Erster bestätigter Wolfsriss im Münsterland
„GW965f“ war in Westerkappeln

Westerkappeln -

GW965f – hinter dieser kryptischen Kennung verbirgt sich eine Wölfin, die in Westerkappeln mindestens zwei Damtiere gerissen hat. Das ist seit Dienstag amtlich. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUV) hat mitgeteilt, dass vor ein paar Wochen zweifellos ein und derselbe Wolf in einem Wildgehege in der Bauerschaft Westerbeck auf Beutejagd war. Es handelt sich um den ersten bestätigten Nutztierriss im Münsterland.

Dienstag, 07.05.2019, 18:53 Uhr aktualisiert: 07.05.2019, 20:58 Uhr
Der Verdacht hat sich bestätigt: Für die Damwildrisse Mitte und Ende März in der Bauerschaft Westerbeckwar ein Wolf verantwortlich. In beiden Fällen war es die gleiche Fähe. (Archivbild)
Der Verdacht hat sich bestätigt: Für die Damwildrisse Mitte und Ende März in der Bauerschaft Westerbeckwar ein Wolf verantwortlich. In beiden Fällen war es die gleiche Fähe. (Archivbild) Foto: Gunnar A. Pier

Der genetische Nachweis erfolgte beim Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen. Das Tier konnte durch die Speichelproben sogar individualisiert werden: GW965f – „GW“ steht für German Wulf, das „f“ für female (weiblich) – stammt wohl aus dem Naturschutzgebiet „Die Lucie“ im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg, wo sich ein ganzes Rudel angesiedelt hat. Die Fähe, so werden weibliche Wölfe genannt, wurde dort erst- und letztmalig im März 2018 nachgewiesen. Bis zu ihrem Auftauchen in Westerkappeln hat sie nirgendwo Spuren hinterlassen.

Die Wölfin hatte sich am 12. und am 27. März an dem Damwild-Gehege an der Straße Im Hook jeweils nachts an der gleichen Stelle unter einen Zaun durchgegraben und Damtiere getötet. Im ersten Fall wurde die Beute, ein sogenannter Spießer, fast völlig aufgefressen. Am 27. März wurde die Fähe möglicherweise nach dem Riss gestört. Wie der Züchter jetzt berichtet, wurden in der Nacht sogar zwei seiner Damtiere getötet.

Den anderen Kadaver habe er erst nach der Spurensicherung durch einen Wolfsberater in seinem Gatter entdeckt. „Das Tier wurde ein wenig angefressen und ist dann liegen geblieben“, erzählt der Westerkappelner, der nicht namentlich genannt werden möchte, weil er auch so schon „ständig Leute am Telefon hat“.

In der gleichen Nacht soll im ein paar Kilometer entfernten Steinbeck ein Kamerun-Schaf gerissen worden sein, hat der Damwild-Halter gehört. „Die haben das aber wohl nicht gemeldet.“

Wolfssichtungen und Nutztierrisse in Niedersachsen

Mitte März war zwischen der Neuenkirchener Ortschaft Lintern und Bramsche-Ueffeln ein Wolf in eine Fotofalle getappt. Die Stelle ist nur etwa 13 Kilometer Luftlinie von Westerkappeln entfernt. In jüngerer Vergangenheit soll es in der Region – auch in Seeste – weitere Sichtungen gegeben haben. Offiziell bestätigt wurden diese aber – bis auf einen Fall vor drei Jahren in Ibbenbüren-Laggenbeck – nicht.

Am 20. April wurde nachts bei Rüthen (Kreis Soest) ein Wolf von einer Wildkamera fotografiert. Die Aufnahmen wurden vom Landesumweltamt begutachtet und der Beobachtungsort von einer Wolfsberaterin identifiziert. Über die Identität des beobachteten Wolfes ist der Behörde bisher nichts bekannt.

Der bislang letzte einem Wolf zuzuschreibende Nutztier-Riss in NRW wurde in Wesel nachgewiesen. Dort hatte eine Wölfin zwei Schafe getötet. Es war aber nicht das gleiche Tier wie in Westerkappeln. Die Fähe mit der Kennung GW954f stammt aus dem anerkannten Wolfsgebiet Schermbeck.

In Niedersachsen ist der Wolf nach Daten der dortigen Landesjägerschaft deutlich weiter verbreitet: Für das Monitoring-Jahr 2018/2019 wurden bislang 3266 Meldungen von Wolfsvorkommen dokumentiert, in 1189 Fällen handelte es sich um sichere Wolfsnachweise. Von 26 nachgewiesenen Wolfsterritorien konnte in 20 Gebieten Reproduktion und somit der Rudelstatus bestätigt werden, dabei wurden mindestens 84 Welpen nachgewiesen.

Im gleichen Zeitraum wurden 261 Nutztierschäden an das offizielle Wolfmonitoring gemeldet, in 135 Fällen wurde der Wolf zweifellos als Verursacher festgestellt, dabei wurden 351 Nutztiere durch den Wolf getötet.

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Ermahnung zur Besonnenheit

Mit der Bestätigung nun dürfte die Gerüchteküche neu angeheizt und die Sorgenfalten von Nutztierzüchtern größer geworden sein. Anja Roy, Diplom-Biologin und ehrenamtliche Wolfsberaterin aus Lienen, mahnt jedoch zur Besonnenheit. Ob sich das Tier noch in der Gegend aufhält oder nur durchgezogen ist, sei reine Spekulation. „Und selbst wenn der Wolf noch hier ist, wäre das kein Grund zur Panik“, meint sie.

„Wir können alle nur die Daumen drücken, dass er weitergezogen ist“, meint Roy. Doch „früher oder später“ werde sich der Wolf wohl auch im Tecklenburger Land niederlassen, ist die Expertin sicher. Der Tisch sei reich gedeckt. Eigentlich jage der Wolf bevorzugt Rehe, davon gebe es „extrem viele“.

Den Haltern von Nutztieren empfiehlt sie schon jetzt darüber nachzudenken, wie sie ihre Gehege und Weiden besser schützen können. „Es kommt darauf an, die Zäune so dicht zu machen, dass ein Wolf erst gar nicht auf den Geschmack kommt“, rät die Expertin. Wölfe seien ähnlich schlau wie der Mensch, die Tierzüchter müssten dann eben schlauer sein.

Schutzmaßnahmen ergreifen

Das LANUV rät in Wolfsgebieten und den angrenzenden Pufferzonen zum Herdenschutz für Schafe, Ziegen und Gehegewild. Seit dem 23. März könnten Maßnahmen zu 100 Prozent aus Landesmitteln gefördert werden, aber eben nur in ausgewiesenen Wolfsgebieten und Pufferzonen.

Westerkappeln und das Tecklenburger Land sind weder das eine noch das andere. Dafür müsse es mehrere Nachweise für ein oder mehrere Wölfe über einige Monate geben, erläutert Anja Roy.

Der Züchter aus Westerbeck hat die Stelle am Zaun, an der sich GW965f zweimal in sein Damwild-Gehege durchgegraben hat, mittlerweile zubetoniert. Außerdem will er einen Elektrozaun ziehen. Was ihm Sorgen bereitet ist der Umstand, dass eine Fähe auf seinem Grundstück war. „Wenn die Welpen kriegt, haben wir ein Problem.“

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