Ein Paradies für Modellbau-Freaks
Hier fahren alle Züge pünktlich

Sendenhorst -

Karl Greive hat in seinem Keller in mehr als 20 Jahren auf 52 Quadratmetern und über vier Etagen eine Modellbahnwelt mit 500 Metern Schienen aufgebaut. Alles fährt digital. Es gibt 200 Signale, die dafür sorgen, dass der Zugbetrieb reibungslos verläuft. 32 Loks ziehen 19 Zuggarnituren der unterschiedlichen Kategorien über Brücken, durch Tunnel und durch die Haltepunkte.

Freitag, 19.04.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 19.04.2019, 16:12 Uhr
Der Bahnhof von Karlstadt ist mit neun Gleisen das Herzstück der Anlage. Hinter dem Bahnhof brennt das Finanzamt.
Der Bahnhof von Karlstadt ist mit neun Gleisen das Herzstück der Anlage. Hinter dem Bahnhof brennt das Finanzamt. Foto: Josef Thesing

Auf dem Bahnhof von Karlstadt herrscht Hochbetrieb. Auf allen neun Gleisen ist Verkehr. Ein Güterzug ist durch- und ein Intercity eingefahren. Etwas abseits steht der Interregio BR 216 abfahrbereit. „Auf Gleis drei fährt ein der ICE 401 . . .“ ertönt es aus dem Lautsprecher am Bahnsteig. Und zwar gut verständlich, ohne Genuschel. Und der ICE ist pünktlich, denn in Karlstadt kommen alle Züge immer on time an, weil sie aufeinander abgestimmt sind. Das liegt an der Digitaltechnik, gesteuert von zwei Rechnern.

Nun ist Karlstadt nicht der Kölner Hauptbahnhof. Und das, was der Sendenhorster Karl Greive in seinem Keller aufgebaut hat, ist nicht das Streckennetz der Deutschen Bahn. Aber das Prinzip ist das gleiche: ein bis ins letze technische Detail abgestimmtes Verkehrssystem, das funktioniert. Nicht im richtigen Leben, sondern im Modellbaustandard „Märklin H0“. „Ich habe viel Zeit darin investiert, um die Digitaltechnik überhaupt erst richtig zu verstehen“, sagt Karl Greive, während er den Zugbetrieb am mit zwei Bildschirmen ausgestatteten Steuerpult dirigiert und kontrolliert.

Die Rechner sorgen – jetzt fast wie im richtigen Leben – dafür, dass der ICE Vorrang hat. „Jeder Zug hat sein eigenes Programm“, erklärt Greive.

Jeder Zug hat sein eigenes Programm.

Karl Greive

Die gesamte Anlage hat es in sich. Sie erstreckt sich auf rund 52 Quadratmetern auf drei und zum Teil sogar vier Ebenen. Unten sind auch die „Schattenbahnhöfe“ angesiedelt, aus denen die Züge durch Tunnel oder über Brücken in die Modelllandschaft hineinfahren, die der Sendenhorster aus feinem Beton gestaltet hat. Das war schließlich mal das berufliche Metier von Greive.

Fast 500 Meter Schienen

Fast 500 Meter Schienen mit 132 Weichen hat er verlegt. Es gibt 200 Signale, die dafür sorgen, dass der Zugbetrieb reibungslos verläuft. 32 Loks ziehen 19 Zuggarnituren der unterschiedlichen Kategorien über Brücken, durch Tunnel und durch die Haltepunkte. Damit das alles funktioniert – natürlich leuchten alle Lampen, in den Häusern brennt Licht, und die Feuerwehr fährt mit Blaulicht – hat Greive in den Untergeschossen etwa acht Kilometer Kabel verlegt, die zehn Stromkreise versorgen. Wenn er dort etwaige Fehler beheben muss, nimmt er seinen fahrbaren Sitz, den er dafür konstruiert hat, um sich unter die Anlage schieben zu können.

