Interview mit Landesjagdverband-Präsident
Ralph Müller-Schallenberg: „Wolf nicht aus den Augen lassen“

Münster -

In der Debatte um den Umgang mit den wieder in Deutschland heimischen Wölfen plädieren die Jäger dafür, dass die Tiere ins Bundesjagdgesetz aufgenommen werden. Der Bestand sei inzwischen so groß, dass man den Wolf nicht aus den Augen lassen dürfe, sagt der Präsident des Landesjagdverbandes, Ralph Müller-Schallenberg, im Interview mit unserem Korrespondenten Hilmar Riemenschneider. Das wird eines der Themen beim Landesjägertag, der an diesem Samstag in Münster stattfindet.

Freitag, 17.05.2019, 06:30 Uhr aktualisiert: 17.05.2019, 07:04 Uhr
Die Jäger wollen den Wolfsbestand regulieren.
Die Jäger wollen den Wolfsbestand regulieren. Foto: dpa

Herr Müller-Schallenberg, die schwarz-gelbe Koalition hat im Frühjahr das rot-grüne Jagdgesetz wieder zurückgedreht. Fühlen sich die Jäger jetzt wieder politisch resozialisiert?

Müller-Schallenberg : Zunächst ist mir wichtig, dass die schwarz-gelbe Koalition das Jagdgesetz nicht zurückgedreht hat. Sondern sie hat es fortentwickelt. Es wurden nur die Punkte zurück­gedreht, die aus sachlicher und fachlicher Sicht nicht vertretbar waren. Geblieben sind beispielsweise die Jagdverbote im Umfeld von Grünbrücken oder die Anzeigepflicht für Kfz-Unfälle mit Wildschaden, weil es vernünftige Regelungen waren.

Andere unvernünftige Vorgaben, von denen manche die Jägerschaft einfach schwächen sollten, sind korrigiert worden. Mit dieser Korrektur können wir sehr gut leben, obwohl noch nicht alle unsere Vorstellungen erfüllt sind.

Dem rot-grünen Gesetz ist ja eine monatelange und scharfe Auseinandersetzung vorausgegangen – über Jäger und Jagd ist noch nie soviel gesprochen worden. Wie hat sich das auf die Wahrnehmung der Jäger in NRW ausgewirkt?

Müller-Schallenberg: Die Wahrnehmung der Jäger durch die Öffentlichkeit ist nicht nur dadurch gewachsen. Wir haben damals viele Kampagnen gefahren, das war sicher ein entscheidender Punkt. Aber ich glaube, die Aufmerksamkeit für Jäger ist weiter gewachsen. In Deutschland gibt es 385.000 Jagdschein-Inhaber, fast 90.000 sind es in Nordrhein-Westfalen und 65.000 von ihnen sind im Landesjagdverband organisiert. Das ist eine gute Entwicklung.

Dazu kommt aber: Die Jagd wird weiblicher, es kommen mehr Jägerinnen dazu. Und auch bei den Jugendlichen gibt es viele, die mit 16 oder 18 die erste Jägerprüfung absolvieren. Ich stelle fest, die Jagd ist attraktiver geworden, weil man nicht nur raus geht und Tiere erlegt. Alle Aspekte – die Biotoppflege, die Hege, Artenschutz und Klimaschutz – gehören auch dazu. Dazu gewinnt Wildbret - „Wild Food“ -  als natürliche Ernährung eine wachsende Bedeutung.

Einige Forderungen des Landesjagdverbandes sind noch unerfüllt geblieben – eine davon ist, den Wolf in die Liste der jagdbaren Arten aufzunehmen . . .

Müller-Schallenberg: Das ist so nicht richtig. Wir haben die Aufnahme des Wolfs als jagdbare Art ins Landesjagdgesetz für nicht opportun erachtet. Wir haben mit dem Wolf keine großen Probleme, NRW ist noch nicht Wolfsland – auch wenn es ein, zwei Tiere hier gibt. Als urbanes Land haben wir nicht die Probleme, wie sie in Brandenburg oder Sachsen zu beobachten sind. Wir sind aber dafür, dass der Wolf ins Bundesjagdgesetz gehört. Das heißt dann nicht, dass er auch automatisch bejagt werden darf.

