schulwoche. In der Mottowoche sind ungewöhnliche Aktionen nicht unüblich. „Es kam der Gedanke an die KvG-Schule. Man weiß, dass die Abschlüsse bevorstehen. Die Baustelle begleite ich beruflich“, sagt Lenfort. „Die räumliche Nähe . . .“ Mit der Prämisse fahren die Nordwalder zum Einsatzort.

Weder an der Löttken­straße noch der Amtmann-Daniel-Straße erkennen Lenfort und seine Kameraden eine Gefahrenlage, dafür treffen sie auf den Anrufer, der vor Ort an seiner Meinung festhält und später in eine Klinik gebracht wird.

Schon 100 Leute vor Ort

Die Situation klärte sich langsam auf. „Dann kommt Ruhe rein“, sagt Lenfort. Die Nordwalder informieren die Kreisleitstelle. Die schickt etwa 20 Minuten nach dem Großalarm eine Meldung an die Helfer heraus, dass sie ihren Einsatz abbrechen können. Noch nicht alle sind eingetroffen. Uwe Schmitz, Pressesprecher der Nordwalder Wehr, schätzt, dass dennoch bereits etwa 100 Leute vor Ort waren.

Wach geworden sein dürften einige Nordwalder. Die Sirenen heulten in der Nacht zwei Mal. Schmitz hörte die erste Sirene noch wenige Sekunden, bevor er die Meldung von der Kreisleitstelle empfängt. Egal, wie plausibel die Nachricht klingt: „Du nimmst das ernst“, sagt er. „So etwas kannst du natürlich nicht ignorieren.“

Extreme Situation

Wenn in einer Leitstelle ein Anruf eingeht wie der bei der Leitstelle des Kreises Steinfurt in der Nacht zum Donnerstag, dann sind die Feuerwehrleute dort in einer extremen Situation. Das erklärt Dirk Kleiböhmer, Brandschutzdezernent bei der Bezirksregierung in Münster. Die Entscheidung, einen Großalarm auszulösen, wird dabei mindestens vom Computer begleitet, zusätzlich können die Diensthabenden auch Kollegen zu sich rufen, wie Kleiböhmer schildert.

Im Falle eines Anrufs geben die Feuerwehrleute am Leitstellenrechner unter anderem den Ort ein, außerdem die vermutete Anzahl der Verletzten oder gar Todesopfer und viele weitere Infos. Mit jedem zusätzlichen Eintrag informiert der Computer über zur Verfügung stehende Rettungswagen und Notärzte in der Nähe und regelt auch die sogenannte Ausrücke-Ordnung – also zum Beispiel bei einem Unfall mit drei Verletzten, dass drei Rettungswagen und zwei Notärzte auf den Weg geschickt werden. In der Regel lösen die Feuerwehrleute den Alarm aus, den der Computer vorschlägt.

Glaubwürdigkeit des Anrufers

Parallel geht es darum, die Glaubwürdigkeit des Anrufers zu überprüfen. Ist er betrunken? Widerspricht er sich? Ist er allein auf weiter Flur? Bei der Explosion eines Hauses zum Beispiel ist es unwahrscheinlich, dass sich nur ein Anrufer meldet. Für solche Fragen seien die erfahrenen und auch mit Führungsaufgaben betrauten Feuerwehrleute geschult. Denn eines ist nach Kleiböhmers Worten klar: Bei all der Helfern, die bei einem MANV 3-Einsatz unterwegs sind, „wird der Himmel schon mal dunkel“.

Was genau der geistig verwirrte Anrufer gesagt hat, dass der MANV-3 ausgelöst hat, wird wohl nicht öffentlich werden. Dafür ist ein aufwendiges rechtliches Verfahren notwendig, für das es im Nordwalder Fall offenbar keine Veranlassung gibt.

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