Abschiebung einer jesidischen Familie
„Besonders für die Kinder ist das tragisch“

Senden -

Eine jesidische Familie ist abgeschoben worden, obwohl sie in Senden bestens integriert war und ein breiter Unterstützerkreis Perspektiven für ein Bleiberecht schaffen wollte. Unter Bürgern, im Sportverein und in den Schulen löst der Fall Betroffenheit aus.

Donnerstag, 16.05.2019, 17:22 Uhr aktualisiert: 17.05.2019, 11:22 Uhr
In diesem Haus an der Ostlandstraße hat die Familie gewohnt, die am frühen Donnerstag abgeschoben worden ist.
In diesem Haus an der Ostlandstraße hat die Familie gewohnt, die am frühen Donnerstag abgeschoben worden ist. Foto: sff

Die Behördenfahrzeuge rollen gegen 4 Uhr am Donnerstag in die nächtliche Stille der Ostlandstraße. Eine friedliche Ruhe, die jäh endet. Denn Beamte und Begleiter betreten Hausnummer 8 und vollstrecken die Abschiebung einer Familie, die nach Informationen unserer Zeitung bereits am selben Tag von Düsseldorf aus nach Armenien geflogen wurde. Eine Familie, die bestens integriert war in Senden. Mit Kindern, die Grundschule und Gymnasium besuchten und einer von ihnen auf dem Feld als Fußballer glänzte.

Kopfschütteln bis Empörung bei den Bürgern

In Senden haben der Fall und das Vorgehen Kopfschütteln bis Empörung ausgelöst. Denn: Viele Bürger der Stevergemeinde hatten sich seit Langem darum bemüht, der vierköpfigen Familie eine Bleibeperspektive zu verschaffen. Dazu gehört Alfons Hues. „Ich bin entsetzt“, betont der erste stellvertretende Bürgermeister Sendens.

Er zählt sich zu den Verfechtern einer Linie, dass Menschen, die in Deutschland negativ aufgefallen sind, sich an Gesetze oder Grundwerte nicht halten, das Land auch wieder verlassen müssen. Diese jesidische Familie, die Deutsch sprach, habe aber Wurzeln geschlagen und sich eingebracht, so­­ Hues. Ihn freut es, dass sowohl im JHG als auch im Sportverein schon Unterstützungsaktionen angelaufen sind.

Ich bin entsetzt.

Bürgermeister Alfons Hues, der die jesidische Familie unterstützt hat

Hues räumt ein, dass ein Familienmitglied die Behörden getäuscht habe. Dies sei geschehen aus Furcht, nicht aus krimineller Energie. Dieser Fehler werde nun allen Familienangehörigen zum Verhängnis, bedauert er. Der Vollzug von Recht und Gesetz „muss auch menschlich bleiben“, appelliert Hues. Ihm tun besonders die zehn- und zwölfjährigen Kinder leid. „Für die ist das tragisch.“

Kinder Leistungsträger in Schulen und Sportverein

So sieht es auch Alfred Holz, bis 2015 hauptamtlicher Bürgermeister Sendens, der auch zum Kreis der Unterstützer der Familie zählt. „Wir waren auf einem guten Weg“, zeigt er sich enttäuscht. Holz gesteht ein, dass die Behörden rechtmäßig vorgegangen seien, eine Ausnahme mit Blick auf die Situation der Familie wäre dem langjährigen Rathauschef und weiteren Mitstreitern aber eine Herzensangelegenheit gewesen.

Team der D 1 setzt sich für Mannschaftskollegen ein

Denn besonders der Zwölfjährige ist in Senden, seit 2015 seine Heimat, bekannt als Sportler und guter Schüler am örtlichen Gymnasium. Er spielte in der D 1 des VfL Senden, schaffte es in die Kreisauswahl und weckte schon Begehrlichkeiten bei anderen Clubs. Vor allem aber war er „bestens integriert“, unterstreichen VfL-Vorsitzender Gerd Buchcholz, der Leiter der Jugendabteilung, Christian Arends, und Trainer Philipp Just, die sich „geschockt“ zeigten.

Die D 1 reagierte als Mannschaft ebenfalls betroffen. Sie will Unterschriften sammeln und den Teamkollegen unterstützten: „Er fehlt uns als guter Freund und als Fußballer“, so die Spieler. In einer Sprachnachricht per WhatsApp hat sich der Zwölfjährige bereits bei seinem Team gemeldet. Er sei schon in Eriwan, lautete die Nachricht, die wegen seines Weinens kaum zu verstehen war.

Bei allem menschlichen Verständnis blieb uns keine andere Möglichkeit.

Ulrich Hellmich, Dezernent beim Kreis Coesfeld

Der Kreis Coesfeld unterstreicht unterdessen, dass die Zentrale Ausländerbehörde (ZAB) in Coesfeld und die Ausländerbehörde des Kreises „keinen anderen Spielraum“ gehabt hätten. Sowohl Verwaltungs- als auch Oberverwaltungsgericht (OVG) hätten die Ausreisepflicht bestätigt. „Bei allem menschlichen Verständnis blieb uns keine andere Möglichkeit“, hebt Ulrich Hellmich, Dezernent für öffentliche Sicherheit und Ordnung auf WN-Anfrage hervor.

Nachbarn schildern rabiates Vorgehen

Das Vorgehen der Behörden wird aber als unnötig rabiat geschildert. Ahmet Ozunkaya, der bei seiner Tante im Obergeschoss des Hauses zu Besuch ist, hat die Abschiebung hautnah miterlebt: „Der Junge hat laut geschrien, weil sein Vater plötzlich am Boden lag. Wir durften nicht mal von der Treppe runter, um uns zu verabschieden.“ Omar Musa, der seit 13 Jahren in der Ostlandstraße lebt, schüttelt den Kopf: „Der Mann ist schwer herzkrank. Und die Frau hat Nachbarn immer geholfen“, sagt er. „Alle haben hier ganz ruhig und ohne Probleme gewohnt. Warum müssen sie weg?“

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