Jeder Zug fährt autonom und digital gesteuert

Auf dem Bahnhof von Karlstadt geht gerade eine Suchmeldung über die Lautsprecher, während ein Zug einfährt. Dazu müssen keine Knöpfe gedrückt oder Hebel geschoben werden, obwohl auch Handbetrieb geht. „Der Zug fährt von alleine in den Bahnhof“, erklärt Greive. „Die Züge regeln die Vorfahrt untereinander, so dass Zugbegegnungen zufällig und damit variantenreich sind.“

Die Modellbahn-Landschaft von Karl Greive

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Diese Aufgaben übernehmen Decoder in den Loks und auf der Anlage. Und zwar in beiden Richtungen. Verantwortlich dafür ist das „Blockstreckensystem“. Einfach und unfachlich ausgedrückt bedeutet das, dass die gesamte Anlage in Blöcke mit mehreren Strecken und Weichen eingeteilt ist. Der Computer prüft, ob der Block frei ist, und stellt dann die Signale für die Züge. Und dann heißt es „freie Fahrt“ bis zum nächsten Signal.

Die Züge sind aber nur das eine in der kleinen „Wunderwelt“ im Keller von Karl Greive, in dem Luftfeuchtigkeit und Temperatur stetig kontrolliert werden. Es gibt ein paar Tausend Figuren auf der Anlage, Hunderte von Pkw und Lkw – und das Finanzamt von Karlstadt brennt. Weinberge, die beackert werden, gehören ebenso dazu, wie ein Unfall beim Holzverladen, ein Hügel mit Hotel und Skipiste inklusive Flutlicht, Kioske, reges Treiben in einem Biergarten im Weindorf Burgdorf, ein Schotterwerk, eine Bergsteigergruppe, ein Einsatz der Holzkirchener Feuerwehr, die Deutzer Brücke, ein Campingplatz am Wasser mit Booten und die Hamburger Köhlbrandbrücke.

In den Häusern laufen die Fernseher

Viel Betrieb herrscht auch im Bahnbetriebswerk mit Lokschuppen und auf den angrenzenden Arealen. In einigen Häusern laufen die Fernseher, und auf dem Wochenmarkt wird gehandelt. Die Brauerei ist ebenso beleuchtet wie die Innenstadt von Karlstadt. Leicht bekleidete Damen gehen auf dem Lkw-Parkplatz ihrer Arbeit nach, während auf der anderen Seite der Anlage aus der Basilika-Schlosskirche Musik von einem Konzert zu hören ist. Dazu gibt es viel Landschaft. „Die Bäume habe ich alle selbst gebaut“, erzählt Karl Greive, der bei der Gestaltung der Anlage neben der Präzision auch viel Humor walten ließ: Ein Strand am See mit FKK-Bereich fehlt auch nicht.

Die hoch komplizierten Schaltpläne für die Anlage und die Planung für den Aufbau hat Greive nicht alleine entwickelt und gebaut. Den Hauptaufbauplan hat Uwe Brilmayer aus Ingelheim, ein Fachmann für Eisenbahn-Modellbau, ersonnen. Verfeinert wurde der Plan von Diplom-Ingenieur Rüdiger Eschmann aus Bochum. Das Digital-Programm „Soft-Lok“ stammt vom Diplom-Ingenieur Wolfgang Schapals aus Mindelheim. „Ich bin fünf Mal zur Schulung und für die Erstellung meines Programms nach Mindelheim gefahren“, erzählt Karl Greive. Ein komplizierter Plan an der Wand im Keller zeigt, was daraus geworden ist. „Das alles hat mehrere Jahre gedauert“, so der Modellbauer. Geholfen hat ihm beim Bau der Module mit Häusern und Personen unter anderem auch „Eisenbahnfreund“ Ditmar Stelter aus Osnabrück. „Dafür sind viele Nächte draufgegangen“, blickt Karl Greive zurück.

Nun ist die Anlage erstmal komplett, muss aber gewartet werden. Für die WLE, versichert der 73-jährige Eisenbahn-Freak, ist noch Platz.

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