Interview mit Projektmanager Benjamin Beinecke
Dorfläden für mehr Wir-Gefühl

Kreis Steinfurt -

Bäcker zu, Metzger zu, Bank zu, Laden zu. In vielen kleinen Örtchen liegt die Nahversorgung inzwischen brach. Doch das muss nicht so bleiben. Wie mit EU-Fördermitteln neue Dorfläden entstehen:

Dienstag, 21.05.2019, 09:50 Uhr aktualisiert: 21.05.2019, 09:57 Uhr
Die meisten Dorfladen-Projekte im Kreis Steinfurt sind noch in der Planungsphase.
Die meisten Dorfladen-Projekte im Kreis Steinfurt sind noch in der Planungsphase. Foto: Architekturbüro Arnd Emons

Benjamin Beinecke ist Projektmanager „Dorfladen all inclusive“ bei der WertArbeit Steinfurt, dem Sozialunternehmen des Kreises Steinfurt. Zusammen mit örtlichen Arbeitsgruppen plant der 34-jährige Ibbenbürener derzeit Dorfläden in Hopsten-Schale, Ibbenbüren-Dörenthe, Greven-Gimbte und Rheine-Rodde.

Sie alle haben eines gemeinsam: Ihre Finanzierung basiert auf EU-Fördermitteln für den ländlichen Raum. Mit Benjamin Beinecke sprach unsere Redakteurin Anke Beiing.

Wie genau tritt die EU in den Dorfladen-Projekten in Erscheinung?

Benjamin Beinecke: Die EU hilft uns dabei, den ländlichen Raum zu entwickeln. In den kleinen Orten gibt es Menschen, die etwas auf die Beine stellen wollen, aber das kostet Geld und braucht Fachwissen. Das Geld kommt zum Teil aus der Leader-Förderung der EU, das Fachwissen von uns. So helfen wir den Menschen vor Ort, ihren Traum vom Dorfladen zu verwirklichen.

Wie weit sind die vier Dorfladen-Projekte?

Beinecke: In Schale sind wir am weitesten. Da hatten wir gerade eine erfolgreiche Gründungsveranstaltung für die Betreibergesellschaft des künftigen Dorfladens. Bei den anderen drei Projekten sind wir in der Planungsphase. Für Schale haben wir zudem bereits einen Antrag auf Finanzmittel zur Dorferneuerung an die Bezirksregierung gestellt, um die Immobilie für den Laden zu kaufen und zu sanieren.

Und dann kann es losgehen?

Beinecke: Wir werden – und das wäre mein Traum – am Ende des Jahres in Schale wieder einen Dorfladen haben können. Es kann aber auch bis ins nächste Jahr dauern.

In Schale engagieren sich sehr viele Bürger für das Projekt: Ist das in den anderen drei Orten auch so?

Beinecke: Wir sind in jedem Dorf mindestens zehn Personen in den Arbeitskreisen. In Schale haben wir den Vorteil, dass es bis Ende 2018 noch einen Dorfladen gab. Die Einwohner spüren gerade den Verlust des Dorfladens ganz konkret und sind daher sehr motiviert. Wenn ich schon zehn Jahre keinen Dorfladen mehr hatte, habe ich mein Verhalten angepasst und werde ihn nicht mehr so vermissen. Der zweite Vorteil in Schale ist, dass der Standort mit dem alten Ladenlokal von Anfang an klar war. In Rodde und Dörenthe haben wir inzwischen Immobilien ins Auge gefasst. In Gimbte sind wir auch, was den Ort angeht, noch recht frei. Dort und in Rodde wollen wir jetzt erst einmal einen Dorfladentag organisieren, um die Bevölkerung noch mehr abzuholen. Das Wichtigste ist, dass die Menschen an den Dorfladen glauben. Deshalb müssen wir ein Wir-Gefühl schaffen und die Gemeinschaft fördern. Dann gehen die Leute auch gerne in „ihrem“ Laden einkaufen.

Was spielt außer dem Glauben noch eine Rolle für den Erfolg oder Misserfolg eines Dorfladens?

Beinecke: Die Preise sollten vergleichbar mit denen im Supermarkt sein. Ansonsten geht es wirklich vor allem um die persönliche und individuelle Komponente. Dazu haben wir in einer Fragebogenaktion Wünsche der Bürger erfragt. Dabei ist Regionalität ebenso ein wichtiges Thema wie die Vermeidung von Verpackung. So ein Dorfladen bietet bis zu 2500 verschiedene Produkte an.

Die WertArbeit wird die Projekte auch bei laufendem Betrieb weiter begleiten. Wie tun Sie das?

Beinecke: Genau, für uns war die Motivation in erster Linie, Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keine Chance haben. Das ist das Ziel der WertArbeit. Für uns schlägt sich die Brücke zu unserem originären Ziel also dann, wenn die Läden öffnen. Für den Dorfladen hat das auch noch den Vorteil, dass solche Arbeitsplätze gefördert werden können. Das Verbundsystem aus vier Dorfläden ermöglicht es uns zudem, günstiger einzukaufen, vielleicht ein gemeinsames Lager aufzubauen und so ein besseres Preisgefüge für alle zu erzielen.

Spielt die EU denn auch im laufenden Betrieb noch eine Rolle?

Beinecke: Das werden wir sehen. Das Projekt war erst mal auf eineinhalb Jahre begrenzt. Wir überlegen gerade, wie wir nach der konzeptionellen Phase die Umsetzungsphase begleiten können.

Letzte Frage: Wären diese vier Dorfladen-Projekte aus Ihrer Sicht ohne EU-Fördermittel realisierbar?

Beinecke: Ganz klar, nein. Der Aufbauprozess eines Dorfladens ist sehr aufwendig. Wer sich mit dem Thema beschäftigt, merkt schnell, wie vielschichtig und kostenintensiv das ist. Ich weiß nicht, ob sich die Bürger da auch komplett allein durchgewühlt hätten.

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