Nachtbaustelle
Das Straßenbauteam nachts auf der A 1

Lengerich -

Die Zahl der Menschen, die jubeln, wenn sie zur Nachtschicht eingeteilt werden, ist zweifellos gering. Auch die Männer vom Straßenbau können sich Besseres vorstellen. Die Nachtbaustelle hat trotzdem ihre Vorzüge: Sie gibt Sicherheit.

Samstag, 27.04.2019, 14:00 Uhr
Nachtbaustelle: Das Straßenbauteam nachts auf der A 1
Es kann losgehen:Die Autobahn ist gesperrt und der Trupp längst eingetroffen. Eine Nacht lang bessern die Männer grobe Schäden auf der Fahrbahn aus. Foto: Wilfried Gerharz

Frank Winkler ist ein Mann, der lieber eine Viertelstunde länger wartet, als sein Team einem Sicherheitsrisiko auszusetzen. Ab 20 Uhr sollte die A 1 zwischen Lengerich und Lotter Kreuz in Richtung Osnabrück eigentlich komplett gesperrt sein. Der 49-jährige Bauleiter schaut auf seine Uhr und kneift die Augen zu engen Schlitzen zusammen, um exakt sehen zu können, ob tatsächlich kein Fahrzeug mehr die Auffahrt passiert. Ein Opel, ein Fiat, zwei Laster – diese Nachtschicht bietet schon jetzt eine Gewissheit: Pünktlich beginnt sie nicht.

Sein Team wartet derweil seit einer guten Stunde auf einem abgesperrten Rastplatz auf den Starteinsatz des Chefs. Die Fräse parkt dort, gleich daneben der Lkw mit Kompressor und Rüttelmaschine, Besen, Schaufeln, Kies. Und natürlich der Transporter mit dem Kocher, in dem der Gussasphalt bei 240 Grad diabolisch dunkle Bläschen aufwirft. Die sieben Männer, die alle für ein Dortmunder Unternehmen arbeiten und gleich im Auftrag von Straßen NRW Fahrbahnschäden ausbessern, sind entspannt. Jeder weiß, welche Rolle er in dieser Nacht auf der Autobahn einzunehmen hat.

Stauvermeidung durch Nachtarbeit

Für Straßen NRW hat eine Baustelle wie diese viele Vorteile. Allein im vorigen Jahr sind 47 Prozent der rund 21 500 kürzeren Baustellen nachts eingerichtet worden. „Um Staus zu vermeiden“, wie Dr. Christoph Dröge von Straßen NRW in Gelsenkirchen erklärt.

Baustelle: Nachts auf der A1

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  • Auch die Übergänge müssen exakt ausgearbeitet werden, damit die Fahrbahn möglichst lange hält.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Es kann losgehen: Die Autobahn zwischen Lengerich und Lotter Kreuz ist in Richtung Osnabrück gesperrt. Der Trupp beginnt mit seiner Arbeit.

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  • Frank Winkler ist der Leiter des Bautrupps.

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  • Bauleiter Frank Winkler und der Polier Dirk Bömeke

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  • Siedend heiß wird der Gussasphalt auf die Fahrbahn gegossen.

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  • 8 tief – das bedeutet nichts anderes, als dass die Fräse acht Zentimeter Asphalt ausheben soll.

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  • Klarer Vorteil: Mit Gussasphalt können auch kleine Schäden ausgebessert werden.

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  • Der Abhub der Fräse wird mit einem Förderband auf die Ladefläche eines Transporters geladen.

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  • Kurze Dienstbesprechung – im Prinzip weiß aber jedes Mitglied des Teams, was es exakt zu tun hat.

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  • Die Baustelle wird mit Scheinwerfern nahezu taghell ausgeleuchtet.

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  • Das sieht nicht gut aus – diese Schäden müssen auf jeden Fall behoben werden.

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  • Exaktes Maß: Für die Fräse muss die Baustelle punktgenau abgemessen werden.

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20.30 Uhr. Die Sperrung ist gelungen. Das Team parkt die Fahrzeuge so, dass gleich der erste der zehn Asphaltschäden behoben werden kann. Dirk Bömeke erwartet den Bauleiter bereits. Bömeke ist Polier des Trupps. Die beiden Männer kennen sich gut. Gelegentlich reicht ein knappes Kopfnicken, um dem anderen zu sagen, wie tief die Fräse die beschädigte Decke aufbrechen und wie groß die Fläche sein soll, die das Team gleich mit Gussasphalt füllt.