Aber es muss klar sein: Eine Tierart, die eine Raubwildart ist und keinen natürlichen Feind hat, deren Bestand um 30 Prozent pro Jahr wächst und inzwischen etwa 1300 Stück in Deutschland erreicht hat, hat nach EU-Regeln den günstigen Erhaltungszustand erreicht. Und die Probleme, die für Schäfer oder Pferdehalter entstehen, darf man nicht aus den Augen verlieren. Es darf keine Überpopulation geben, und es muss wolfsfreie Zonen geben. Das muss reguliert werden – und zwar durch die aus- und fortgebildeten Jäger.

Wo steht die Debatte dazu?

Müller-Schallenberg: Umweltministerin Schulze von der SPD und Landwirtschaftsministerin Klöckner von der CDU können sich da nicht einigen. Deshalb hat Angela Merkel es zur Chefsache erklärt. Ich bin mal gespannt, wie die Lösung aussieht. Für die östlichen Bundesländer ist das ein Riesenproblem und auch ein Wahlkampfthema. Es ist auch hoch emotionalisiert.

Es gab noch offene Punkte wie das Verbot bleihaltiger Munition, die in einer Reform des Bundesjagdrechts geregelt werden sollen. Wo erhoffen Sie sich noch Korrekturen?

Müller-Schallenberg: Abgesehen vom Wolf fordern wir drei wesentliche Punkte. Erstens plädieren wir für einen bundesweit gültigen Schießübungsnachweis, wie wir das in Nordrhein-Westfalen bereits an Stelle des Leistungsnachweises eingeführt haben.

Das zweite Thema ist „Weg vom Bleiverbot“: Das Bundesrecht setzt da auf Bleiminimierung, die bleihaltige Munition so lange zulässt, wie mit bleifreier Munition keine saubere Tötungswirkung sichergestellt werden kann. Die Industrie arbeitet daran intensiv. Drittens wollen wir die Jägerausbildung und -prüfung bundesweit vereinheitlichen. Da gibt es in den Ländern noch unterschiedliche Standards.

Verhaltenstipps bei einer Wolfsbegegnung

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  • Wie verhalte ich mich richtig, wenn ich einem Wolf in freier Wildbahn begegne? Das NRW-Umweltministerium gibt für den „äußerst unwahrscheinlichen“ Fall folgende Tipps:

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht versuchen, sich dem Wolf zu nähern, ihn anzufassen oder zu füttern!

    Das Bild zeigt „Wolfsflüsterer“ Jos de Bruin im Naturwildpark „Granat“ in Haltern-Lavesum.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Nicht weglaufen, am besten stehen bleiben und abwarten, bis sich der Wolf zurück zieht.

    Foto: Patrick Pleul (dpa)
  • Wenn man selbst den Abstand vergrößern will, langsam zurück ziehen.

    Foto: Bernd Thissen (dpa)
  • Man kann den Wolf auch vertreiben, indem man auf sich aufmerksam macht, zum Beispiel, indem man das Tier laut anspricht, in die Hände klatscht oder mit den Armen winkt.

    Foto: Julian Stratenschulte (dpa)
  • Da Wölfe die Nähe des Menschen mieden, sei es selbst in einem Gebiet, in dem Wölfe ihr Revier haben, äußerst unwahrscheinlich, ein Tier zu Gesicht zu bekommen, betont das Umweltministerium.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Vor allem bei jungen und unerfahrenen Wölfen könne es aber vorkommen, dass die Neugier stärker sei, als die Furcht.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Jede Sichtung eines Wolfs sollte möglichst bald an das zuständige Landesumweltamt gemeldet werden – in NRW unter der Nummer 02361-3050 (werktags) bzw. 0201-714488 (außerhalb der Geschäftszeiten und am Wochenende) oder per E-Mail wolf_nrw@lanuv.nrw.de erreichbar.

