Interview mit Christian Lohmann
„Die meisten Bürger sind motiviert“

Nordwalde -

Es ist ein Dauerthema, das durch die „Fridays for Future“-Demonstrationen wieder stärker in den öffentlichen Fokus gerückt ist: der Klimaschutz. Was sagt der Klimaschutzmanager der Gemeinde Nordwalde zu den Protesten der Schüler? Welche Tipps gibt er Bürgern, um sich für den Klimaschutz zu engagieren?

Freitag, 19.04.2019, 14:00 Uhr
„Bei den Gebäuden bietet sich das größte Einsparpotenzial. Deshalb versuchen wir dort, immer effizienter zu werden“, sagt Klimaschutzmanager Christian Lohmann über die nächsten Projekte, die er in Nordwalde angehen will.
„Bei den Gebäuden bietet sich das größte Einsparpotenzial. Deshalb versuchen wir dort, immer effizienter zu werden“, sagt Klimaschutzmanager Christian Lohmann über die nächsten Projekte, die er in Nordwalde angehen will. Foto: Pjer Biederstädt

Seit fast genau zwei Jahren hat die Gemeinde Nordwalde einen Klimaschutzmanager: Christian Lohmann. Im Interview mit Redaktionsmitglied Vera Szybalski spricht er über die „Fridays for Future“-Bewegung, Energiesparpotenziale in Nordwalde und die Politik, die vom Klimaschutz überzeugt werden muss.

In ganz Europa demonstrieren Schüler und Studenten unter dem Motto „Fridays for Future“ für den Klimaschutz. Steigt in der Gesellschaft das Bewusstsein für das Thema?

Christian Lohmann: Ich glaube, das ist schon vielen bewusst. Die meisten Leute reagieren bei dem Thema auch positiv. Die wissen, dass etwas gemacht werden muss. Besonders die jungen Leute haben erkannt, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. An den Demonstrationen kann man erkennen, dass die Schüler das ernst nehmen und sich für mehr Klimaschutz einsetzen.

Viele Politiker sind nicht inhaltlich in die Debatte eingestiegen, sondern haben auf die Schulpflicht verwiesen.

Lohmann: Dadurch, dass die Schüler den Druck erhöht haben und klare Forderungen gestellt haben, muss die Politik irgendwann darauf eingehen. Dann muss sie sich dazu äußern, wie ernst sie die Forderungen nimmt.

Was Sie für das Klima tun können

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  • Strom sparen: Zuhause LED-Technik statt Glühbirnen einsetzen, Steckerleisten mit Standby-Modus nutzen.

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  • Öffentliche Verkehrsmittel nehmen und weniger fliegen: Muss mit dem Auto nach Münster gefahren werden oder geht auch der Zug? Lässt sich zur Verabredung nicht mit dem Fahrrad fahren?

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  • Weniger Fleisch essen, mehr regionale Produkte: Die Tierhaltung und der Transport des Fleischs, aber auch anderer Produkte, tragen zum Klimawandel bei.

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  • Weniger Lebensmittel verschwenden: Die Rechnung: weniger Lebensmittel gleich weniger Treibhausgasemissionen durch Düngung, Transport und Kühlung.

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  • E-Auto und Photovoltaikanlage kaufen: „Jeder, der sich eine Photovoltaikanlage auf das Dach baut, macht aktiven Klimaschutz“, sagt Christian Lohmann. Aber: Das ist nicht billig.

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  • Plastikverbrauch reduzieren: Statt der Kunststofftasche lieber den Jutebeutel nehmen.

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Die jungen Klimaschützer haben in einem Forderungspapier Ziele veröffentlicht. Deutschland solle unter anderem bis 2030 aus der Kohlekraft aussteigen und zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien versorgt werden. Bis Ende 2019 sollten zudem bereits ein Viertel aller Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Wie realistisch ist es, dass diese Ziele umgesetzt werden?

Lohmann: Die Forderungen zum Kohleausstieg sind sehr realistisch. Wir haben genug Stromkapazitäten am Markt, sodass wir auch kurzfristig die Kohlekraftwerke vom Netz nehmen könnten. Zur Zeit stehen viele Gaskraftwerke still. Diese könnten die Kohlekraftwerke ersetzen. Das wäre nicht zu 100 Prozent klimaneutral, aber Gaskraftwerke erzeugen weniger CO² als Kohlekraftwerke. Ob die Forderungen bezüglich erneuerbarer Energien erreicht werden können, hängt vor allem von der Förderung der Bundesregierung ab. Zurzeit gibt es einen Deckel für die Förderung von Solarstrom. Wenn der erhalten bleibt, kann der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht so schnell erfolgen.

Eine CO2-Steuer fordern auch die jungen Aktivisten.

Lohmann: Diese könnte den Strom aus fossiler Energie verteuern und dadurch die erneuerbaren Energien wirtschaftlicher machen.

Die Demonstrationen wurden von Schülern angestoßen. Arbeiten Sie mit den drei Schulen im Ort zusammen, um in Sachen Klimaschutz zu sensibilisieren?

Lohmann: Ja, wir haben Bildungskoffer für unsere Schulen bestellt, die das Thema Erneuerbare Energien behandeln. Da geht es um kleine Windkraftanlagen und man kann eine kleine Photovoltaikanlage beleuchten. Die Lehrer standen dem sehr positiv gegenüber.