Keine Angst vor Dreck

Eine Kehrmaschine der Autobahnmeisterei bahnt sich ihren Weg zwischen den Transportern und Pkw des Trupps. Auch für die Mitarbeiter der Autobahnmeisterei ist eine komplette Sperrung der Autobahn eine gute Gelegenheit, die Arbeiten auszuführen, die im fließenden Verkehr nur mühsam erledigt werden können. Der Fahrer lässt die Besen der Kehrmaschine kreisen und wirbelt Staub auf, den der Wind wie eine Sturmböe zum Bauteam bläst. Die Männer stört es nicht. Wer Angst vor Dreck hat, sollte sich einen anderen Job suchen.

Winkler malt gerade eine Ziffer auf die Fahrbahn. 8 – das dürfte reichen. Acht Zentimeter Asphalt, den die Fräse aus­heben soll. Der 49-Jährige betrachtet den Schaden genauer. Aus dem anfänglichen Riss ist längst ein Huckelpfad mit unterschiedlichen Ebenen geworden. „Wenn man das nicht bald repariert, kann ein Reifen daran Schaden nehmen“, sagt er und hebt mitten im Satz die Stimme, weil gerade ein Lkw-Fahrer auf der Gegenfahrbahn seine Hupe aufheulen lässt. Ein Bekannter von Winkler? „Wohl kaum“, kontert er.

Das sind selten Lkw-Fahrer. Die sind Profis. Es sind die Pkw-Fahrer, die aggressiv werden können.

Frank Winkler

Dann also ein freundlicher Gruß? „Eher nicht“, sagt er und lächelt ironisch. „Meistens ist es gut, wenn man nicht weiß, was die Fahrer einem eigentlich sagen wollen.“ Seine Männer und er haben oft Verkehrsteilnehmer gesehen, die ihnen Worte entgegenschleudern, die niemand hören muss, weil die Art, in der sie ausgesprochen werden, schon Bände spricht. „Das sind selten Lkw-Fahrer. Die sind Profis. Es sind die Pkw-Fahrer, die aggressiv werden können.“ Winkler zuckt mit den Schultern – so leicht bringt ihn niemand in Rage.

Mittlerweile kleidet sich der Himmel in Anthrazit. Einer der Männer schaltet die Scheinwerfer des Beleuchtungswagens so ein, dass sie exakt die nahezu quadratische Baustelle erleuchten. Das Team arbeitet mit einer fast schlafwandle­rischen Sicherheit. Der Mann, der die Fräse steuert, schiebt den Abhub auf ein Förderband. Wenn er zurücksetzt, um die nächste Spur auszuheben, fegen zwei seiner Kollegen die Steinchen, die nicht auf das Förderband gekommen sind, auf die nächste Spur. Danach fegen, mit Schaufeln Asphaltreste aus den Übergangsstellen zwischen Fahrbahn und Baustelle klopfen und schließlich mit einem Presslufthammer hartnäckige Reste aus den Winkeln entfernen.

Gussasphalt und Walzasphalt

„Das muss sehr sorgfältig gereinigt werden“, erklärt Winkler. „Sonst würde der Gussasphalt nicht so lange halten.“ Überhaupt – der Gussasphalt. Der Bauleiter könnte, wenn er nicht gerade anderweitig beschäftigt wäre, erhellende Vorträge über die Vorteile des Gussasphalts im Vergleich zum Walzasphalt halten. Mit Gussasphalt lassen sich – ein entscheidender Vorzug – auch winzige Schäden beheben, weil er nicht mit einer Walze verdichtet werden muss. Er hält deutlich länger als sein Konkurrent, ist allerdings auch teurer.

Der Kocher bringt gerade das kostbare Gut. Die Männer füllen Schubkarren mit der zähflüssigen Masse und bringen sie so aus, dass sie sich gleichmäßig über die abgefräste Fahrbahn ergießt. Mit Schaufeln und Haken die Fläche ebnen, Abstreusplitt darüber verteilen und später alles so sauber fegen, dass sich kein Fahrer über Steinschlag ärgern muss – alles Routine für das Team.

Früh morgens auf dem Heimweg

Um 6 Uhr morgens rollt der Verkehr wieder. Winkler und seine Männer haben ihre Schaufeln längst wieder auf den Ladeflächen verstaut und befinden sich auf dem Heimweg. Hinter ihnen liegt ein Nachtdienst, mit dem ihr Chef in der Dortmunder Firmenzentrale bestimmt einverstanden ist: Alle Arbeiten sorgfältig erledigt und mit dem Zeitrahmen aus­gekommen – trotz anfänglicher Verzögerung. Und das alles, um Staus zu vermeiden. Wenn die Verkehrsteilnehmer es doch nur zu schätzen wüssten . . .

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