    Foto: Gunnar A. Pier

Waldbesitzer sind in großer Sorge um eine neue Borkenkäfer-Plage. Wie wirkt sich das für die Jäger aus?

Müller-Schallenberg: Private Waldbesitzer und Jäger arbeiten immer schon Hand in Hand. Es werden jetzt sehr viele Flächen wegen des Borkenkäfers abgeholzt. Und da werden wir die Waldbauern unterstützen. In diesen Bereichen muss dann intensiv gejagt werden, um den natürlichen Aufwuchs neuer Bäume zu ermöglichen. Wir wollen den Verbiss niedrig halten. Es geht um ein ausgewogenes Verhältnis von Wald und Wild.

Noch ungeklärt ist die Zukunft der früher vom Land erhobenen Jagdabgabe, die ja in NRW nach gerichtlicher Kritik abgeschafft worden ist. Welche Lösung schlagen sie vor?

Müller-Schallenberg: Umweltministerin Heinen-Esser hat vorgeschlagen, dass wir die Abgabe von unseren Mitgliedern erheben. Von den 45 Euro Jagdabgabe pro Jahr werden Schießstände ertüchtigt und andere Projekte bezahlt. Jedes Jahr kamen so mehr als 3,5 Millionen Euro zusammen. Unter dem früheren Minister Remmel sind da zehn Millionen Euro aufgelaufen.

Nach reiflicher Überlegung haben wir uns bereit erklärt. Das ist eine gewaltige Verantwortung, weil das transparent geschehen muss. Wir wollen unsere Mitglieder zunächst informieren und dann im kommenden Jahr einen Jagdbeitrag – auch in Höhe von 45 Euro im Jahr – für 2021 beschließen. Bis dahin reichen die erwähnten Rücklagen. Die Vorbereitung lastet uns schon seit einigen Monaten aus. Aber wir werden das schaffen.

Zahlen dann 65.000 LJV-Mitglieder für 25.000 anders oder nicht organisierte Jäger mit?

Müller-Schallenberg: Das ist eine wichtige Frage, denn wir können den Beitrag nur von unseren Mitgliedern erheben. Unsere alte Forderung „Jägergeld in Jägerhand“ wird akzeptiert. Aber die Abgabe wird dann nicht mehr bei Verlängerung des Jagdscheins erhoben. Davon profitieren Nichtmitglieder.

Wir werden deshalb dafür sorgen, dass unsere Mitglieder bevorteilt werden, wenn sie etwa die Schießstände nutzen. Und wir werben vehement bei den Nichtmitgliedern, für deren Passion – die Jagd nämlich – wir kämpfen und gekämpft haben, dass sie das solidarisch unterstützen.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Afrikanische Schweinepest aus dem Blick geraten. Bislang ist sie noch nicht in Deutschland festgestellt worden. Wie groß ist die Gefahr noch?

Müller-Schallenberg: Die Gefahr ist sehr groß. Gerade wenn man die Entwicklung in Belgien und Frankreich beobachtet. Mich überrascht, dass ASP im Osten und Westen aufgetreten ist, dass aber hier nichts festgestellt ist. Das ist positiv, aber auch bemerkenswert. Wir sind aber auch sehr aufmerksam und sehr gut vorbereitet.

Dafür haben wir eine Wildtier-Seuchenvorsorge-Gesellschaft gegründet, die im Ernstfall bis zu drei Kernregionen – vor allem in Ostwestfalen und Münsterland – einzäunen und von heute auf morgen reagieren können. Das Thema ist etwas in den Hintergrund geraten. Aber die Gefahr ist groß.

Geht sie eher vom Schwarzwild oder vom Menschen aus?

Müller-Schallenberg: Die Gefahr geht nur vom Menschen aus, Schwarzwild ist nur der Überträger. Wir können deshalb nur appellieren, dass äußerste Sorgfalt und Aufmerksamkeit bestehen bleibt, damit ASP hier möglichst nicht ausbricht, obwohl die Veterinäre sagen, es ist nur eine Frage der Zeit.

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