Landesweites Pilotprojekt
Wie der Kreis Steinfurt gegen Wildunfälle vorgeht

Steinfurt -

Nirgendwo im Münsterland ereignen sich so viele Wildunfälle wie im Kreis Steinfurt. 2262 mal krachte es dort im vergangenen Jahr. Das ist viel zu oft, meint nicht nur die Polizei.

Freitag, 10.05.2019, 09:30 Uhr
Groß und grellgelb: Diese Wildwechsel-Schilder stellt die Kreisverwaltung auf der L 591 zwischen Lengerich und Lienen auf.
Groß und grellgelb: Diese Wildwechsel-Schilder stellt die Kreisverwaltung auf der L 591 zwischen Lengerich und Lienen auf. Foto: XX

Die Zahl der Wildunfälle steigt auch im Münsterland – seit Jahren und kon­tinuierlich. Spitzenreiter ist hier der Kreis Steinfurt. Rund 1500 mal krachte es 2018 in den Kreisen Borken und Warendorf. Im Kreis Coesfeld war es 1268-mal der Fall. Im Kreis Steinfurt rappelte es hinge­gen 2262-mal.

Zu viel ist zu viel, entschieden Polizei, Kreisverwaltung, Jägerschaft, Landwirte und Straßen-NRW ganz oben im Münsterland: In der kommenden Woche startet darum auf der L 591 zwischen Lengerich und Lienen ein landesweites Pilotprojekt, mit dem die Unfallzahlen gesenkt werden sollen. Pate stand hierbei der Landkreis Diepholz. Er hatte das gleiche Problem – und offenbar eine gute Lösung. „Die Erfahrungen dort sind jedenfalls positiv“, sagt Polizeihauptkommissar Jürgen Bauland. Das gibt Hoffnung.

Rehe erwischt es am häufigsten

Gründe dafür, dass sich vor allem Schalenwild und Autos im nördlichsten Kreis der Region so wenig vertragen, gibt es viele. Viel Fläche, jede Menge Straßen – ohne Autobahnen knapp 4000 Kilometer – und eine hohe Bevölkerungsdichte. Außerdem: Wald, Felder, Wiesen, Brachflächen und selbst ein Höhenzug: „Paradiesische Zustände auch für Reh-, Schwarz-, Dam-, Rot- und Sikawild“, sagt Lienens Hegeringleiter Hartmut Grotholtmann. Gerade jetzt, im Mai und Juni, sind die Tiere oft unterwegs. Folglich scheppert es gerade in diesen beiden Monaten besonders oft. Mit Abstand am häufigsten erwischt es dabei Rehe.

Wildwechsel-Schilder werden ignoriert

Um die Gefahr von Unfällen mit Wildtieren zu reduzieren, rät der NRW-Jagdverband Autofahrern, die Wildwechsel-Schilder „ernst zu nehmen“. Der ADAC mahnt, auf Waldstrecken oder solchen mit schlecht einsehbaren Straßenrändern den Fuß vom Gas zu nehmen.

Klingt in der Theorie gut, wird in der Praxis aber allzu oft ignoriert. Also versuchten die Projektpartner im Kreis Steinfurt, mit grellgelben und damit sehr auffälligen Schildern die Aufmerksamkeit der Autofahrer auf die Wildunfall-Gefahr zu lenken – und sie zugleich zu ei­ner gedrosselten Fahrweise zu bewegen. „Im Land kreis Diepholz wurde das Ge­schwindigkeitsprofil um 16 Stundenkilometer gesenkt“, sagt Bauland.

Einfach das Tempo heruntersetzen können die Behörden nicht. „Die Straßenverkehrsordnung sieht wegen häufiger Wildunfälle kei­ne Möglichkeit der Geschwindigkeitsreduzierung vor“, sagt Straßenverkehrsamtsleiter Bernd Buskamp.

32 Unfälle auf einem Straßenabschnitt

Vier Schilder wird Straßen-NRW auf dem 3,4 Kilometer langen Abschnitt der L 591 aufstellen. Dieses Stück Landstraße ist eines, auf dem sich die meisten Wildunfälle ereignet haben: 32 im Jagdjahr 2018/19.

Letztlich geht es um eine Bewusstseinsänderung.

Lienens Hegeringleiter Hartmut Grotholtmann

Die Schilder sind aber nur die halbe Miete. „Letztlich geht es um eine Bewusstseinsänderung“, meint Grotholtmann. Autofahrer müssen vorsichtiger sein, Waldbesucher nicht so einen wildvertreibenden Radau machen, Jäger die Tiere in Gefahrenbereichen stärker bejagen und Landwirte Blühstreifen nicht au­toma­tisch am Straßenrand anlegen und Saatgutmischungen verwenden, die dem Schalenwild nicht sofort das Wasser im Maul zusammenlaufen lassen …

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