Petition von Tagesmüttern
Kein Recht aufs Kranksein?

Ahlen -

Unter dem Titel „ Faire Bezahlung und soziale Sicherheit für Ahlener Tagesmütter “ haben zwei Ahlenerinnen eine Petition gestartet und sammeln Unterschriften. Sie fühlen sich von der Stadt unfair behandelt.

Mittwoch, 15.05.2019, 21:15 Uhr aktualisiert: 16.05.2019, 10:06 Uhr
Simone Schumann und Heidi Scherlitz (v.l.) haben eine Petition für soziale Sicherheit für Tagesmütter auf den Weg gebracht. In der Fußgängerzone und online sammeln sie Unterschriften. Unterstützt werden sie dabei von Mutter Elina Driesner.
Simone Schumann und Heidi Scherlitz (v.l.) haben eine Petition für soziale Sicherheit für Tagesmütter auf den Weg gebracht. In der Fußgängerzone und online sammeln sie Unterschriften. Unterstützt werden sie dabei von Mutter Elina Driesner. Foto: Sabine Tegeler

 „Jeder hat ein Recht auf Erholung und Genesung. Nur ich nicht.“ Heidi Scherlitz findet deutliche Worte, um ihrem Unmut Luft zu machen. Die 41-jährige Ahlenerin ist als Tagesmutter tätig. Ebenso wie ihre 46-jährige Kollegin Simone Schumann betreut sie seit mittlerweile elf Jahren ne­ben ihren eigenen Kindern auch kleine Mädchen und Jungen aus anderen Familien. Und das eigentlich sehr gerne. Wären da nicht die Bedingungen. Die wollen die beiden Frauen verbessern und haben deswegen eine Petition gestartet .

Sowohl auf Unterschriftenlisten als auch online können Unterstützerinnen und Unterstützer zeichnen. Die Petition mit dem Titel „Faire Bezahlung und soziale Sicherheit für Ahlener Tagesmütter“ richtet sich an Bürgermeister Dr. Alexander Berger. Denn ihre Kritik, die sie zuvor an anderen Stellen hervorgebracht hätten, sei durchweg abgebügelt worden, sagen die beiden Frauen. „Egal, wo man hingeht, man wird nicht gehört“, ist Simone Schumann ebenso sauer aufs Jugendamt wie auch auf die Servicestelle Tagespflege in Trägerschaft der Caritas, die im Auftrag des Jugendamts die Vermittlung von Tagesmüttern durchführt.

Heidi Scherlitz und Simone Schumann geht es zum einen um eine bessere Bezahlung und zum anderen um das „Recht auf Urlaub und Krankheit“. Denn die Ahlener Tagesmütter, so erklären sie, müssten im Krankheitsfall das Geld, das sie für die Kinderbetreuung im Voraus bekommen haben, für die Krankheitstage an die Stadt zurückzahlen. Gleiches gelte für Urlaubstage. Die Beiträge, die die Eltern an die Stadt für die Betreuung zahlen, würden allerdings für die Ausfallzeiten nicht erstattet. „Dann fordern die Eltern von uns, die ausgefallenen Stunden nachzuarbeiten“, sagt Heidi Scherlitz. Sie könne es sich also weder leisten, krank zu werden, noch, länger Urlaub zu machen: „Dabei wollen die Eltern sicher lieber eine seelisch belastbare und zufriedene Tagesmutter und nicht eine, die sich krank durchschleppt.“

Die soziale Absicherung fehlt.

Simone Schumann

Auf die Idee, dass es auch anders gehe, kam Heidi Scherlitz, als ihr ein Kind aus dem Kreis Soest anvertraut wurde. Das Jugendamt des Nachbarkreises habe ihr ei­nen Vertrag geschickt, in dem 30 Arbeitstage Urlaub und sechs Wochen Krankheit ohne Rückzahlung zugestanden wurden. Sie habe erstaunt nachgefragt und von den Bedingungen in Ahlen berichtet: „Die Frau hat mich daraufhin gefragt: Das lassen sich die Ahlener Tagesmütter gefallen?“

Simone Schumann pflichtet ihrer Kollegin bei: „Hier haben schon viele Tagesmütter genau deswegen aufgegeben. Die soziale Absicherung fehlt.“ Dabei seien sie als Tagesmütter „arbeitnehmerähnlich selbstständig. Und deswegen haben wir auch arbeitnehmerähnliche Schutzbedürfnisse“.

Seit 2016 bekommen die Tagesmütter 4,80 Euro pro Kind pro Stunde – weniger als beispielsweise in Warendorf oder Beckum, sagen sie. Außerdem stiegen dort die Sätze automatisch jedes Jahr um 1,5 Prozent, in Ahlen nicht. Hier müsse man darauf warten, dass irgendwann eine Steigerung beschlossen werde.

Für Ulla Woltering, Fachbereichsleiterin Jugend und Soziales, und André Deppe, Gruppenleiter Kindertagesbetreuung, sind die Vorwürfe starker Tobak. „Wir schätzen die Arbeit der Tagesmütter außerordentlich. Es ist unbestritten, welchen großen Beitrag sie leisten, damit der Rechtsanspruch der Eltern auf die Kinderbetreuung erfüllt werden kann“, schiebt Ulla Woltering dem Inhaltlichen vorweg. Auch André Deppe will nicht den Eindruck entstehen lassen, dass Tagesmütter in Ahlen ungerecht abgespeist würden. Es habe schon ein langes Gespräch stattgefunden mit den beiden Initiatorinnen der Petition und sowohl er als auch Ulla Woltering seien weiterhin gesprächsbereit. Allerdings müsse er manche Statements aus der Petition auch scharf zurückweisen – beispielsweise, dass Tagesmütter nicht eindeutig selbstständig seien. „Sie sind selbstständig und bekommen vom Finanzamt deswegen auch Steuervergünstigungen.“ Und zu den Stundensätzen führt er aus, dass man sich 2016 gegen die Dynamisierung entschieden habe, es dafür aber alle vier Jahre eine Erhöhung gebe. 2020 stehe die nächste an. „Und es gibt Kommunen, die zahlen auch weniger.“

André Deppe ist es zudem wichtig zu betonen, dass die beiden Frauen nicht für alle Ahlener Tagesmütter sprechen. Es gebe auch viele, die mit dem System durchaus zufrieden wären. „Dennoch werden wir uns damit beschäftigen und gucken, was möglich ist.“

Ulla Woltering wendet sich noch einmal ganz ausdrücklich an Heidi Scherlitz und Simone Schumann, aber auch an alle anderen Tagesmütter: „Wir möchten keine Polarisierung. Die Tagesmütter sind uns wichtige Partner.“ Sie biete weiterhin das Gespräch an – egal, ob Petitionsbefürworter oder -gegner.

Heidi Scherlitz und Simone Schumann sammeln unterdessen weiter Unterschriften. Am Samstag wollen sie wieder in der Fußgängerzone stehen.

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