Telgterin erlitt in den USA Hirnblutung
Ins Leben zurückgekämpft

Telgte -

Eine Alptraumnachricht erreichte die Telgter Familie Meuthen im Januar 2015. Ihrer Tochter Maike, die an einem Schüleraustausch in den USA teilnahm, wurden nach einer Hirnblutung keine Überlebenschancen eingeräumt. Doch es kam anders.

Freitag, 19.04.2019, 12:00 Uhr
Barbara Meuthen ist glücklich, ihre Tochter Maike wieder bei sich zu Hause zu haben. Zu Beginn ihres USA-Austausches hatte die junge Telgterin noch die Metropole Chicago besucht.
Barbara Meuthen ist glücklich, ihre Tochter Maike wieder bei sich zu Hause zu haben. Zu Beginn ihres USA-Austausches hatte die junge Telgterin noch die Metropole Chicago besucht. Foto: Flockert

Den 19. Januar 2015 wird Barbara Meuthen nie vergessen. Ihre Tochter Maike weilte seit einem halben Jahr zu einem vom Telgter Rotary-Club organisierten Schüleraustausch in Baraboo im US-Bundesstaat Wisconsin. In einem Anruf wurde den Meuthens mitgeteilt, dass ihre 16-jährige Tochter in Folge einer Gefäßanomalie eine Hirnblutung erlitten und keine Überlebenschance habe. Vater, Mutter und Schwester Anna zog die schockierende Nachricht von einem Moment auf den anderen den Boden unter den Füßen weg.

Die Telgter Familie machte sich sofort auf den Weg in die Vereinigten Staaten. Derweil war die im Koma liegende Maike mit dem Helikopter vom örtlichen Krankenhaus in die Uniklinik nach Madison, die Hauptstadt Wisconsins, geflogen worden. „Wir hatten Glück, dass es dort eine der zehn besten Kinderneurologien in den USA gibt“, erzählt Barbara Meuthen. Zweieinhalb Wochen lag Maike dort im Koma, als sie erwachte. Doch nichts war mehr wie vorher. Die Jugendliche konnte nicht sprechen, sich nicht bewegen. Jegliche Kommunikation war unmöglich. Maike war – und ist auch heute noch – linksseitig gelähmt und halbseitig erblindet.

Dadurch, dass sie wieder sprechen kann, hat für sie das Leben neu begonnen.

Barbara Meuthen

Sieben Wochen zwischen Hoffen und Bangen verbrachten die Meuthens in den Staaten. „Dann war die Versicherungssumme von einer Million Dollar aufgebraucht. Allein die Notfall-OP hat 250 000 Dollar gekostet“, berichtet die Mutter. Zum Glück hatten die Rotarier vor Antritt der Reise auf dem Abschluss einer US-Krankenversicherung bestanden. In Begleitung eines Notfallassistenten und eines Arztes flog die Familie von Chicago nach Düsseldorf. In der dortigen Uni-Klinik wurde Maike weiterbehandelt, ehe es von März bis Dezember 2015 zur Früh-Reha nach Bremen ging.

Keine Verständigung möglich

Weihnachten 2015 kehrte sie erstmals nach Hause zurück. Der Gesundheitszustand hatte sich nicht entscheidend verbessert. Eine Verständigung war noch immer nicht möglich. An irgendwelche Bewegungen war nicht zu denken. Und das bei einer jungen Frau, die wenige Monate zuvor in den USA noch Eishockey gespielt und vor ihrer Reise acht Jahre lang bei der SG Telgte gekickt hatte.

Wir hatten Glück, dass es dort eine der zehn besten Kinderneurologien in den USA gibt.

Barbara Meuthen

Monate später wurde eine erste Kommunikation durch Augenzwinkern möglich. Durch „Ja“ und „Nein“ konnte Maike ihrer Familie und ihren Betreuern zumindest ein wenig mitteilen, was sie wollte, und was nicht. In dieser Zeit – Anfang 2016 – hat der Aufenthalt in der neurologischen Abteilung der Klinik Maria Frieden Positives bewirkt. „Da waren wir sehr gut aufgehoben“, sagt die Mutter.

Im April 2016 begann Maikes Zeit an der Regenbogenschule in Münster mit Unterricht in Einzelbetreuung. „Das hat mir geholfen, wieder ins Leben zurückzukehren“, erinnert sich die heute 20-Jährige, die weiterhin an den Rollstuhl gefesselt ist - und wohl auch für immer bleiben wird. Schreiben funktionierte fortan über einen Sprachcomputer mit Augensteuerung. Sich artikulieren konnte sie nicht, nur Laute von sich geben. Aber es gelang ihr, über WhatsApp Kontakte aufzubauen. Auch im Internet machte sie sich fit. Die junge Frau konnte wieder mit ihrer Umwelt kommunizieren.