Klimaschutz an der KvG-Schule

In Münster haben sich mitunter Tausende Schüler und Studenten an den „Fridays for Future“-</p><p>Demonstrationen beteiligt. Der siebte Jahrgang der Kardinal-von-Galen-Gesamtschule hatte zwischendurch mal überlegt, eine Klassenaktion daraus zu machen, sagte Schulleiterin Karla Müsch-Nittel. Die KvG-Schüler haben sich ansonsten unabhängig von den Demos für den Klimaschutz engagiert. Eine Gruppe von Fünftklässlern hat das Müll-Thema aufgegriffen. Sie haben kleine Aktionen dazu gestartet und etwa Plakate in der Schule aufgehängt. In verschiedenen Bereichen des Unterrichts taucht zudem das Thema „Klima“ auf, nicht zuletzt im Wahlprofil „Naturschutz“. Auch die Themen „Fairer Handel“ und „Nachhaltigkeit“ werden an der Schule behandelt.

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Deutschland wird seine Klimaziel für 2020 deutlich verfehlen. Wie schafft man es, die Bürger zu animieren, etwas für den Klimaschutz zu tun, wenn die Politik nicht weiterkommt?

Lohmann: Wir könnten unsere Klimaschutzziele erreichen. Dass wir es nicht tun, hat vor allem mit der Kohleindustrie zu tun. Der Kohleausstieg ist ja eine der Forderungen der „Fridays for future“-Bewegung. Ich glaube, dass wir die meisten Bürger gar nicht so stark motivieren müssen. Die meisten sind motiviert. Das sieht man am Hambacher Forst. Dass der nicht weiter abgerodet wurde, war in erster Linie keine politische Entscheidung. Der Druck aus der Bevölkerung ist so groß gewesen, dass die Politik das letztendlich entschieden hat. Es müssen nicht Bürger überzeugt werden, sondern die Politik.

Neben „Fridays for Future“-Demonstrationen und dem Einsatz für den Hambacher Forst – wie engagieren sich Bürger?

Lohmann: Zum Beispiel über die Energiegenossenschaften. Sie erzeugen dezentral Strom, jeder auf seinem Dach. Natürlich sind da welche engagierter als andere. Aber das wird immer mehr. Viele Bürger setzen sich mit dem Thema auseinander.

Welche Projekte zur Energieeinsparung wurden in Nordwalde bereits umgesetzt?

Lohmann: Die Kardinal-von-Galen-Schule ist der größte Energieverbraucher. Die Schule ist auf LED umgerüstet worden. Dann gab es eine Änderung bei der Heizungsanlage: Vorher wurden die Gebäude dezentral versorgt über eigene Kessel. Jetzt haben wir die Gebäude quasi miteinander verbunden. Wir haben auch ein Blockheizkraftwerk, das erzeugt nicht nur Wärme, sondern auch Strom. Eine Sache, die bei den Schulen noch gut funktionieren würde, wäre eine Photovoltaikanlage.

Neben den Photovoltaikanlagen, welche Projekte stehen in Zukunft an?

Lohmann: Wir haben sechs Stellen, wo die meiste Energie verbraucht wird. Das sind die drei Schulen, das Rathaus, die Straßenbeleuchtung und die Kläranlage. Da fallen 94 Prozent der Energiekosten an. Bei den Gebäuden bietet sich das größte Einsparpotenzial. Deshalb versuchen wir dort, immer effizienter zu werden. Danach wollen wir uns mit den kleineren Energieverbrauchern befassen. Die Straßenbeleuchtung ist komplett auf LED umgerüstet. Das Ziel für das neue Rathaus ist Kfw 55, dann ist man da auf einem guten Stand. Dann haben wir die drei Schulen, bei denen es noch ein erhebliches Einsparpotenzial gibt. Die Kläranlage wird immer ein großer Stromverbraucher bleiben, aber auch da sind schon verschiedene Maßnahmen umgesetzt.

Wie sieht die Energiebilanz im Kreis Steinfurt aus?

Lohmann: In der Erzeugung von regenerativem Strom ist im Kreis Steinfurt schon viel passiert. Hier liegen wir bei einem Anteil von 60 bis 70 Prozent am Strommix. Das ist im Vergleich zu Gesamtdeutschland schon gut. Nur bei der Mobilitäts- und Wärmewende stehen wir im Kreis, genauso wie ganz Deutschland, noch am Anfang. Das ist eine Riesenherausforderung für die Zukunft. Die CO²-Emissionen, die durch das Beheizen der Gebäude erzeugt werden, gilt es zu reduzieren. Im Verkehrssektor geht es um den Umstieg auf Elektromobilität oder Wasserstoffantrieb.

Erneuerbare Energien in Nordwalde

Den größten Anteil an erneuerbaren Energien in Nordwalde macht die Windenergie aus. Die Einspeisemenge ist in den vergangenen Jahren bis zu den letzten verfügbaren Daten aus 2017 jeweils doppelt so hoch gewesen wie zum einen die Solarthermie und zum anderen die Biomasse. Aber: „Das meiste Potenzial der Windenergie ist ausgeschöpft“, sagt Christian Lohmann.

Anders als die Windenergie und die Biomasse biete die Solarthermie ein „Riesenpotenzial“. Das hat der Kreis Steinfurt bei den Berechnungen für seinen „Masterplan Sonne“ herausgefunden. „Der Kreis hat das theoretisch mögliche Potenzial ermittelt“, sagt Lohmann. „Wenn das Potenzial komplett ausgenutzt würde, würde doppelt so viel Strom erzeugt, als jetzt in Nordwalde verbraucht wird.“

Der Kreis hat das Solarpotenzial für die Dach- und Freiflächen berechnet. 2017 lag der Anteil der Solarenergie noch unter dem der Biomasse in Nordwalde. Auf der Kläranlage und dem Feuerwehrgerätehaus gibt es Solaranlagen. Eine kleine Anlage befindet sich auch auf der KvG-Schule.

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