Seit ich Dopamin habe, habe ich wieder Lebenswillen.

Maike Meuthen

Was Maike in diesem Zusammenhang heute bedauert, ist, dass sich eigentlich alle alten Freunde aus Telgte von ihr abgewandt haben. „Die einzigen, die sich melden, sind die anderen Austauschschüler aus aller Welt“, berichtet sie. Dabei kann sie jetzt durchaus konzentriert Gespräche führen. Glücklich ist Maike, seit fast einem Jahr einen Freund zu haben. Dieser ist ebenfalls Rollstuhlfahrer. Kennengelernt haben sie sich im Internat. Auf Grund seiner Ausbildung wohnt er 250 Kilometer von Telgte entfernt. Dank sozialer Netzwerke sind tägliche Kontakte möglich, und gegenseitige Besuche werden regelmäßig realisiert.

Zu was die junge Frau, die immer eine 24-Stunden-Assistenz benötigt, in der Lage ist, beweist sie an einem Berufskolleg für körperbehinderte Jugendliche in Bad Honnef, das sie seit November 2017 besucht. Internat, Schule und therapeutische Fachdienste arbeiten im Haus Rheinfrieden Hand in Hand. Als Klassenbeste hat sie nach einem halben Jahr den Handelsschulabschluss mit der Note 1,9 geschafft. Und das alles mit Hilfe des Augencomputers. An selbstständiges Schreiben oder Sprechen war da noch nicht zu denken. Seit Sommer 2018 besucht Maike die Höhere Handelsschule für Verwaltung und Wirtschaft. Der Schnitt auf dem Halbjahreszeugnis kann sich sehen lassen: 1,0.

Dopamin sorgt für den Durchbruch

Ein entscheidender Durchbruch bei der Verbesserung des Gesundheitszustandes gelang im Oktober 2018. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass ihr Körper den Botenstoff Dopamin nicht produziert. Dieser wurde ihr sofort in Tablettenform verabreicht. Maike gelang es dadurch, wieder zu sprechen und auch den rechten Arm zu bewegen. „Vorher habe ich es immer versucht, aber es funktionierte einfach nicht“, erzählt sie. „Seit ich Dopamin habe, habe ich wieder Lebenswillen. Davor war alles eine Qual.“ Und ihre Mutter fügt hinzu: „Dadurch, dass sie wieder sprechen kann, hat für sie das Leben neu begonnen.“

Bei besagter Untersuchung wurde zudem festgestellt, dass nur noch eine Hirnhälfte vorhanden ist. „Die andere ist schwarz“, berichtet Barbara Meuthen.

Trotz aller positiven Entwicklungen benötigt die Familie für Maikes Versorgung eine Rundum-Betreuung. Allerdings es ist kaum möglich, ausreichend Pflegekräfte zu finden. Die meiste Zeit ist Familie Meuthen daher gezwungen, die Betreuung selbst zu übernehmen.

Doch das ist bei Weitem nicht die einzige Sorge, die die Meuthens haben. Auch finanziell sind sie ziemlich ausgeblutet. Kostspielige Anschaffungen wie ein behindertengerechtes Auto und ein Rollstuhl-Lifter sind nur zwei Investitionen, die getätigt werden mussten. Auch wenn nach harten Kämpfen mit Krankenkassen, Versicherungen und dem LWL nun vieles bezahlt wird, muss Familie Meuthen trotzdem noch eine Menge aus eigener Tasche bezahlen.

Barbara Meuthen ist es fast peinlich, die Bürger der Stadt um Hilfe zu bitten. Sie möchte einen Fingertrainer anschaffen, den sie für unbedingt notwendig erachtet, um das Versteifen der Finger ihrer Tochter zu verhindern. Bei diesem Gerät handelt es allerdings um ein nicht anerkanntes Hilfsmittel, was wiederum bedeutet, dass die Kosten nicht übernommen werden. Die jährliche Leihgebühr beträgt 2890 Euro. Doch die monatlich rund 240 Euro kann die Familie nicht aufbringen. Wer dabei Unterstützung leisten möchte, der sollte sich mit Barbara Meuthen, ✆  01 77/ 14 46 160, in Verbindung setzen.

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